Verantwortung übernehmen
Christine Sohar ist Senior Associate beim niederländischen Architekturbüro MVRDV. Gegründet 1993 von Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries, prägt das in Rotterdam ansässige Büro mit weiteren Standorten in Berlin, Paris, Shanghai und New York sowie rund 300 Mitarbeitenden seit drei Jahrzehnten die Diskussion über urbane Lebensräume. Die aus Graz stammende Architektin, die nach ihrem Studium an der TU Graz und der TU Delft zunächst bei Ole Scheeren in China arbeitete und 2016 zu MVRDV kam, ist seit 2025 Senior Associate. Im Interview spricht sie über die DNA-Elemente, die die Architektursprache des Büros definieren, über den Dialog mit Bauherren zwischen Vision und Kompromiss – und über die Rolle digitaler Werkzeuge im kreativen Prozess.
Wie sind Sie als Österreicherin zu MVRDV gekommen?
Ich habe an der TU Delft im Rahmen des Erasmusprogramms studiert und meine Masterthesis in Hongkong geschrieben. Meine berufliche Reise begann in Peking, wo ich für eineinhalb Jahre bei Ole Scheeren gearbeitet habe. In Rotterdam bewarb ich mich eher zufällig bei MVRDV, weil dort eine Stelle für deutschsprachige Architekten ausgeschrieben war. Das Büro hat mich bereits während meines Studiums fasziniert, da MVRDV in den Niederlanden einen hohen Stellenwert besitzt und sowohl im Städtebau als auch in der Architektur prägende Akzente setzt.
MVRDV ist ein Akronym aus den Namen der drei Gründer Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries. Sind die Gründer nach wie vor aktiv?
Sie sind an allen Projekten beteiligt. Wir sprechen mit ihnen je nach Notwendigkeit wöchentlich oder monatlich und entwickeln die Projekte dann gemeinsam weiter. Sie bringen sich noch sehr stark in die Entwurfsphase ein. Dass man nicht einen einheitlichen Stil von MVRDV erkennt, ist auch eine Charakteristik. Jeder der drei Gründungsmitglieder hat seinen eigenen Ansatz. Und das macht auch das Arbeiten für uns sehr attraktiv.
Winy Maas und Jacob van Rijs arbeiteten auch bei Rem Kohlhaas. Sieht sich MVRDV in einer Architekturtradition, die man da definieren könnte?
Für uns steht sehr stark der Mensch im Vordergrund und damit verbunden die Nutzung eines Gebäudes oder eines Masterplans. Wenn man zum Beispiel Projekte wie das O Wohnhochhaus in Mannheim anschaut: Das ist ein Wohngebäude, aber gleichzeitig gibt es für die Öffentlichkeit eine große Freitreppe nach oben auf das Gebäude, um den umbauten Raum für die Menschen attraktiv zu machen. Gleichzeitig ist es auch ein sehr starker städtebaulicher Ansatz und für uns sehr wichtig: Architektur, die sich dem Kontext anpasst. Aber wir haben keine immer wiederkehrende Formensprache, sondern gewisse DNA-Elemente, Ansätze, die wir verfolgen. Diese beziehen sich immer auf unsere Standbeine Nachhaltigkeit, Flexibilität, Dichte und Soziales. Das sind die Hauptstrukturen. Und es gibt immer auch einen überraschenden Moment bei MVRDV. Zum Beispiel die Markthalle: Die ist ein Wohngebäude, das wie ein Hufeisen geformt ist, mit einem wunderschönen Innenraum, der eine öffentliche Funktion als Markt für Rotterdam erfüllt. Es geht uns darum, Themen auch outside the box zu denken. Am Anfang war der Wunsch sehr stark vorhanden, vom Formalismus wegzugehen. Form braucht eine Funktion und sie braucht einen Grund. Sie wird nicht nur an einen Ort gesetzt, der Entwurf wird im Kontext gestaltet. Für uns sind diese Beziehungen sehr wichtig, egal ob es Blickbeziehungen sind, Achsen oder Verbindungen in die Umgebung.

Markthal, Rotterdam © Ossip van Duivenbode
Bei den Projekten vom MVRDV finden sich immer wieder Stapelungen. Ist das nicht doch ein wiederkehrendes Formalelement?
Wir nennen es Stacks. Wir brechen damit größere Volumina auf, zum Beispiel durch Rotation. Dadurch ergeben sich Terrassierungen. Wie man mit diesen so entstandenen Dachflächen umgeht, ist einer unserer Ansätze. Dass Formen, die entstehen, einen Nutzen haben und daraus eine Qualität entsteht. Das ist ein Update von „Form follows function“.
Wo sehen Sie MVRDV in dem Dreieck zwischen Kunst, Wirtschaft und Dienstleistung für die Bauherren? Eher als Künstler oder eher als Dienstleister?
Das hängt vom Projekt ab. Man muss abwägen, wie viel Freiraum ist gegeben, was ist für den Standort wichtig, was für die Leute und was für den Entwickler oder den Nutzer. Als Architekt ist man Dienstleister, man möchte ja etwas entstehen lassen. Aber es kommt auch der künstlerische Aspekt hinzu, weil man eine gewisse Einzigartigkeit generieren möchte. Und wir sind an gewisse Zwänge gebunden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt gibt es im Büro dann schon Diskussionen, ist es dann noch unser Projekt, ist es noch das, was wir wollen.
Wie weit geht die Kompromissbereitschaft?
Es gibt eine gewisse Flexibilität, aber ab einem gewissen Zeitpunkt würde hinterfragt werden, warum man uns als Architekten nimmt. Wenn man ein einfaches Volumen mit Lochfassade haben möchte, dann braucht man nicht zu uns kommen. Es braucht für uns immer etwas, das einem Objekt zusätzlich Qualität verleiht. An dem werden wir festhalten. In der Ausformulierung kann es aufgrund von Materialänderungen zu Einsparungen kommen. Da muss man gemeinsam mit dem Entwickler abwägen.
Gab es schon Fälle, wo Projekte zurückgelegt oder Aufträge nicht angenommen wurden?
Ja, die gab es. Wir haben eine eigene Abteilung, die prüft, mit welchen Stakeholdern wir arbeiten, wie ist deren Standpunkt. Wir wiegen stets ab, ob das Projekt mit unseren Werten vereinbar ist. Falls wir da keine Möglichkeit sehen, kann es vorkommen, dass wir ein Projekt ablehnen müssen.
MVRDV ist auch in der Entwicklung von Tools und Theorien aktiv. Was steckt hinter Stichworten wie Farmex, Solarscape, Carbon Space und wie wirkt sich das auf die Arbeit und die Architektur von MVRDV aus?
Carbon Space ist eine Software, die von uns entwickelt wurde. Es ermöglicht uns, in einem sehr frühen Zustand zu prüfen, wie viel CO2 verbaut wird. Auf Basis einer Materialdatenbank erkennt man, welche Eingriffe in der Architektur stattfinden könnten oder müssten. Mit diesen Tools können wir dem Projektentwickler sagen, wenn wir zum Beispiel die Konstruktion oben als Leichtbau gestalten, dann sparen wir Masse für die Fundamentkonstruktion und dadurch reduziert man den CO2-Fußabdruck des Gebäudes. Wir haben zum Beispiel analysiert, dass Elemente wie Auskragungen nur acht Prozent des Footprints ausmachen. Das bedeutet, dass man die Gebäudeform gezielt gestalten kann, um etwa Auskragungen zu integrieren. Gleichzeitig lässt sich in anderen Bereichen gezielt CO2 einsparen. Mit Farmax funktioniert das in Bezug auf die Dichte. Die Niederlande sind ja eines der dichtest bevölkerten Länder in Europa. Es gibt viele neue gebaute Strukturen, die Stadtentwicklung hat dabei Hochbaupunkte definiert. Wir haben geprüft, wo solche Hochpunkte bezüglich der Sonneneinstrahlung sein können. Solche Tools werden von unserem eigenen bürointernen Next-Team entwickelt. Das wird einerseits durch unsere Projekte finanziert, andererseits haben wir aber auch Researchprojekte, beispielsweise mit der TU Delft.

Innovation Park Artificial Intelligence (IPAI), Heilbronn © MVRDV
Carbon Space war Thema bei Ihrem Vortrag auf den Wienerberger Brick Days in Wien. Welche Botschaft haben Sie den Zuhörern dort vermittelt?
Mit Carbon Space wollten wir zeigen, dass Architekten mit einfachen Mitteln analysieren können, wie nachhaltig ein Projekt ist. Solche Tools geben uns die Möglichkeit, wieder aktiver in Entscheidungsprozesse einzutreten und Verantwortung zu übernehmen – gegenüber der Öffentlichkeit und dem Planeten. Architektur darf nicht nur Dienstleistung sein. Wir müssen über unsere Arbeit diskutieren – mit Fakten, nicht nur mit schönen Bildern. Carbon Space hilft dabei, den CO2-Verbrauch sichtbar zu machen und den Dialog über nachhaltiges Bauen anzustoßen. Solche Werkzeuge können nicht nur den Entwurfsprozess verbessern, sondern auch politische und gesellschaftliche Diskussionen anregen.
Was ist SolarScape?
Das ist sehr ähnlich, ein programmiertes Tool, um anhand der Sonneneinstrahlung die maximale Bebaubarkeit in einer bestehenden Stadtstruktur zu prüfen. Wenn man die Sonne mit 45 Grad auf die Volumina scheinen lässt, entstehen einander schneidende Kegel. Und dadurch erhält man das maximale Bauvolumen, ohne dass ein Baukörper den anderen verschattet. Wir arbeiten sehr oft damit, in Bordeaux ist so ein Masterplan entstanden. Und in Rotterdam diente es als Basis für eine Verdichtungsstudie.
Wie ändert sich durch die Digitalisierung Ihrer Meinung nach die Architektur generell?
Ein wichtiges Thema ist derzeit die Bildbearbeitung. Mit speziellen Tools können wir im Team Entwürfe schnell anpassen oder Varianten testen. So lässt sich der Entwurfsprozess beschleunigen – allerdings braucht es dafür weiterhin Fachwissen. Unsere KI-Tools dienen vor allem der Konzeptphase: Wir laden einfache Volumenmodelle hoch und generieren über Prompts rasch visuelle Varianten, etwa unterschiedliche Fassadendesigns. Es geht dabei weniger um finale Ergebnisse, sondern um neue Impulse. Das Ziel ist nicht Standardisierung, sondern Offenheit für neue Ansätze – das Experiment bleibt ein zentraler Teil unserer Architekturpraxis.
Also AI als Hilfsmittel.
Genau. Es hilft uns jetzt nicht, das Projekt umzusetzen, den Grundriss zu zeichnen oder das Bild zu erzeugen, das machen wir noch immer auf die alte Weise. Aber wir spielen Szenarien durch. Und das ist bei uns im Büro so extrem wichtig, dass man Optionen durchspielt und auch versucht zu verstehen, wo man an Grenzen stößt.

Valley, Amsterdam © Ossip van Duivenbode
Bei dem Projekt Valley hat Computertechnologie eine sehr große Rolle gespielt. Wie ist das abgelaufen?
Das war spannend, weil die drei Türme unterschiedliche Nutzungen haben. Hier ging es darum, zu prüfen, wie kann ich auf der einen Seite eine glatte Fassade entwickeln, die der Bürostruktur ein Gesicht gibt, und auf der anderen Seite eine Fassade mit poröser Struktur, die sich öffnet. Entstanden ist eine Canyonform, die gleichzeitig die Balkone und Terrassen für die Bewohner bildet. Für die Steinfassade musste geprüft werden, wie die Steine geschnitten und gelegt werden können, damit sie alle zum Schluss zueinander passen. Dafür wurde vom Next-Team eine Software geschrieben, die diese Schnittflächen vereinfacht und so weit reduziert, dass man nur eine gewisse Anzahl an gleichen Elementen hat. Das Programm teilt das Objekt in Elemente und ermöglicht es, so viele gerade Schnittflächen wie möglich zu schaffen und das Verlegemuster automatisch zu erstellen. Wenn man das einmal entwickelt hat, kann man es multiplizieren und es entfällt manuelle Arbeit. Das kann man in mehreren Gebäudebereichen anwenden. Wir haben viele junge Mitarbeiter, die großes Interesse daran haben, sich auf diesem Gebiet weiterzubilden. Diese Kombination aus Erfahrung und Experimentierfreude ermöglicht Tools, die den Prozess effizienter machen.
Wird bei MVRDV noch mit Handskizzen gearbeitet oder läuft das alles nur mehr digital?
Wir haben noch Skizzenpapier. Bei den Besprechungen mit Winy, Jacob oder Nathalie wird oft noch ausgedruckt und darauf gezeichnet. Gleichzeitig ist das dreidimensionale Entwerfen mittlerweile sehr wichtig. Unsere Besprechungen finden auch im 3D-Modell statt. Leider werden weniger Modelle gebaut. Das finde ich schade – früher wurden viele Modelle hergestellt, um Kubaturen und Maßstäbe zu prüfen. Heute passiert das meist erst am Ende, weil der Aufwand groß ist. Mit unserer 3D-Software erstellen wir schnell Visualisierungen, aber man muss sich trotzdem überlegen, was man zeigen will. Das hat man mit einem gebauten Modell manchmal besser erkannt. Der Denkprozess ist beim Zeichnen ein anderer. Am Computer hat man oft dieses finale Gefühl. Der Vorteil des Stifts ist, dass man Dinge ausprobieren und verwerfen kann. In der 3D-Modellierung macht man oft mehr Schritte als nötig und verliert sich leicht.
Arbeiten Sie auch mit dem digitalen Gebäudemodell BIM?
Ja, sehr intensiv. Ein Beispiel ist der Innovation Park Artificial Intelligence in Heilbronn. Das Projekt wird komplett in BIM geplant. Oftmals werden Entwürfe bereits zu früh sehr detailliert, da die Anforderungen im BIM-Prozess durch die Projektvorgaben sehr hoch sind. Dadurch entstehen frühzeitig detaillierte Diskussionen, die gelegentlich auch hinderlich sein können.

Fuggerei NEXT500 Pavilion, Augsburg © Saskia Wehler
Welchen Stellenwert legt man bei MVRDV auf Architekturwettbewerbe? Nehmen Sie daran teil?
Wettbewerbe sind wichtig, um das Portfolio zu erweitern und in neuen Ländern Fuß zu fassen. Wir wägen aber genau ab, wo wir Chancen haben. Aktuell nehmen wir eher an geladenen Verfahren teil. In anonymen Wettbewerben fehlt oft das Verständnis für unsere Denkweise. Unsere Entwürfe sind erklärungsbedürftig, wir arbeiten stark mit Storylines, jedes Projekt erzählt eine Geschichte. Das lässt sich anonym oft schwer vermitteln.
Ihre persönlichen Lieblingsprojekte von MVRDV?
Mein persönliches Lieblingsprojekt, an dem ich selbst gearbeitet habe, ist Traumhaus Funari. Das sind kleine nebeneinanderstehende Reihenhäuser mit unterschiedlichsten Fassaden und Qualitäten. Und hier in Rotterdam sind es das Boijmans Van Beuningen Depot und die Markthalle, die auf die Stadt enorm Einfluss hatten. Die Idee der Markthalle war, ein Wohngebäude und einen Markt zu verbinden und neu zu denken. Und es wurde dann einfach ein Wohngebäude mit dem Markt drin entwickelt. Und diese sehr einfache Geste zeigt gleichzeitig, wie man den Stadtraum verändert, Nutzungen für die Leute in der Umgebung und gleichzeitig qualitativen Wohnraum schafft. Das Hochhaus in Mannheim, das ich auch geleitet habe, ist eines meiner Herzensprojekte. Und dann hatte ich auch noch Glück, für die Fuggerei zu arbeiten. Das sind Arbeitersiedlungen, die 1521 von Jakob Fugger in Augsburg gegründet wurden. Für das fünfhundertjährige Jubiläum haben wir einen Pavillon entwickelt, einen reinen Holzbau.
Worauf kommt es bei MVRDV an?
Wichtig ist uns, dass Architektur Verantwortung übernimmt. Der Diskurs darf nicht nur zwischen Kunde und Architekt stattfinden, sondern braucht öffentliche Plattformen. Als international bekanntes Büro haben wir die Möglichkeit, Themen einzubringen und politische Gespräche mitzugestalten. Etwas zu verändern und zu verbessern, das über den Entwurf hinausgeht – das ist die Essenz von MVRDV. Und auch der Grund, warum ich dort arbeite.
Interview: Roland Kanfer
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen









