Form follows Vision
Seit über 30 Jahren prägen Christoph Pichler und Johann Traupmann als PxT die österreichische Architekturszene. Entstanden in der Meisterklasse von Wilhelm Holzbauer, basiert ihre Partnerschaft auf einem unermüdlichen Dialog und einem gemeinsamen Arbeitsethos, das Architektur als intellektuelle Disziplin begreift. Im Gespräch blicken die beiden Architekten auf die Anfänge in Wien zurück, erklären, warum ein produktives Missverständnis oft besser ist als der ursprüngliche Plan und warum ihr dialogisches Prinzip auch in einem Büro mit 30 Mitarbeitenden noch funktioniert.
Herr Pichler, Herr Traupmann, Sie arbeiten seit über 30 Jahren zusammen. Wie hat alles begonnen?
Christoph Pichler: Wir haben uns an der Hochschule für angewandte Kunst kennengelernt – in der Meisterklasse von Wilhelm Holzbauer. Da waren alle Jahrgänge gemeinsam im Atelier, man saß dicht beieinander, sah, wie andere denken und arbeiten. Wir haben schnell gemerkt, dass wir uns gut verstehen, inhaltlich wie menschlich. Schon während des Studiums haben wir einen Wettbewerb gemeinsam gemacht – da war ich noch Student, Hannes hatte sein Diplom schon. 1992 bin ich dann aus den USA zurückgekommen, Hannes hat angerufen: „Was machen wir jetzt?“ Und dann haben wir gleich hier in Wien-Landstraße mit der Arbeit begonnen.
Johann Traupmann: Uns verband von Anfang an ein ähnliches Arbeitsethos. Viele in der Meisterklasse hatten großes Talent, aber nicht alle denselben inneren Antrieb. Wir beide wollten Architektur nie nur als handwerkliche Disziplin sehen, sondern als Möglichkeit, über Weltbilder, Systeme, sogar über Philosophie nachzudenken. Mich haben immer ontologische Fragen interessiert – wie lässt sich aus einer Idee ein architektonisches Prinzip entwickeln? Uns ging es nie um Technik oder bloßes Funktionieren. Uns interessiert, wie man Denken in Raum übersetzen kann.

Das Future Art Lab schließt den Campus der mdw ab – als stiller, konzentrierter Pavillon für Ton, Film und Forschung. Der Bau vereint komplexe akustische Anforderungen mit räumlicher Leichtigkeit: massive, entkoppelte Kerne für die Säle, durchlässige Erschließungsräume für Licht und Begegnung. © Hertha Hurnaus
Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit heute – nach so vielen Jahren und mit einem größeren Büro?
Pichler: Unser Entscheidungsprozess hat sich eigentlich nie grundlegend verändert. Wir arbeiten dialogisch – man wirft sich Ideen zu, auch Missverständnisse können produktiv werden. Oft ist etwas, das der andere gar nicht so gemeint hat, der bessere Gedanke.
Traupmann: Ja, das ist wirklich der Kern. Wir haben nie gesagt: „Das ist ein Blödsinn, was du machst.“ Sondern wir haben immer zuerst das Potenzial im Entwurf des anderen gesehen. Daraus entsteht ein Weiterdenken. Und das versuchen wir auch im Büro zu kultivieren. Heute sind wir rund 30 Leute, aber dieses Prinzip des gegenseitigen Vertrauens ist geblieben – ohne Ego, ohne Selbstinszenierung.
Pichler: Entscheidungen entstehen aus dem Projekt heraus. Man sieht schnell, was dem Konzept dient – da geht’s nicht darum, wessen Idee es war. Das Wichtigste ist, dass das Projekt davon profitiert. Dieser positiv-dialogische Prozess war, und ist bis heute, der Schlüssel unserer Zusammenarbeit.

Beim Kultur Kongress Zentrum in Eisenstadt überformten Pichler & Traupmann den Bestand mit einer schimmernden Metallhülle, die Alt und Neu zu einem Ganzen verbindet. Die neue Struktur integriert Ausstellung, Saal, Verwaltung und Foyer zu einem zusammenhängenden Raumgefüge – offen, durchlässig und lichtgeführt. © Roland Halbe
Würden Sie sagen, es gibt eine „DNA“ Ihrer Architektur?
Traupmann: Wenn man unsere Projekte anschaut, gibt es eine gewisse räumliche Dynamik – Räume, die fließen, die nicht an der Wand enden, sondern sich in den Außenraum fortsetzen. Dieses Denken in Übergängen, das war uns immer wichtig. Wir haben früh mit Prinzipien wie der Faltung oder der Kontinuität von Boden, Wand und Decke gearbeitet, um den Raumfluss zu verstärken. Das zieht sich durch viele Projekte, egal ob Bildungsbau, Büro
oder Wohnbau.
Besonders deutlich spürt man das vielleicht im Kulturzentrum Eisenstadt. Dort haben wir den Bestand so weit geöffnet und mit dem Neubau verwoben, dass ein einziger, fließender Raum entstanden ist – vom Foyer bis zu den Veranstaltungssälen.
Zur Eröffnung wurde ein Kurzfilm gezeigt, in dem eine Tänzerin durch diese Räume tanzt. Das war für uns ein besonderer Moment, weil jemand aus einem ganz anderen Medium unsere Idee des Raumflusses intuitiv verstanden und übersetzt hat.
Pichler: Architektur war für uns nie bloß die Erfüllung eines Raumprogramms. Sie entsteht aus einer Idee, aus einem größeren Zusammenhang. Gebäude sind für uns Ausdruck ihrer Zeit – sie erzählen, wie wir leben, arbeiten und denken. Deshalb sagen wir lieber form follows mission oder form follows vision: Die Form ergibt sich nicht aus der Funktion allein, sondern aus dem inhaltlichen Auftrag, den ein Bau in sich trägt.

Der FH Campus Pinkafeld basiert auf einem modularen Grundsystem, das Effizienz und Anpassbarkeit verbindet. Jede Einheit kann erweitert, geschaltet oder aufgestockt werden, ohne die strukturelle Logik zu verlieren. So entsteht ein Campus, der mit- und aus seinen Nutzer:innen wächst. © Toni Rappersberger
Sie sind beide seit Jahrzehnten in der akademischen Lehre tätig. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?
Traupmann: Lehre ist Reflexion. Wir haben nur an Universitäten unterrichtet, die Forschung ernst nehmen – also Orte, wo man neue Systeme denken darf. Diese theoretische Arbeit hat uns immer inspiriert. Ich war fünfzehn Jahre lang bei Zaha Hadid, da war das Credo: Push the boundaries. Nichts wiederholen, immer Neues wagen. Das hat natürlich zurückgewirkt in die Praxis. Diese Offenheit gegenüber Neuem prägt bis heute auch unsere Arbeit im Büro.
Pichler: Ich habe selbst bei Helmut Richter begonnen, der ja in Wien die Hightech-Architektur geprägt hat. Von ihm habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Studierende nicht zu bevormunden, sondern ihnen Mut zu machen, ihre eigenen Gedanken konsequent durchzudenken. Wenn man die eigenen Ideen ernst nimmt, lernt man am meisten – das gilt im Büro genauso.
Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Fragen für die nächste Architekt:innengeneration?
Pichler: Die Herausforderungen sind enorm: Klimawandel, soziale Spannungen, Digitalisierung. Und gleichzeitig wird die Architektur in Bereiche gedrängt, für die sie eigentlich nicht zuständig ist. Plötzlich sollen Studierende Materialforschung betreiben, Lehmziegel testen – was eh spannend ist –, aber eigentlich wäre das Aufgabe der Industrie. Unsere Aufgabe ist Raum, Atmosphäre, Gesellschaft. Und dann kommt noch die KI dazu, die vieles infrage stellt.
Traupmann: Digitalisierung verändert unsere Arbeit massiv, aber sie sollte nicht das Ziel, sondern das Werkzeug sein. Wir nutzen BIM seit vielen Jahren, um präziser und ganzheitlicher planen zu können. Auch KI wird ihren Platz finden – solange man sie nicht mit Kreativität verwechselt. Architektur entsteht aus einer Idee, aus einem konzeptionellen Gedanken, nicht aus Algorithmen.

Am neuen Quartier „Neues Landgut“ in Wien-Favoriten setzen Pichler & Traupmann beim Willi-Resetarits-Hof auf Offenheit und Gemeinschaft. Der Hof – eine zeitgemäße Übersetzung des Wiener Pawlatschenhofs – verbindet Wohnungen, Laubengänge und Terrassen zu einem lebendigen Ensemble. Vertikalbegrünung, gemeinschaftliche Dachterrassen und eine öffentliche Durchwegung machen das Gebäude zu einem Modell für verdichtetes, aber durchlässiges Wohnen. © Hertha Hurnaus
Sie haben viele Bildungsbauten realisiert. Was ist dort die größte Fehleinschätzung?
Traupmann: Dass man geistige Arbeit in mittelmäßige Räume stecken kann. Gute Lern- und Forschungsumgebungen brauchen räumliche Qualität, Atmosphäre, Austausch. Und oft fehlt genau das. Es wird an der Klimatisierung gespart, an der Luft, am Tageslicht – dabei würde kein Büro so funktionieren. Bildung wird gesellschaftlich unterschätzt, das sieht man an der gebauten Umwelt.
Pichler: Man plant oft so, als wären die Raumprogramme in Stein gemeißelt. Aber gerade im Bildungsbau ändern sich die Anforderungen ständig – neue Ideen, neue Lehrformen, neue Menschen. Beim FH Campus in Pinkafeld wollten wir genau das vermeiden. Wir haben dort ein System entwickelt, das wie ein Schachbrett funktioniert: einzelne Module, die sich erweitern, verschieben oder austauschen lassen. Der Bau kann wachsen oder sich zurücknehmen, je nach Bedarf.
Wie wichtig sind dahingehend partizipative Prozesse in Ihrer Arbeit?
Pichler: Sehr. Wenn man ernst nimmt, dass Architektur Ausdruck ihrer Nutzer:innen sein soll, muss man zuhören. Beim Future Art Lab etwa hatten wir es mit Koryphäen aus unterschiedlichen Fachbereichen zu tun – das war unglaublich lehrreich. Natürlich gibt es Punkte, die architektonisch gesetzt sind, aber viele Lösungen entstehen aus diesem Dialog.
Traupmann: Das gilt genauso für Büros oder Wohnbauten – man plant ja keine anonymen Räume, sondern Lebenswelten. Der Austausch mit den künftigen Nutzer:innen macht Projekte lebendig.

Willi-Resetarits-Hof © Hertha Hurnaus
Besonders der Wohnbau steht unter Druck – Verdichtung, Leistbarkeit, neue Lebensformen. Welche Antworten sehen Sie?
Traupmann: Die größte Herausforderung ist die Kostenfrage. Man muss ständig Kompromisse eingehen, um überhaupt realisieren zu können. Gleichzeitig sind die normativen Vorgaben so streng, dass kaum Raum für Innovation bleibt. Man baut Hochsicherheitstrakte statt Wohnungen – perfekte Schallschutzwände, aber wenig Spielraum für räumliche Qualität.
Pichler: Vieles hängt an Normen, die eigentlich aus der Logik des Komforts heraus übersteigert wurden. Interessanter wäre, über Flexibilität zu reden: Wie kann sich eine Wohnung an verschiedene Lebensphasen anpassen? Warum ist die Küche immer im finstersten Eck, weil’s dort keinen Belichtungsnachweis braucht? Man müsste die Regeln freier denken.
Traupmann: Das Problem beginnt oft schon beim Städtebau. Viele Wettbewerbe arbeiten heute mit vorgegebenen Kuben oder „Pixeln“, die Bauträgern zugeteilt werden. Da bleibt kaum Raum für Idee oder räumliche Qualität – man kann sich nur noch in ein fertiges Volumen hineinpressen. Beim Willi-Resetarits-Hof in Wien war das anders: Dort hatten wir keine Vorgaben. Dadurch konnte der Baukörper aus dem Ort heraus entstehen – mit einem Hof, der an den klassischen Pawlatschenhof erinnert, und konischen natürlich belichteten Gängen, die Begegnung ermöglichen. Diese Übergänge zwischen öffentlich und privat, innen und außen, schaffen Lebensqualität – und kosten wenig, wenn man sie klug konzipiert.

Beim Projekt RAIQA entsteht aus dem Inneren des ehemaligen Bankhochhauses ein offener Raum: Die freigelegte Stahlbetonstruktur wird zur gemeinsamen Halle für Bank, Hotel und Art Space. Transparenz, Holzbau und öffentliche Durchwegung verwandeln das Areal in ein pulsierendes Stadtquartier. © Toni Rappersberger
Was sind die größten Herausforderungen für die Architektur in den kommenden Jahren?
Pichler: Ganz klar: Wie man bauen kann, ohne dem Planeten weiter zu schaden. Das Wort Nachhaltigkeit ist abgenutzt, aber die Aufgabe bleibt. Wir müssen lernen, Bestehendes weiterzunutzen. Früher war für mich das Neue immer spannender als das Bestehende. Heute denke ich anders. Die Städte sind voll, der Bestand ist da – und gerade die Bauten der 1960er- und 70er-Jahre sind erstaunlich robust – und sie haben oft mehr Potenzial, als man ihnen auf den ersten Blick zutraut.
In Innsbruck arbeiten wir derzeit an einem Hotelprojekt, bei dem wir das Gerippe eines ehemaligen Hochhauses freilegen und völlig neu interpretieren – die Stützen bleiben, außen entstehen Holzboxen. Das Tragwerk selbst wird zum Raum. Gerade diese Umnutzung zeigt, wie aus Bestehendem etwas völlig Neues entstehen kann.
Traupmann: Genau. Wir lernen gerade, wie viel Potenzial im Bestand steckt. Und wenn man das mit konzeptioneller Offenheit angeht, kann daraus mehr entstehen als nur ein „altes Haus mit neuer Fassade“. Es ist fast eine neue Disziplin.
Pichler: Architektur wird oft auf Gebäude reduziert, dabei formt sie Gesellschaft. Jede Schule, jedes Wohnhaus ist Teil eines größeren Gefüges – räumlich, aber auch sozial. Das zu verstehen, ist vielleicht die eigentliche Aufgabe.
Wenn Sie eine Bauaufgabe frei wählen könnten – was wäre es?
Traupmann: Ein Museum.
Pichler: (lacht) Ja, ein Museum – es muss auch kein neues sein.
Interview: Andreas Laser
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen









