Architektur Fachmagazin Ausgabe 05/2026

4. Oktober 2026 Mehr

Was wir weitergeben

Gebäude sind nie nur Gegenwart. Sie sind immer auch ein Angebot – oder eine Belastung – für kommende Generationen. Was heute geplant, gefügt, verklebt, verschraubt oder sortenrein getrennt wird, entscheidet darüber, ob morgen weitergebaut, umgenutzt oder nur entsorgt werden kann. Kreislaufwirtschaft ist deshalb weit mehr als ein Nachhaltigkeitslabel. Sie ist eine Form der Vorsorge: gestalterisch, konstruktiv und gesellschaftlich. In der Praxis verlangt sie Kreativität, Organisation und die Bereitschaft, sich durch Normen, Zuständigkeiten und bürokratische Widerstände zu arbeiten.

Die Projekte dieser Ausgabe zeigen, wie unterschiedlich diese Aufgabe verstanden werden kann. Beim Bürogebäude Hortus in Allschwil wird Kreislauffähigkeit zum Ausgangspunkt eines radikalen Neubaukonzepts: nahezu ohne Beton, in Holzrahmenbauweise und mit dem Anspruch, langfristig mehr Energie zu erzeugen, als für den Betrieb benötigt wird. Das Gebäude versteht sich als Experimentierfeld für eine postfossile Architektur und zeigt, dass konsequente Materialstrategien neue räumliche und konstruktive Möglichkeiten eröffnen können.
Einen anderen Weg geht Kantoor vol Afval in Katwijk. Popma ter Steege Architects haben ein ehemaliges Bürogebäude des niederländischen Verteidigungsministeriums umgebaut und dabei den Wert vorhandener, rückgebauter oder andernorts frei werdender Bauteile neu bestimmt. Der programmatische Name – Büro voller Abfall – verweist auf eine zentrale Verschiebung: Was lange als Rest oder Problem galt, wird wieder zum Bauteil, zum Wertstoff, zum Ausgangsmaterial.
Wie präzise Wiederverwendung eingesetzt werden kann, zeigt LysP8 auf dem Basler Lysbüchel-Areal. Loeliger Strub Architektur arbeiten mit geretteten Dachziegeln und Fensterläden, die dem Wohnprojekt eine eigenständige Fassadensprache geben und zugleich auf die Geschichte des Geschosswohnbaus verweisen. Bei Trace in London wird die alte Backsteinfassade zum Material einer neuen Gebäudehülle. Bureau de Change führen damit Bestand, Erinnerung und Nutzung in eine neue architektonische Ordnung.
Eine leisere Form des Weiterbauens zeigt SMK Thy: Reiulf Ramstad Arkitekter verwandeln einen historischen Kaufmannshof in Nordjütland in einen Ort für Kunst und Natur. Beim Shoreline Studio von Norm Architects steht der bewusste Umgang mit einfachen, dauerhaften Materialien im Vordergrund – mit Reet, wiederverwendeten Holzbalken, Ziegeln und robusten Harthölzern, die altern dürfen.
Auch in den Sonderthemen geht es um Materialien und Praktiken, die lange unterschätzt oder verdrängt wurden. Schilf, einst prägend für die Baukultur rund um den Neusiedler See, kehrt durch Forschung, Brandversuche und neue Anwendungen als regionaler Baustoff mit Zukunft zurück. Hanfkalk zeigt, wie aus einem Nischenmaterial ein Netzwerk aus Landwirtschaft, Forschung, Industrie und Architektur entstehen kann.
Und schließlich erinnert studio formagora daran, dass Kreislaufwirtschaft über Materialfragen hinausreicht. Wenn Möbel, Stadtmöblierungen und Interventionen gemeinsam mit Nutzerinnen und Nutzern entstehen, wird Wiederverwendung auch zu einer sozialen Praxis.

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Kategorie: Archiv