Kategorie: Architekten im Gespräch
Über Mut und Machen
Es ist ein klarer Herbsttag in Brixen. Im Büro von Martin Gruber herrscht konzentrierte Stille – das Gegenteil von Chaos, obwohl überall Bewegung ist. Der große, aufgeräumte Tisch, ein Bildschirm am Kopfende, davor kleine Holzmodelle. Nicht Architektur zum Passivkonsum, sondern Architektur zum Begreifen: Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde, Modelle und Zitate prägen den Raum. Alles wirkt strukturiert, belebt jedoch von feinen Unregelmäßigkeiten, die von Handarbeit erzählen.
Vom Gestalter zum Unternehmer
Was 1957 als kleines Architekturbüro in Wien begann, ist heute ein international tätiges Unternehmen mit Standorten in Wien, Berlin und Frankfurt am Main. Heute, unter der Leitung von Harald Oissner, agiert die WGA ZT GmbH mit über 100 Mitarbeiter:innen an drei Standorten – Wien, Berlin und Frankfurt am Main – und deckt ein breites Leistungsspektrum von Architektur und Generalplanung bis zu Projektentwicklung und Baumanagement ab. Beim persönlichen Treffen sprach Harald Oissner über das sich wandelnde Berufsbild des Architekten, die Herausforderungen zwischen Kosten- und Nachhaltigkeitsdruck – und darüber, warum er überzeugt ist, dass Architektur auch im Zeichen der voranschreitenden Digitalisierung ein menschlicher Prozess bleiben wird.
Vom Stroh zum Stoff der Zukunft
Ob Skistöcke aus Hanffasern, Möbel aus Kombucha-Cellulose oder Prototypen mit Myzel-Bindern: Valentine Troi forscht mit ihrem Team im GROWNlab Innsbruck an Materialien, die buchstäblich wachsen. Das Labor, 2023 mit Unterstützung des Landes Tirol gegründet, versteht sich als Schnittstelle zwischen Landwirtschaft, Forschung und Industrie – und als Motor einer regional verankerten Bioökonomie. Mitten im Alpenraum arbeitet Troi daran, fossile Rohstoffe durch biobasierte Alternativen zu ersetzen und Wertschöpfungsketten neu zu denken. Im Gespräch erzählt Valentine Troi, wie sie von der parametrischen Architektur zur Materialforschung kam, warum Hanf, Flachs und Wolle eine Renaissance erleben – und weshalb für sie Kreislaufwirtschaft weit mehr ist als ein Schlagwort.
Wir müssen wieder intelligenter bauen
Albert Achammer hat 2025 den Vorstandsvorsitz des internationalen Büros ATP architekten ingenieure in dritter Generation von seinem Vater Christoph M. Achammer übernommen. Nach Stationen u.a. bei gmp Architekten in Hamburg gründete Albert Achammer 2020 dort einen neuen ATP-Standort mit rund 60 Mitarbeitern. 2024 wird er Partner. Der ETH-Zürich-Absolvent mit MBA der IESE Business School spricht im Interview über Architektur zwischen Hightech und Handwerk, über Künstliche Intelligenz und über die Zukunft eines Berufs, der wieder Verantwortung übernehmen muss.
Verantwortung übernehmen
Christine Sohar ist Senior Associate beim niederländischen Architekturbüro MVRDV. Gegründet 1993 von Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries, prägt das in Rotterdam ansässige Büro mit weiteren Standorten in Berlin, Paris, Shanghai und New York sowie rund 300 Mitarbeitenden seit drei Jahrzehnten die Diskussion über urbane Lebensräume. Die aus Graz stammende Architektin, die nach ihrem Studium an der TU Graz und der TU Delft zunächst bei Ole Scheeren in China arbeitete und 2016 zu MVRDV kam, ist seit 2025 Senior Associate. Im Interview spricht sie über die DNA-Elemente, die die Architektursprache des Büros definieren, über den Dialog mit Bauherren zwischen Vision und Kompromiss – und über die Rolle digitaler Werkzeuge im kreativen Prozess.
Die Schönheit nicht vergessen, sonst fällt das Dreibein um
GRAFT Architects wurde 1998 in Los Angeles von Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit gegründet. Sven Fuchs und Georg Schmidthals kamen 2018 als Partner hinzu. Hauptstandort ist seit 2001 das GRAFTLAB in Berlin. Weitere Büros folgten 2004 in Peking und 2019 in Shanghai. GRAFT beschäftigt heute rund 75 Mitarbeiter. Die kollektive Tätigkeit umfasst ein breites Spektrum von Gebäudetypen wie Wohn-, Kultur-, Bildungsbauten, institutionelle, kommerzielle, Masterplan- und Gesundheitsprojekte auf der ganzen Welt. Lars Krückeberg spricht über die Vision einer Architektur, die glücklich macht, die Philosophie des „Grafting“ als Fusion von Gegensätzen und Ambivalenz sowie die Rolle des Architekten als Zukunftsschützer.
Freiraum Jetzt
Sie spricht von Wäldchen statt Parkplätzen, von Flächen, die Wasser speichern, und von Städten, die wieder atmen lernen: Anna Detzlhofer, Landschaftsarchitektin und Präsidentin der ÖGLA, gehört zu jenen Stimmen, die urbane Lebensräume neu denken. Mit ihrem Büro DnD Landschaftsplanung prägt sie die Freiraumkultur Wiens und darüber hinaus und engagiert sich für eine Disziplin, die längst mehr ist als gestalterisches Beiwerk. Ein Gespräch über den gesellschaftlichen Wert von Grünraum, die Tücken unterirdischer Garagen – und die sinnliche Seite von Stadtlandschaft.
Keramik im Wandel
Keramik erlebt ein Comeback – vielseitig, experimentell, überraschend modern. Ob in großformatigen Fassaden, skulpturalen Möbeln oder als schlichte Tasse im Alltag: Immer mehr Architekt:innen und Designer:innen entdecken das Material neu. Auch in Innsbruck, wo man im kürzlich eröffneten Unbound Coffee Shop seinen Flat White aus einem schlichten cera.LAB-Cup genießen kann – weit entfernt von der provokanten Geometrie des „Ugly Cup“, aber mit derselben Haltung: Keramik als Experimentierfeld zwischen Alltag und Kunst. Mit seinem Studio cera.LAB entwickelt der Architektur-Designer und Materialforscher Jan Contala digitale Werkzeuge, die wie eine Verlängerung der Hand funktionieren.
Orte des Austauschs und der Teilhabe
Ein Schulgebäude ist endlich weit mehr als Klassenzimmer, Gang und Turnsaal. Es ist Lernlandschaft, Lebensraum und sozialer Mikrokosmos. Das Architekturbüro Kronaus Mitterer prägt diesen Wandel heute entscheidend mit. Im Interview sprechen Christian Kronaus und Peter Mitterer darüber, wie sich pädagogische Konzepte in räumliche Strukturen übersetzen lassen – und warum der „Raum als dritter Pädagoge“ dabei keine bloße Metapher ist.
Mutige Entscheidungen & individuelle Lösungen
Sabrina Mehlan, Petra Meng und Stefanie Wögrath – dieses Frauentrio steht hinter illiz architektur. Das 2008 gegründete Büro hat Standorte in Wien und Zürich und besteht inzwischen aus einem 20 bis 30-köpfigen Team. Im Gespräch geben die drei Architektinnen Einblick in ihre Herangehensweise an unterschiedliche Bauaufgaben und erläutern, wie es zu ihrem Fokus auf Bildungs-, Sport- und Kommunalbauten kam. Außerdem sprechen sie über realisierte Projekte, ihren Mut zu kontroversen Entscheidungen und die größten Unterschiede, die dem Büro beim Bauen in Österreich und der Schweiz begegnen.
Form follows Vision
Seit über 30 Jahren prägen Christoph Pichler und Johann Traupmann als PxT die österreichische Architekturszene. Entstanden in der Meisterklasse von Wilhelm Holzbauer, basiert ihre Partnerschaft auf einem unermüdlichen Dialog und einem gemeinsamen Arbeitsethos, das Architektur als intellektuelle Disziplin begreift. Im Gespräch blicken die beiden Architekten auf die Anfänge in Wien zurück, erklären, warum ein produktives Missverständnis oft besser ist als der ursprüngliche Plan und warum ihr dialogisches Prinzip auch in einem Büro mit 30 Mitarbeitenden noch funktioniert.
Architektur, die bleibt
Interview: Much Untertrifaller ist ein Mann der ersten Stunde. Seit den 1980er Jahren prägt er die europäische Architekturlandschaft – von wegweisenden Schulbauten in Vorarlberg und Frankreich über das Bregenzer Festspielhaus bis hin zu aktuellen Großprojekten. 100-Stunden-Wochen waren für ihn als junger Architekt keine Seltenheit, sieben Tage die Woche zu arbeiten ist für ihn bis heute normal – nicht aus Zwang, sondern aus Begeisterung für das Entwerfen. Untertrifaller denkt konsequent im Raum. Während andere schöne Pläne zeichnen, fragt er: „Wie steht es dann da? Was kann das? Für wen ist es?“








