Mutige Entscheidungen & individuelle Lösungen
Sabrina Mehlan, Petra Meng und Stefanie Wögrath – dieses Frauentrio steht hinter illiz architektur. Das 2008 gegründete Büro hat Standorte in Wien und Zürich und besteht inzwischen aus einem 20 bis 30-köpfigen Team. Im Gespräch geben die drei Architektinnen Einblick in ihre Herangehensweise an unterschiedliche Bauaufgaben und erläutern, wie es zu ihrem Fokus auf Bildungs-, Sport- und Kommunalbauten kam. Außerdem sprechen sie über realisierte Projekte, ihren Mut zu kontroversen Entscheidungen und die größten Unterschiede, die dem Büro beim Bauen in Österreich und der Schweiz begegnen.
Wie stellen Sie Ihr Büro jemandem vor, der Sie nicht kennt? Wer ist illiz architektur und was macht das Büro aus?
Illiz arbeitet länderübergreifend mit zwei Bürostandorten in Wien und in Zürich. Wir haben keinen ausgesprochenen Fokus, jedoch machen Planungen für die öffentliche Hand – das heißt Bauten für Bildung, Sport und kommunale Infrastruktur – einen großen Teil unserer Arbeit aus. Dazu kommen großvolumige Wohnbauten. illiz ist außerdem eines der wenigen Büros, das von drei Partnerinnen geführt wird. Wir haben uns zu Studienbeginn kennengelernt und sind über das gemeinsame Gestalten stark zusammengewachsen. Trotz der Distanz zwischen Wien und Zürich pflegen wir einen intensiven Austausch, der auch unser Team prägt.
In Ihrem Portfolio finden sich Projekte in unterschiedlichsten Maßstäben – wie unterscheidet sich dabei Ihre Herangehensweise?
Natürlich sind die Rahmenbedingungen und damit das „Material“, mit dem man arbeitet, ganz unterschiedlich. Der Entwurfsprozess läuft bei uns jedoch immer sehr ähnlich ab. Wir formulieren bei jedem Projekt früh eine konzeptionelle Idee, die dann städtebaulich und räumlich, oft anhand von Arbeitsmodellen und digitalen Modellen, geprüft und geschärft wird.

Bei der Erweiterung der Volks- und Mittelschule Auersthal ergänzten die Architektinnen den Bestand um drei neue Gebäudeteile und legten rund um einen gemeinsamen Innenhof den Fokus auf die Zwischenbereiche, die Alt und Neu miteinander verbinden. © tschinkersten fotografie
Wie gehen Sie an Projekte heran, bei denen es Bestandsbauten miteinzubeziehen gilt, z.B. bei der Messehalle 9.1 in Zürich oder der Schulerweiterung Auersthal?
Jede Bauaufgabe ist vollkommen anders und wir gehen an jedes Projekt auch neu heran. Die Messehalle 9.1 wurde in eine polysportive Halle für Freizeitsportler:innen transformiert. Unser Ziel war es, alle Interventionen als additive Zutaten ablesbar zu machen – dabei bekommt die Neugestaltung fast schon einen provisorischen Charakter – was uns bei diesem Projekt richtig schien. Bei anderen Projekten wie der Schulsanierung in Auersthal steht hingegen die gestalterische Verbindung von Alt und Neu stärker im Vordergrund. In Kooperation mit MAGK Architekten setzte sich die vorhandene Bestandstruktur dabei aus heterogenen Bauten unterschiedlichen Datums zusammen. Bei der gewählten Methode handelte es sich deshalb eher um eine klärende und verbindende Intervention. Unser Ziel ist es, möglichen Defiziten des Bestands auf die Spur zu kommen und diese mit unserem Eingriff zu beheben. Daraus entstehen oft starke Konzepte.

Die denkmalgeschützte Messehalle 9.1 in Zürich wurde zu einer multifunktionalen Sportstätte umgenutzt. Neue Elemente wie eine eingestellte Garderobenbox heben sich klar vom Bestand ab und rücken die markante Tragkonstruktion in den Vordergrund. © Nina Baisch
Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Projekte – ob Neubau oder Bestand – sich gut in den städtebaulichen, landschaftlichen und sozialen Kontext einfügen?
Neubauten „auf der grünen Wiese“ begegnen uns wirklich sehr selten. Dafür begleitet uns das Thema des Weiterbauens ständig – ob im ländlichen Raum oder in der Stadt. Das bedeutet, dass der Kontext praktisch immanent ist und wir viel Zeit in die Frage nach der Haltung zum Bestand stecken. Es braucht eine Balance zwischen Rücksicht auf den Kontext und gestalterische Eigenständigkeit des Neugebauten. So haben wir z.B. unsere Feuerwache Speising im
13. Wiener Gemeindebezirk durchgängig mit einer leuchtend gelben Metallfassade gestaltet, die durchaus kontrovers diskutiert wurde. Das Gebäude besetzt eine Lücke in einem recht homogenen, vorstädtischen Bezirk mit einer Farb- und Materialpalette aus sanften, beige-gelben Putzfassaden. Wenn man heute vor dem Gebäude steht, kann man sich eine andere Farbe überhaupt nicht vorstellen.
Unter Ihren Projekten sind viele Sport- und Bildungsstätten zu finden. Wie kam es zu diesem Fokus und welchen Besonderheiten begegnen Sie bei deren Planung?
Unser allererster Wettbewerbsgewinn, mit dem wir uns selbstständig gemacht haben, war 2008 das Kinderbetreuungszentrum in Maria Enzersdorf. Diese Schule wurde als konstruktiver Holzbau mit hybrider Lüftung und im Passivhausstandard realisiert – was also bereits damals heutige Standards setzte. Strukturell war dieser Schulbau jedoch noch als „Gangschule“ konzipiert. Das heißt die Erschließungsflächen mussten grundsätzlich brandlastfrei gehalten werden und sind demnach als Aufenthaltsflächen nur bedingt nutzbar. Das war unser Einstieg in das Thema Bildungsbauten. Seither hat sich viel verändert und Raumkonzepte legt man im Vergleich zu damals ganz anders an: Im Mittelpunkt steht dabei, alle geschaffenen Flächen für die Nutzer:innen möglichst vielfältig nutzbar zu machen.

Die neue Feuerwache an der Wiener Speisinger Straße fügt sich volumetrisch unauffällig in den städtischen Kontext ein, setzt mit ihrer Farbgebung aber ein deutliches Statement. Eine Metallfassade in kräftigem Gelb verleiht dem Bau seine identitätsstiftende Wirkung. © tschinkersten fotografie
Gibt es Beispiele, bei denen Sie die Herausforderungen beim Planen von Bildungsbauten besonders gut meistern konnten und wie?
Ein Bildungsbau, der sich gerade in der Umsetzung befindet, ist die Sanierung und Erweiterung der Volksschule Marco Polo Platz im 21. Bezirk in Wien. Das Gebäude wurde von Harry Glück geplant und Anfang der 1980er-Jahre fertiggestellt. Hier war das Ziel einerseits, den Bestand in ein zeitgenössisches Raumkonzept mit offenen Lern- und Kommunikationszonen zu überführen, und dabei die markante Formensprache mit den dreieckigen Fassadennischen des Bestandsgebäudes zu erhalten. Das ist uns gut geglückt. Ein erschwerender Faktor ist, dass die Sanierung – wie so oft – bei laufendem Schulbetrieb erfolgen muss. In mehreren Etappen werden die Schüler:innen innerhalb des Gebäudes umgesiedelt und der Neubau für das Jugendzentrum als Provisorium für die Schule zwischengenutzt. Themen dieser Art stellen ein zusätzliches Handicap dar und müssen bereits in den konzeptionellen Überlegungen mitgedacht werden.
Gerade im öffentlichen Bereich sind Budget und Zeit oft limitiert. Wie gehen Sie damit um und wie gelingt es Ihnen trotzdem, innovative Projekte mit Liebe zum Detail umzusetzen?
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein starkes und klares Gebäudekonzept sozusagen die halbe Miete ist. Wenn schon im Wettbewerb in diesem Sinne gut vorgelegt werden konnte, lassen sich daraus andere gestalterische Fragen gut ableiten. Definitiv würden wir uns mehr Zeit und Muße in der Projektarbeit wünschen. Diese sind ein wesentlicher Faktor, wenn es um innovative Detaillösungen geht, die dann durchaus auch effizient und damit kostensenkend sein können. Das Unterwerk in Zürich Oerlikon ist so ein Beispiel: Hier haben wir in einem skizzenhaften Wettbewerbsbeitrag die Idee des „Guckkastens“ entwickelt – ein Gebäude, das ähnlich den gleichnamigen Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert ein Gehäuse für fremde und unbekannte Welten schafft. Durch ein inszeniertes Schaufenster blicken die Passanten heute in die 12 m tiefer liegende Hochspannungsschaltanlage und die teure Infrastruktur wird so für die Öffentlichkeit erlebbar.

