Durch die Blume
Im Gemeinschaftsgarten des Londoner Chase Farm Hospitals ist ein beweglicher Pavillon entstanden, der sich mit den Jahreszeiten verändert und erblüht. Mit seiner kinetischen Fassade öffnet sich The Blooming Shed zum parkähnlichen Grünraum und unterstützt damit einen wichtigen Therapieansatz: Natur als Medizin.
Gartenhäuser haben in England eine lange Tradition. Als der streng geometrische Barockgarten im 18. Jahrhundert vom englischen Landschaftsgarten abgelöst wurde, änderte sich auch die Architektur im Grünen. Anstelle des Wunsches die Natur zu beherrschen und zu ordnen, trat die Suche nach Harmonie zwischen Mensch und Natur. In diesem Geist wurden bisweilen recht exzentrische Zierbauten in die Gärten gesetzt, die sogenannten Follies. Sie dienten als romantische Blickfänge und entbehrten meist jeglicher Funktion. Wie so ein Gartenhaus den architektonischen Zeitgeist von heute maximal repräsentiert, zeigt das Projekt The Blooming Shed in Londons nördlichem Stadtteil Enfield.
Der Pavillon entstand im Rahmen einer Förderinitiative des Royal Free NHS Trusts und sollte am Gelände des Chase Farm Hospitals einen „innovativen Raum für die psychische Gesundheit“ schaffen. Gilt das spezialisierte Zentrum für Chirurgie und psychische Erkrankungen als eines der modernsten Krankenhäuser des staatlichen Gesundheitssystems, hat man den zugehörigen Gemeinschaftsgarten in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Die alte Gartenhütte, marode und baufällig, sollte einem neuen Gartenhaus weichen, das den Grünraum neu belebt und dazu beiträgt, dass die Natur ihre erwiesene therapeutische Wirkung auf die Patienten voll entfalten kann.
Das Team des Londoner BAT Studios nahm das Entfalten wörtlich und schuf einen Holzpavillon mit kinetischer Fassade. Die drei Tonnengewölbe mit puderroter Struktur und verglasten Fronten lugen in blumiger Formensprache unter dem Blätterdach der Bäume hervor und widersprechen so ganz dem Kanon gängiger Krankenhaustypologien. Wenn die Temperaturen es erlauben, lassen sich die drei Fassadenelemente, die auf großen Schienen montiert sind, ausfahren. Dann entfaltet sich die Blüte und löst so die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum auf.
Schönheit im Gewöhnlichen
„Die dynamische, ‚blühende‘ Fassade ist sowohl poetische als auch funktionale Antwort, inspiriert von den zyklischen Rhythmen der Natur und dem Wunsch, ein Gebäude zu schaffen, das sich physisch und symbolisch seiner Umgebung öffnet“, erklären Dave di Luca und Jonty Craig, die Gründer des interdisziplinären Designteams. Umgesetzt wurde der bewegliche Pavillon mit einfachen, handelsüblichen Materialien. Das Dach besteht aus verzinktem Wellblech, das sonst hauptsächlich zum Bau von Schweineställen verwendet wird.
Damit reagierte man nicht nur auf die knappen Budgetvorgaben, es spiegelt auch den Geist der Achtsamkeitslehre wider, Schönheit und Bedeutung im Gewöhnlichen zu finden. Die Mindfulness-Praxis, die ihre Wurzeln in der buddhistischen Lehre hat, ist heute ein fixer Bestandteil der westlichen Medizin zur Stressbewältigung.
Im Gegensatz zu den reinen Zierbauten der historischen Gartenkunst ist The Blooming Shed als nutzungsoffener Raum konzipiert. Einerseits finden hier Therapiesitzungen, Besprechungen und Workshops als Teil des Klinikangebotes statt, andererseits versteht sich das Gartenhaus als öffentlicher Raum, der zur spontanen Nutzung anregen soll. Indem man auf starre Hierarchien und übermäßig definierte Funktionen verzichtet, können sich die Menschen den Raum auf ihre Weise aneignen und dabei ein Gefühl von Zugehörigkeit und Inklusion erleben.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Martina Lang
Kategorie: Projekte












