Halm für Halm

15. Oktober 2026 Mehr

Jahrhundertelang prägte Schilf die Baukultur rund um den Neusiedler See. Dann verschwand das Material nahezu vollständig aus dem Neubau – verdrängt von industriellen Baustoffen und verschärften Brandschutzauflagen. Heute erlebt es eine überraschende Renaissance. Maßgeblich daran beteiligt ist Jacobus van Hoorne. Der promovierte Physiker arbeitete sieben Jahre am CERN, bevor er in den Familienbetrieb zurückkehrte und begann, das Schilfdach neu zu denken – auf wissenschaftlicher Basis. Mit Realbrandversuchen, Forschungsprojekten und preisgekrönter Architektur zeigt er, dass Schilf weit mehr sein kann als ein Relikt vergangener Zeiten – nämlich ein regionaler Baustoff mit Zukunft.

 

 

An einem Wintermorgen, Nebelschwaden liegen über dem Neusiedler See und die ersten Sonnenstrahlen vergolden den Schilfgürtel, beginnt die Geschichte eines Baustoffs, der jahrhundertelang zum Landschaftsbild gehörte und dennoch beinahe in Vergessenheit geraten wäre. Für Jacobus van Hoorne beginnt sie jedoch nicht am Seeufer, sondern in Genf. Sieben Jahre arbeitete der promovierte Physiker am CERN, dem europäischen Kernforschungszentrum, wo er sich mit den kleinsten Bausteinen des Universums beschäftigte. Heute steht er auf Dächern, begleitet die Schilfernte, entwickelt Dachaufbauten und diskutiert mit Brandschutzsachverständigen über Bauordnungen. Was auf den ersten Blick wie ein radikaler Berufswechsel erscheint, folgt bei näherer Betrachtung derselben Logik: dem Wunsch, Systeme zu verstehen, Annahmen zu hinterfragen und Lösungen anhand von Fakten statt Vorurteilen zu entwickeln. Genau diese Haltung prägt seine Arbeit mit dem Schilf.

 


Einfamilienhaus, Weiden am See: Das preisgekrönte Wohnhaus dient zugleich als Forschungsprojekt, Demonstrationsbau und architektonisches Statement für die Zukunft des Schilfdachs. © Gilbert Berthold

 

Als van Hoorne in den Familienbetrieb im Burgenland zurückkehrte, fand er einen Baustoff vor, dessen Potenzial in auffälligem Widerspruch zu seiner tatsächlichen Nutzung stand. Rund um den Neusiedler See wachsen jedes Jahr enorme Mengen Schilf. Der überwiegende Teil wird geerntet und exportiert, während das Schilfdach im österreichischen Neubau praktisch verschwunden ist. Zu stark waren die Vorbehalte gegenüber Kosten, Haltbarkeit und vor allem dem Brandschutz. Ein Material, das über Jahrhunderte die regionale Baukultur geprägt hatte, galt plötzlich als überholt.

Van Hoorne wollte sich mit dieser Entwicklung nicht zufriedengeben. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil ihn die technischen Eigenschaften des Materials überzeugten. Schilf ist lokal verfügbar, nachwachsend, langlebig und nahezu vollständig in natürliche Stoffkreisläufe rückführbar. Eine rund 30 Zentimeter starke Schilfdeckung übernimmt gleichzeitig die Funktion von Dachhaut und Wärmedämmung. Sie schützt vor sommerlicher Überhitzung, benötigt vergleichsweise wenig Herstellungsenergie und hinterlässt am Ende ihrer Nutzungsdauer kaum Abfall. In einer Zeit, in der die Bauwirtschaft nach kreislauffähigen und ressourcenschonenden Lösungen sucht, erscheint Schilf plötzlich nicht als Relikt der Vergangenheit, sondern als überraschend zeitgemäße Antwort.

 


© Arnoud Bostelmann

 

Doch Überzeugungen allein verändern keine Bauordnungen. Deshalb begann van Hoorne dort, wo er sich als Physiker zuhause fühlt: bei der Forschung. Gemeinsam mit Fachleuten entwickelte er einen neuen Dachaufbau und ließ dessen Brandverhalten in Realbrandversuchen untersuchen. Die Ergebnisse widerlegten eine der zentralen Annahmen über das Material. Moderne, fachgerecht ausgeführte Schilfdächer geraten nicht in Vollbrand und können brandschutztechnisch sicher ausgeführt werden. Die Versuche schufen die Grundlage für Genehmigungen, die zuvor kaum denkbar gewesen wären.

Parallel dazu entstand in Weiden am See ein Gebäude, das Wohnhaus, Demonstrationsbau und Forschungsprojekt zugleich ist. Das gemeinsam mit Architekt Gilbert Berthold entwickelte Einfamilienhaus mit seiner frei geformten Schilfhülle zeigt exemplarisch, dass traditionelle Materialien nicht an traditionelle Formen gebunden sind. Das mehrfach ausgezeichnete Projekt wurde zu einem sichtbaren Beweis dafür, dass Schilf auch in einer zeitgenössischen Architektursprache bestehen kann.

 


Atelier 7121: Beim Zubau des Hotels Nils am See, geplant von Doppelplusgut und Mezza-Maiso, verbinden Schilfdach und Fassadenelemente einen jahrhundertealten Baustoff mit zeitgenössischer Hospitality-Architektur. © Roider Catherine

 

Inzwischen findet sich das Material sowohl auf Wohnhäusern als auch in Gastronomie- und Tourismusprojekten wie Das Fritz oder dem Hotel NILS am See. Dort wird Schilf Teil einer Architektur, die sich nicht über Spektakel definiert, sondern über ihre Verbindung zum Ort. Die Gebäude greifen auf einen Rohstoff zurück, der buchstäblich vor ihrer Haustür wächst, und machen damit regionale Wertschöpfung sichtbar. Genau darin die eigentliche Bedeutung von Jacobus van Hoornes Arbeit. Er rehabilitiert nicht nur ein Material. Er stellt eine grundsätzliche Frage an die Architektur unserer Zeit: Warum suchen wir nach innovativen Lösungen in aller Welt, wenn manche Antworten seit Jahrhunderten direkt vor unserer Haustür wachsen? Schilf wird dadurch mehr als ein Baustoff. Es wird zum Sinnbild einer Baukultur, die Ressourcen, Handwerk, Forschung und regionale Identität wieder zusammendenkt. Und genau darin könnte seine größte Zukunft liegen.

 


Das Fritz: Schilf wird hier nicht nur als Baustoff eingesetzt, sondern als Teil des Landschaftsbildes. Das Gebäude scheint aus dem Schilfgürtel des Neusiedler Sees herauszuwachsen. © Hannes Regner

 

Q&A – mit Jacobus van Hoorne

Wenn Sie heute Architekt:innen und Bauherr:innen erklären, was ein modernes Schilfdach ausmacht: Welche Missverständnisse begegnen Ihnen am häufigsten?

Die größten Vorbehalte betreffen nach wie vor Kosten, Lebensdauer und Brandschutz. Viele Menschen gehen davon aus, dass ein Schilfdach deutlich teurer ist als andere Dachdeckungen oder nur eine begrenzte Lebensdauer hat. Beides stimmt so nicht. Vergleicht man die Gesamtkosten inklusive Unterkonstruktion, bewegt sich ein Schilfdach durchaus auf Augenhöhe mit anderen hochwertigen Dachaufbauten. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass fachgerecht ausgeführte Schilfdächer mehrere Jahrzehnte überdauern können. Am hartnäckigsten hält sich allerdings die Vorstellung, Schilf sei grundsätzlich brandgefährlich. Genau deshalb haben wir umfangreiche Realbrandversuche durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen klar, dass moderne Schilfdächer mit angepasster Konstruktion nicht in Vollbrand geraten und brandschutztechnisch sicher ausgeführt werden können.

Sie haben den Schritt vom traditionellen hinterlüfteten Schilfdach zum geschraubten Dachaufbau ohne Hinterlüftung vollzogen. Wo liegen die größten Vorteile?

Der wichtigste Vorteil ist die deutlich höhere Brandsicherheit. Durch den Verzicht auf die Hinterlüftungsebene wird die Sauerstoffzufuhr im Brandfall stark reduziert. Gleichzeitig kann die Dämmwirkung der Schilfdeckung vollständig genutzt werden. Die größte Herausforderung bestand darin, die Behörden von diesem Aufbau zu überzeugen. Dafür waren die Brandversuche entscheidend. Sobald die Ergebnisse vorlagen, gab es aus bauphysikalischer Sicht kaum noch Vorbehalte.

 


Sundeck Weiden: Schilf vermittelt zwischen gebauter Struktur und Naturraum und verankert das Projekt sichtbar im Kontext des Neusiedler Sees. © Hannes Regner

 

Schilf vereint Dachhaut und Dämmung in einem Material. Welche Argumente überzeugen Bauherr:innen heute besonders?

Interessanterweise sind es oft die einfachen Argumente. Ein Schilfdach übernimmt gleichzeitig die Funktion der Dachdeckung und eines großen Teils der Wärmedämmung. Es schützt sehr gut vor sommerlicher Überhitzung und besteht vollständig aus einem nachwachsenden Rohstoff. Hinzu kommt, dass bei der Herstellung vergleichsweise wenig Energie benötigt wird. Während viele konventionelle Baustoffe in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden sind, konnte Schilf seine Wettbewerbsfähigkeit sogar ausbauen. Viele Bauherren überrascht das.

Seit den Realbrandversuchen sind Bewilligungen einfacher geworden. Wie sieht ein Genehmigungsverfahren heute aus?

Ganz ohne zusätzliche Nachweise geht es noch nicht. In der Regel braucht es eine Stellungnahme eines Brandschutzsachverständigen, weil Schilfdächer formal nicht denselben Klassifizierungen entsprechen wie viele industrielle Dachdeckungen. Bei Einfamilienhäusern mit ausreichendem Abstand zu den Grundstücksgrenzen ist dieser Nachweis mittlerweile jedoch relativ unkompliziert. Wir arbeiten dafür mit einem Brandschutzbüro zusammen, das bereits die Brandversuche begleitet hat und entsprechendes Fachwissen mitbringt. Im Vergleich zu früher sind die Hürden jedenfalls deutlich geringer geworden.

Das Einfamilienhaus in Weiden am See ist Wohnhaus, Forschungsprojekt und Demonstrationsbau zugleich. Welche Erkenntnisse konnten Sie bisher daraus gewinnen?

Für Aussagen über Alterung oder Langzeitverhalten ist das Haus noch zu jung. Was sich aber bereits jetzt sehr deutlich zeigt, ist der hohe sommerliche Komfort. Trotz großer Dachflächen bleibt das Gebäude auch an heißen Tagen angenehm temperiert. Gerade in Zeiten zunehmender Hitzebelastung ist das ein wichtiger Aspekt. Das Schilfdach schützt sehr effektiv vor sommerlicher Überwärmung und macht eine Klimaanlage in unserem Fall überflüssig.

 


Hotel Nationalpark Illmitz: Das Schilf der Umgebung wird zur Gebäudehülle und macht regionale Materialkreisläufe unmittelbar sichtbar. © Hannes Regner

 

Rund 99 Prozent des geernteten Schilfs werden exportiert. Wie lässt sich diese Situation verändern?

Wir versuchen vor allem Bewusstsein zu schaffen. Dazu arbeiten wir mit Universitäten zusammen, beteiligen uns an Forschungsprojekten und organisieren Workshops oder Vermittlungsformate mit Schulen und kulturellen Institutionen. Natürlich sind unsere Möglichkeiten als kleiner Betrieb begrenzt. Trotzdem merken wir, dass das Interesse wächst. Immer mehr Menschen erkennen, welches Potenzial in einem regional verfügbaren Baustoff steckt, der technisch konkurrenzfähig und gleichzeitig ökologisch äußerst attraktiv ist.

Projekte wie Das Fritz oder NILS am See machen Schilf auch zu einem identitätsstiftenden Gestaltungselement. Welche Rolle spielt die Architektur dabei?

Interessanterweise kommen die Anforderungen selten von der Materialseite. Die Auftraggeber entscheiden sich meist bewusst für Schilf, weil es eine starke Verbindung zur Region herstellt und eine besondere Atmosphäre erzeugt. Unsere Aufgabe besteht dann darin, das Material handwerklich und konstruktiv so einzusetzen, dass es sowohl funktional als auch architektonisch überzeugt. Gerade im Tourismus zeigt sich, dass regionale Materialien weit mehr sein können als eine gestalterische Geste – sie werden Teil der Identität eines Ortes.

Gemeinsam mit der TU Graz arbeiten Sie an vorgefertigten Schilf-Elementen. Wohin könnte sich das Material künftig entwickeln?

Aktuell sehen wir das größte Potenzial bei Fassadenelementen. Dort lassen sich Vorfertigung und standardisierte Prozesse besonders gut nutzen. Spannend werden solche Systeme vor allem für größere Gebäude, bei denen sich Bauteile wiederholen – etwa im mehrgeschossigen Wohnbau oder bei öffentlichen Bauten. Wenn es gelingt, Schilf stärker in industrielle Fertigungsprozesse zu integrieren, könnten sich völlig neue Anwendungsfelder eröffnen.

 

Text: Linda Pezzei

Kategorie: Architekturszene, Kolumnen, Sonderthema