Eine geflämmte Holzfassade verleiht der Feuerwehr Rorschacherberg in Zürich nach Umbau und Erweiterung eine seidige Oberfläche. Die traditionelle japanische Technik schützt das Material vor Witterung, Insekten und Feuer – und passt perfekt zur Funktion des Gebäudes. © Roger Frei
Welche Rolle spielt das Material Holz bei Ihren Entwürfen – sowohl gestalterisch als auch funktional? Was ist dabei speziell bei Sport- und Bildungsbauten zu beachten?
Holz ist bei uns oft das Material der Wahl. Es schafft immer eine warme, natürliche und lebendige Atmosphäre, die wir sehr schätzen. Gerne lassen wir Tragkonstruktionen in dem Naturmaterial sichtbar und machen damit die Struktur zum erfahrbaren, gestalterischen Element. Die verschiedenen Verlegarten, Texturen und Lasuren ermöglichen die Umsetzung sehr präziser Gestaltungsideen und machen Holz so auch an der Fassade zum vielseitigen Allrounder – was uns sehr gefällt. Am allerliebsten ist es uns natürlich, wenn das Holz sichtbar bleiben darf. Für die Feuerwehr in Rorschacherberg setzten wir beispielsweise auf eine Holzfassade in Shou Sugi Ban Technik, mit der das Material durch eine verkohlte Oberfläche eine besonders gute Haltbarkeit erhält. Damit haben wir bei der Feuerwehr genau ins Schwarze getroffen. Wir durften auch einige Schwimmbäder planen: Das jüngste, die Trainingsschwimmhalle in der Wiener Großfeldsiedlung, wurde ebenfalls zu großen Teilen in Holzbauweise umgesetzt. Grundsätzlich handelt es sich bei Holz um ein Material, das mit der aggressiven und feuchten Hallenbad-Atmosphäre sehr gut zurechtkommt – anders als Stahl und auch Stahlbeton. Es ist allerdings wichtig, dass das Holz gut belüftet wird und Elemente wie z.B. die Stützenfüße nicht dauerhaft mit Wasser in Berührung kommen.

Holz spielt auch bei der Trainingsschwimmhalle in der Wiener Großfeldsiedlung eine zentrale Rolle: Es kleidet die Fassaden, bildet das Tragwerk der 6 m hohen Halle und schafft im Inneren – in Kombination mit der raumhohen Glasfront – eine freundliche Atmosphäre. © Hertha Hurnaus
Sie haben Standorte in Wien und Zürich und realisieren Projekte in beiden Ländern. Welche Unterschiede begegnen Ihnen dabei? Gibt es ein Projekt, bei dem das besonders auffiel?
Das Tempo ist sicher einer der auffallendsten Faktoren. Es kommt immer wieder vor, dass unsere österreichischen Projekte jene in der Schweiz überholen – was dann bei unserer gemeinsamen Online-Bürositzung zu großer Belustigung führt. Erschwerend kommt in der Schweiz die Hürde der Urnenabstimmung hinzu, bei der die Bevölkerung über die Umsetzung von öffentlichen Projekten entscheidet und die oft zusätzliche Projektzeit kostet. Insgesamt wäre uns vermutlich der goldene Mittelweg am liebsten. Ansonsten ist es einfach sehr unterschiedlich für welche Auftraggeber wir arbeiten. In Wien sind selbst überschaubare Sanierungsprojekte für öffentliche Stellen oft mit sehr vielen verschiedenen Akteur:innen verbunden, was viel Zeit und einen hohen Abstimmungsaufwand erfordert. Projekte für Kommunen in den Bundesländern werden hingegen oft recht effizient und mit kürzeren Entscheidungswegen umgesetzt. Das ist in der Schweiz nicht anders. Die Vorschriften sind in beiden Ländern selbstverständlich anders, die Zielsetzungen allerdings recht ähnlich.
Gibt es Themen, die Sie bislang wenig umgesetzt haben, aber für kommende Projekte in Planung sind, oder Entwicklungen bzw. Innovationen, die Sie künftig stärker verfolgen möchten?
Die Branche setzt sich im Moment stark mit dem zirkulären Planen und Bauen auseinander und wir sehen, dass die öffentliche Hand das Thema Kreislaufwirtschaft auch zunehmend ernst nimmt. Diese Entwicklung ist notwendig und setzt ein wahres Umdenken aller Akteur:innen voraus. Das bestandsschonende Weiterbauen bzw. Umbauen stellt einen wichtigen Schritt dar, aber in Zukunft werden sich auch die gestalterischen Antworten – genauso wie die Sehgewohnheiten der Nutzer:innen – verändern. Auf diese Herausforderungen freuen wir uns.
Interview: Edina Obermoser
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen









