Über Mut und Machen
Es ist ein klarer Herbsttag in Brixen. Im Büro von Martin Gruber herrscht konzentrierte Stille – das Gegenteil von Chaos, obwohl überall Bewegung ist. Der große, aufgeräumte Tisch, ein Bildschirm am Kopfende, davor kleine Holzmodelle. Nicht Architektur zum Passivkonsum, sondern Architektur zum Begreifen: Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde, Modelle und Zitate prägen den Raum. Alles wirkt strukturiert, belebt jedoch von feinen Unregelmäßigkeiten, die von Handarbeit erzählen.
Später, in Verdings, im Atelier an der Hangkante, umgeben von einer Schar Holzfiguren – roh und kunstvoll zugleich, Oberflächen von Wind und Zeit geprägt – schließt sich der Kreis. Hier wird deutlich: Was er formt, formt auch ihn. Ein Mensch, der zwischen den Welten pendelt – zwischen Berechnung und Intuition, zwischen der Stadt im Tal und der Stille am Berg. Ein Architekt, der Architektur nicht ersinnt, sondern empfindet. Der Räume kultiviert wie Gärten, Materialien sprechen lässt und Gefühle zu Konstruktionen werden. Für ihn gibt es keine Grenze zwischen Denken und Tun; Skizze und Modell arbeiten zusammen – erst im Kopf, dann als Gefühl, das zu einem Raum wird, der leben darf.

Im eigenen Zuhause in Verdings verbinden sich Arbeit und Leben. Architektur als Haltung – reduziert, sinnlich, von Hand und Erfahrung geformt. © Tobias Kaser
„Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man einige Erfahrungen hat, aber noch leidenschaftlich für frische neue Ideen ist“, sagt er ruhig. Der Satz könnte einfach klingen, ist es aber nicht. Es ist ein Bekenntnis über Bescheidenheit und Kühnheit zugleich. Denn Martin Gruber hört hin – auf Ort, Handwerk, Menschen. Er sagt nein, wenn etwas nicht trägt. Er tritt zurück, nimmt sich Zeit. Und genau darum geht es in diesem Gespräch: nicht um fertige Antworten, sondern um einen Prozess, um das Wagen, Fehler zu machen und daraus klüger zu werden. Architektur ist für ihn keine Privatsache, sondern eine öffentliche Übung in Empathie – ein kollektives Werk, das sich erst bewährt, wenn es verstanden, gebaut und bewohnt wird.
Wenn man sich hier umsieht, wird deutlich, dass zwei Welten nicht getrennt sein müssen. Im Büro wird geplant, im Atelier wird mit den Händen gearbeitet. Gibt es überhaupt eine Grenze zwischen Denken und Tun?
Es gibt keine. Die eine Seite arbeitet immer mit der anderen. Skizze und Klinge – sie gehören zusammen. Ich entwerfe mit den Händen. Die Hand ist oft schneller als der Kopf, und genau das ist wertvoll. Da kommt etwas ins Fließen, das sich nicht rational erklären lässt. So entstehen lebendige Formen. Was mich fasziniert: Jedes Projekt ist ein Neuanfang. Mit einem neuen Ort, neuen Bauherren, neuen Bedingungen – und immer wieder mit sich selbst. Das klingt repetitiv, ist aber das Gegenteil. Ich merke oft: Ich muss mich befreien. Dann entstehen mehrere Entwürfe gleichzeitig – vier, fünf manchmal. Es ist nicht Zögern, es ist Großzügigkeit. Ich will sehen, was möglich ist. Was darf dieser Ort sein? Nicht: Was darf ich mit meinem Namen hier bauen?
Das führt zu einer anderen Frage: Kultivieren Sie damit nicht genau das Gegenteil einer Handschrift – wäre es nicht einfacher, einen erkennbaren Stil zu haben?
Nein. Eine Haltung, ja. Aber keinen Stil im klassischen Sinn. Ich will nicht über meine Formensprache wiedererkannt werden, sondern über meine Art, an Probleme heranzugehen. Das ist der Punkt: Loszulassen. Zehn Architekten würden aus demselben Briefing zehn verschiedene Projekte machen. Diesen experimentellen Prozess kann ich nicht delegieren – das muss durch meine Hände gehen.
Und doch sind Sie nicht allein damit.
Nein, aber entscheidend ist: Wir denken früh zusammen. Nicht erst in der Ausführung. Ich hole Firmen, Handwerker, manchmal ältere Einheimische an den Tisch – in der Entwurfsphase. Dann kommt Realität ins Spiel. Ein gutes Konzept verteidigt sich selbst. Wenn die Handwerker es verstehen, der Bauherr es liest und das Amt spürt, dass da eine Logik dahinter ist – dann trägt es sich von allein.
Werte sind Gefühle. Dieser Satz wirkt wie ein Herzschlag durch unser Gespräch.
Das ist zentral für mich. Am Ende zählen nicht die monetären Werte. Wenn der Lebensfilm einmal abläuft, fragt man sich nicht: Wie viel habe ich angehäuft? Sondern: Welche Beziehungen habe ich gepflegt? Mit wie viel Liebe habe ich gearbeitet? Architektur ohne Bezug zu Gefühlen ist leblos. Man merkt das – Räume ohne Liebe bleiben leer.

Das eriro in Ehrwald in Tirol: Ein Refugium aus Holz, Stein und Licht – kraftvoll verwurzelt in der Landschaft, geprägt von handwerklicher Hingabe. © Alex Moling
Das klingt romantisch. Ist es aber nicht – es ist radikal.
Vielleicht. Aber wenn man mit Liebe arbeitet, achtet man auf Details, auf den Menschen, auf das Material. Das ist keine Dekoration – das ist Statik. Das ist Verantwortung.
Die Lektion der Baustelle?
Auf der Baustelle lernt man Demut. Ich erinnere mich an eine Treppe, die eine Stufe zu lang war. Sie ragte in die Tür hinein. Zwei Optionen: Treppe neu machen oder Tür kürzen. Ich wählte die Tür. Das war Überwindung. Aber auch ein Schutz – der Zimmermann musste nicht alles neu bauen. Und plötzlich war es richtig. Näher am Menschen als am Konzept. Die Architektur ist kein Dogma. Sie ist Beziehungspflege. Das musste ich lernen – und noch immer lerne ich das.
Sie sind auf der Baustelle groß geworden?
Ja, mein Vater war Baumeister – da lernt man zeitig, dass jede Linie zählt. Wenn einer den ganzen Tag an einer Linie schalt, denkt man genau nach. Holz zum Beispiel – das lebt. Es schwindet, verzieht sich, vergraut. Ich liebe Materialien, die sich verändern dürfen. Ein gutes Material erzählt weiter, auch wenn der Architekt längst nicht mehr da ist.
Genau das sieht man in Ihren Bauten – sie altern gut.
Weil sie dürfen. Ich fotografiere meine Projekte nicht gleich nach Fertigstellung. Ich schaue sie mir nach fünf, manchmal nach zehn Jahren an. Erst dann weiß man, was funktioniert. Ein Haus ist wie ein Mensch– man muss ihm Zeit geben, zu reifen.
Sie haben vorhin vom Loslassen gesprochen – von Entwürfen, die sich fast von selbst ergeben. Ein Beispiel dafür ist die Freiform in Verdings. War das so ein Moment des Vertrauens?
Absolut. Zuerst plante ich ein traditionelles Bauernhaus – solide, ordentlich, typologisch korrekt. Am Vorabend der Abgabe des Gästehauses kam der Impuls: Die Hand schneller als der Gedanke. Alles neu gezeichnet – intuitiv, frei. Einfach so hingeworfen, ohne Rechtfertigung. Am nächsten Tag wurde es ohne Diskussion genehmigt. Das war der Augenblick: Wenn eine Idee stimmig ist, verteidigt sie sich selbst.
Das war ein Wendepunkt?
Danach wusste ich: Ich kann der Architektur vertrauen.
Wir gehen durch Holzstaub und Gegenlicht. Hier arbeitet er regelmäßig – allein, ohne Auftrag.
Das ist mein Labor. Kunst ist frei, Architektur ist gebunden. In der Kunst entwickle ich meine Sprache. Man arbeitet mit Holz, und irgendwann antwortet es. Das ist Meditation. Es hilft, Maß und Geduld zu üben. Sensibilität kann man trainieren – genauso wie Rechnen oder Denken.

Freiform: Ein organisch modellierter Baukörper, der mit der Topografie verschmilzt – reduziert, fließend, landschaftlich gedacht. © Federico Graziati
Also eine Art Bildungsauftrag? Architektur ist ja letztlich keine Privatsache. Man ist immer auch Spiegel der Gesellschaft.
Genau. Die Gesellschaft gehört an den Planungstisch: Handwerker, Nachbarn, Behörden, Einheimische. Baurecht kann keine Ästhetik erzwingen. Gesetze ersetzen kein Vertrauen. Was ich mir wünschen würde: mehr Zusammenarbeit, eine Art Idealismuslobby – keine politische Richtung, sondern ein Raum des Vertrauens. Wir brauchen wieder die Mitte. Das Normale, das Menschliche. Weniger Einzelkämpfertum, mehr gemeinsames Gedankengut. Weniger Bürokratie und dafür fair bezahlte Arbeit. Das funktioniert nur, wenn alle am Tisch gewonnen haben.
Was würden Sie den jungen Architekten mitgeben?
Vertrauen – in den Prozess, in die Suche, ins Nichtwissen. Sich als Lernender verstehen, nicht als Lehrender. Man hat Halbwissen, und das ist in Ordnung. Die Suche ist das Schöne. Man kann alles üben. Denken, Fühlen, Geduld. Daraus wächst Haltung. Ich zeige meine Projekte oft erst nach Jahren. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Respekt. Ein Gebäude braucht Reife, wie ein guter Wein. Erst wenn es lebt, wenn Menschen darin Spuren hinterlassen, darf man es herzeigen. Architektur ist nichts Schnelles. Sie ist das Gleichgewicht der Systeme.
Er lehnt sich zurück, ruhig,ohne Dramatik:
Die Wahrheit kommt früher oder später sowieso raus.
Und dann dieser Satz, der wie ein Mantra wirkt, selbstverständlich gesprochen:
Wenn man bei sich bleibt und es gut meint – dann funktioniert es.
Text & Interview: Linda Pezzei
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen














