Architektur Fachmagazin Ausgabe 03/2026
Orte zum Leben
Wohnen gehört zu den unmittelbarsten Themen der Architektur. Es betrifft den Alltag, die Stadt, das Land, soziale Beziehungen, ökologische Fragen und nicht zuletzt die Vorstellung davon, wie wir leben wollen. Kaum eine Bauaufgabe ist so vertraut und zugleich so umkämpft. Wohnraum ist Grundbedürfnis, Marktgut, politisches Versprechen und architektonisches Experimentierfeld. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf Projekte, die das Wohnen nicht als abgeschlossene Typologie behandeln, sondern als offene, veränderbare Aufgabe.
Ein Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt auf Formen des gemeinschaftlichen Wohnens. Sie zeigen, dass Nachbarschaft nicht zufällig entsteht, sondern räumlich mitgedacht werden muss. Am Wienerfeld West in Wien-Favoriten wird eine bestehende Gemeindebausiedlung schrittweise ersetzt. WUP architektur entwickelt dort eine Siedlungsstruktur aus kompakten Häusern in Holzhybridbauweise, privaten Freiflächen und gemeinschaftlich nutzbaren Erschließungsräumen. Der Musterblock D1 zeigt, wie überschaubare Nachbarschaften in größerem Maßstab entstehen können. Auch das Neue Landgut südwestlich des Wiener Hauptbahnhofs verhandelt Wohnen im städtischen Zusammenhang. Am Bauplatz D12 bündeln DTFLR und PLOV Architekten mit B.R.I.O. zentrale Fragen des geförderten Wohnbaus: Leistbarkeit, soziale Durchmischung, Klimagerechtigkeit und Kreislauffähigkeit. Das Projekt sucht nach einer Architektur, die systematisch geplant ist, ohne schematisch zu wirken. Mit Augustine’s Garden in Riga rückt der Bestand in den Vordergrund. Sampling Architects verbinden die Sanierung eines Jugendstil-Mietshauses mit dem Umbau ehemaliger Hofgebäude. Historische Fassaden, vorhandene Materialien und ein gemeinschaftlicher Garten machen sichtbar, wie Wohnen aus den Schichten der Stadt weiterentwickelt werden kann.
Neben diesen kollektiven Wohnformen widmet sich die Ausgabe auch wieder dem Einfamilienhaus. Nach einem Schwerpunkt auf mehrgeschossigem Wohnbau im Vorjahr darf diese umstrittene Typologie diesmal bewusst ihren Platz einnehmen. Das Einfamilienhaus bleibt, allen ökologischen und raumplanerischen Einwänden zum Trotz, für viele Menschen ein Wohntraum. Architektonisch bietet gerade der kleine Maßstab Möglichkeiten, die im großvolumigen Wohnbau oft schwer durchzusetzen sind. Private Bauherrschaften, überschaubare Programme und direkte Entscheidungswege erlauben Details, Materialexperimente und räumliche Präzision, die im größeren Maßstab häufig an Normen, Kostenrahmen oder Verwertungslogiken scheitern. Das Einfamilienhaus bleibt damit ein ambivalentes, aber produktives Versuchslabor.
Die ausgewählten Beispiele zeigen unterschiedliche Zugänge: Haus Medník von Päivä Architekti versteht Wohnen als präzise Neuausrichtung eines kleinen Baukörpers zwischen Bestand, Garten und Landschaft. Die Staggered Cabin in South Lake Tahoe löst das klassische Haus in eine Abfolge kleiner Hütten auf und macht Bewegung, Hanglage und Jahreszeiten zum Teil des Wohnens. Das Haus am See von Anna Kovacs / NANA Architektur verbindet nahe dem Attersee Wohnen, Praxis und Ferienwohnung und übersetzt das Motiv des Vierkanthofs in eine reduzierte zeitgenössische Form.
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Kategorie: Archiv









