Architektur Fachmagazin Ausgabe 06/2025

20. November 2025 Mehr

Oberflächlich …

… ein Wort, das meist abwertend klingt. Es weckt Assoziationen von Leere, von einem Mangel an Tiefe, von etwas, das man leicht übersehen oder gar ignorieren könnte. In unserer gebauten Umwelt sind Oberflächen leider oft genau das: eine bloße Haut, die die vermeintlich wichtigeren Strukturen umhüllt und verbirgt. Doch sie können viel mehr sein – Sie sind sinnlich, intelligent, erzählerisch. Sie geben Räumen Charakter, erzeugen Haptik, Lichtspiel und Atmosphäre. Sie sind Träger von Erinnerung, Ausdruck von Kultur, Spiegel unserer menschlichen, technologischen und ökologischen Ansprüche.

Diese Ausgabe widmet sich dem Schnittpunkt zwischen Materialität und Gestaltung. Sie lädt ein, über die Oberfläche hin­auszudenken – und gleichzeitig zu erkennen, wie tief diese wirken kann. Denn in der sorgfältigen Wahl von Material und Finish liegt die Kraft, Räume zu prägen, Geschichten zu erzählen und Erlebnisse zu schaffen, die lange nachhallen.
Exemplarisch dafür steht der Umbau des Museums Bezau in Vorarlberg durch Innauer Matt Architekten. Hier wird die Oberfläche zur lebendigen Chronik. Außen überlässt man sägeraues Fichtenholz dem Spiel der Witterung, damit es in Würde altert und sich der Patina des Bestands angleicht. Innen hingegen schafft gekalktes Holz eine fast sakrale Atmosphäre, die eine alte bäuerliche Praxis in einen musealen Kontext überführt.
Ein bewusster Umgang mit Kontrasten prägt auch die weiteren Projekte. In Portugal erweckt das Büro NOARQ mit dem Rathaus von Trofa eine alte Industriebrache zu neuem Leben, indem es die rohe Kraft von Sichtbeton und dunklem Ziegel dem verputzten Bestand gegenüberstellt. BÜRO ­MÜHLBAUER treibt mit dem „House with Two Courtyards“ die Idee des Monolithischen auf die Spitze, wo unbehandelter Beton zur alles prägenden, skulpturalen Leinwand für Licht und Schatten wird. Und die Casa Tres Patis von Twobo Arquitectura in Katalonien zelebriert ein wahres Fest der Texturen: ein fein austariertes Zusammenspiel aus Ziegel, Beton, Holz und glasierten Fliesen, das die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen lässt. Den Bogen zum Dialog mit dem Ort spannt schließlich das Massivholzhaus von Backraum Architektur in Gars am Kamp. Die dunkle, präzise gefügte Aluminiumfassade wirkt von außen wie ein schützender Panzer, der sich zur Landschaft und zur gegenüberliegenden Burg öffnet. Im Inneren hingegen entfaltet unbehandeltes Lärchenholz seine ganze Wärme und Lebendigkeit.
Dieser Fokus auf durchdachte Materialität setzt sich auch in unserem Schwerpunkt zur Retailarchitektur fort, wo Oberflächen zum entscheidenden Markenerlebnis werden. Abgerundet wird die Ausgabe durch weitere Projektberichte, in­spirierende Artikel und Produktneuheiten, die – wie Sie sehen werden – alles andere als oberflächlich sind.

Jetzt lesen!

 

 

Kategorie: Archiv