Auf das Wesentliche reduziert
Mit dem neuen Rathaus von Trofa revitalisierte das Büro NOARQ ein ehemaliges Industriegebäude im Norden von Portugal. Rund um einen bestehenden Trakt legten die Architekten den Fokus auf unterschiedliche Materialien, Techniken und Technologien. Das Ergebnis ist ein kontrastreicher Bau zwischen Alt und Neu, der auf das Wesentliche beschränkt mit seiner langlebigen, energieeffizienten und pflegeleichten Gestaltung überzeugt.
Über 25 Jahre lang waren die verschiedenen Institutionen in Trofa quer über die 40.000-Einwohner-Stadt verstreut. Mit dem Umbau und der Erweiterung einer industriellen Brache im Süden des Zentrums sollte sich dieser Zustand in der nördlichen Metropolregion von Porto endlich ändern und Trofa ein repräsentatives Verwaltungsgebäude erhalten. Im Zuge dessen wurde 2016 ein Wettbewerb ausgerufen. Den Ausgangspunkt für das Projekt bildete mit der Indústria Alimentar Trofense eine alte Getreideverarbeitungsanlage. Diese erstreckte sich entlang einer stillgelegten Eisenbahnlinie auf einem 6.200 m2 großen Grundstück mit 28 m Breite und 200 m Länge. Der alte Industriekomplex setzte sich aus einer Reihe von Baukörpern zusammen. Bei den meisten von ihnen handelte es sich nur noch um leere Hüllen mit maroden Außenwänden und Dächern. Während sich viele der ausgehöhlten Hallen aus technischen und funktionalen Gründen nicht weiternutzen ließen, entwickelte das Planerteam von NOARQ einen Entwurf, der den einstigen Haupttrakt des Ensembles zum Herzstück des Revitalisierungsprojekts macht – und setzte sich damit gegen die anderen Vorschläge durch.
Erhalten und erweitert
Der erhaltene Gebäudeteil befindet sich im Zentrum des länglichen Bauplatzes und teilt diesen in einen nördlichen und einen südlichen Bereich. Neben seinen charakteristischen Lochfassaden mit Bogenfenstern zeichnet den Bestand eine offene Dachkonstruktion aus Holz aus. Im ersten Schritt wurde die Struktur zurückgebaut, vereinfacht und diverse Anbauten entfernt. Um alle Funktionen in dem künftigen Rathaus unterbringen zu können, fügten die Architekten schließlich mehrere, geradlinige Volumen hinzu. Die neuen Elemente legen sich mit unterschiedlichen Höhen rund um den ehemaligen Haupttrakt. Sie erstrecken sich bis ins Untergeschoss und heben sich sowohl in der Kubatur als auch in ihrer Gestaltung klar von dem Industriebau ab. Unregelmäßig gesetzte Fensteröffnungen, Vor- und Rücksprünge sowie ein Wechsel aus offenen und geschlossenen Bereichen lockern das neue Rathaus auf allen Etagen auf. Auf diese Weise strukturierte das portugiesische Architekturbüro das Ensemble sanft und nahm ihm zugleich an Monumentalität.
Bedachte Materialwahl
Bei der Gestaltung des neuen Rathauses ließen sich die Architekten vom Bestand inspirieren – und beschränkten sich bei sämtlichen Entwurfsentscheidungen stets auf das Wesentliche. Zunächst untersuchten sie den Untergrund der alten Kalkputzwände, die sich nach jahrelangem Leerstand und mangelnder Wartung in keinem guten Zustand befanden. Auf Basis dieser Analysen suchte man dann nach einem kompatiblen Material, das nicht nur Rissen entgegenwirken, sondern auch zementfrei und ohne auffällige Farben sein sollte. Anstatt die Spuren der Zeit zu überdecken, wollte NOARQ die Fassaden des Industriebaus authentisch gestalten und das Handwerk in den Fokus rücken. In Zusammenarbeit mit der Firma Sto fiel die Entscheidung schließlich auf ein organisches, feinkörniges Putzsystem. Dieses kombiniert ein dehnfähiges Unterputzsystem mit einem gefilzten Oberputz (Stolit Milano) mit einer Lasur (StoColor Sil Lasura). Letztere sorgt dank Wischtechnik für das gewünschte, unregelmäßige Finish und hebt den bestehenden Trakt in hellem Grau vom übrigen Ensemble ab.
Kontrast zwischen Alt und Neu
Auch bei den neuen Gebäudeteilen standen die Widerstandsfähigkeit und Energieeffizienz der Materialien und Bautechniken im Vordergrund. Sämtliche Werkstoffe sollten in erster Linie ressourcenschonend, wirtschaftlich und einfach zu warten sein. Um das begrenzte Budget zu schonen und auch die Kosten für die Instandhaltung zu minimieren, fiel die Wahl der portugiesischen Planer auf eine zweischalige Stahlbetonkonstruktion mit einer Hülle aus dunklem Ziegel. Die fast schwarzen Steine verleihen dem revitalisierten Fabriksgebäude mit ihren langen, schmalen Formaten ein modernes Aussehen und betonen den Kontrast zwischen den alten und neuen Teilen des Komplexes noch stärker. Wie auch die Putzfassaden verändern die dunklen, in Ziegel gekleideten Ansichten das Erscheinungsbild im Laufe der Zeit möglichst wenig und tragen weiter zur Nachhaltigkeit des Rathauses bei.
Die interne Organisation
Die Organisation des dreigeschossigen Komplexes folgt dem Vorbild einer griechischen Agora. Wie ein zentraler Marktplatz sollte das Haus nicht nur der Stadtverwaltung dienen, sondern als Gemeinschaftsort auch den Einwohnern gehören. Formal gliedert sich der Grundriss in drei Streifen, die sich über die gesamte Länge des Gebäudes erstrecken: An der westlichen Längsseite erweitern überdachte Bereiche den öffentlichen Raum bis nach drinnen, bevor Besucher im zentralen Bestandstrakt in die repräsentative Lobby gelangen. Das Foyer ist mit einer eindrucksvollen Doppeltreppe ausgestattet, welche zu den einzelnen Ebenen führt. Im dahinterliegenden Mittelteil befinden sich die Servicebereiche des Verwaltungsbaus. Den Abschluss bilden die Erschließungsflächen für die Mitarbeiter. Sie sind entlang der Ostfassade angeordnet. Während das Eingangsniveau den unterschiedlichen Bürgerservices vorbehalten ist, setzen sich die Räume der Beratungsdienste im ersten Stock fort. Im obersten Geschoss sind die Büros der politischen Vertreter untergebracht, die das Raumprogramm komplettieren.
Helligkeit und Wärme im Inneren
Das reduzierte Designkonzept setzt sich im Inneren des neuen Rathauses von Trofa fort, allerdings mit einem Unterschied: Im Gegensatz zu den dunklen Ansichten, dominiert hier die Helligkeit. Neben glatten Sichtbetonoberflächen prägen warme Einbauten, Verkleidungen und Untersichten aus Holz sämtliche Bereiche. Großflächige Verglasungen bringen reichlich Tageslicht in die Räume und ermöglichen immer wieder Blickbeziehungen ins Freie. Mehrgeschossige Bereiche und Lufträume unterstreichen den hellen, offenen Charakter. Im alten Hauptgebäude wurden bestehende Elemente saniert und gezielt in Szene gesetzt. Ein neuer Sitzungssaal gibt beispielsweise Einblick in das Tragwerk des alten Satteldachs und mit ihm in die Geschichte des revitalisierten Gebäudes.
Rathaus Trofa
Trofa, Portugal
Bauherr: Gemeindeverwaltung Trofa
Planung: NOARQ – José Carlos Nunes de Oliveira
Tragwerksplanung: GEPEC – Afonso Serra Neves, Sérgio Cunha
Hydraulik: GEPEC – Rossana Pereira
TGA & Sicherheit: GPIC – Alexandre Martins, Pedro Barreira
Klimatechnik: GET – Raul Bessa, Miguel Alves
Ausführung: Singular & Abstracto
Putzfassade: Sto
Fläche: 6.232 m2
Planungsbeginn: 2017
Baubeginn: 2019
Fertigstellung: 2023
Baukosten: 8.1 Mio. €
Text: Edina Obermoser
Fotos: Duccio Malagamba
Kategorie: Projekte










