Ein Katalysator für Begegnungen
Eine Großspende machte es möglich, den historischen Kaufmannshof Doverodde Købmandsgård in der nordjütländischen Region Thy für das Dänische Kunstmuseum zu erschließen. SMK Thy nennt sich der ländliche Ableger, der die abgeschiedene Gegend am Limfjord zur neuen Kunst-Destination macht. Die minimalinvasive Transformation nach den Plänen von Reiulf Ramstad Arkitekter will vor allem eines: Menschen über Kunst und Natur zusammenbringen.
In der Region Thy im Nordwesten von Jütland zeigt sich Dänemark von seiner rauen Seite. Kilometerlange, windgepeitschte Sanddünen, weite Kiefernwälder und unberührte Heidelandschaften ergeben ein einzigartiges Geflecht an Naturräumen. Seit hier der erste Nationalpark des Landes eröffnet wurde, vermarktet sich die Region als „Dänemarks größte Wildnis“ und zieht ganzjährig Naturtouristen und Wanderer an. Die Surf-Mekkas von Klitmøller und Vorupør, die den Beinamen Cold Hawaii tragen, spülen vermehrt junge Kreative in die Region und mit ihnen eine neue Start-up-Szene. Die kleine Hafensiedlung Doverodde am grünen Ufer des Limfjords hatte es einer Sturmflut zu verdanken, dass sie im 19. Jahrhundert zum bedeutenden Handelshafen aufstieg. Das Hochwasser durchbrach eine Landzunge, und plötzlich hatte der Ort einen direkten Zugang zur Nordsee. Aus dieser Phase der wirtschaftlichen Hochblüte stammt der Doverodde Købmandsgård, einer der besterhaltenen historischen Kaufmannshöfe des Landes. Mit dem Einzug des Statens Museum for Kunst (SMK) im Sommer 2025 ist die Region Thy auch zum Anziehungspunkt für kunstaffine Reisende geworden.
So wie das Centre Pompidou oder die Tate Modern hat die dänische Nationalgalerie damit ihre erste Zweigstelle außerhalb der Hauptstadt eröffnet. Anders als der monumentale Renaissancebau in Kopenhagen präsentiert sich die nördliche Dependance deutlich volks- und naturnäher. Schon von weitem macht das Getreidesilo wie ein Fingerzeig in der flachen Landschaft auf sich aufmerksam. Der 42 Meter hohe Turm markierte einst in Beton gegossene Agrarmacht und kam in den 1960er-Jahren hinzu. Es war der Versuch, mit der industriellen Landwirtschaft Schritt zu halten, bevor der Strukturwandel in der Branche zu neuen Schauplätzen drängte.
Kunst trifft Natur
Schon bei der Ankunft am Entree-Haus, das Museumsshop und Ticketverkauf vereint, präsentiert sich dem Besucher eine bunte Ansammlung an unterschiedlichsten Typologien und Bauweisen. Der historische Hof wurde 1852 errichtet, kurz darauf das benachbarte Pakhus, ein dreistöckiger Getreidespeicher aus Backstein, der das eigentliche Ausstellungsgebäude des SMK Thy bildet. Die brachiale Betonarchitektur des Silos erweitert das Ensemble in die Vertikale und das neu gebaute Empfangshaus schlägt als „Signature Pavillon“ eine Brücke zwischen dem historischen Bestand und dem sogenannten Naturdorf, dem Naturlandsbyen.
Während im alten Teil der Kunstbetrieb untergebracht ist, geht es in den neuen Holzbauten, die den Waldrand säumen, um handfestere Dinge. In der Værftet stellt die lokale Wikingerschiff-Gilde Boote nach der traditionellen skandinavischen Klinkerbauweise her. Der archaisch anmutende Holzbau knüpft formell an die typischen Langhäuser der Wikinger an und macht das Handwerk für die Besucher erlebbar: in Form der raumgreifenden Holzkonstruktion sowie durch den aktiven Bootsbau der Gildenmitglieder. Nebenan, im Foreningshus, befindet sich der Treffpunkt für naturnahe Vereine, wie die Kajakfahrer, während Feuerhütten & Unterstände den Aktivurlaubern einen wettergeschützten Rastplatz bieten.
Architektur gegen die Einsamkeit
Bevor man sich fragt, was all dies mit einem Kunstmuseum von nationalem Rang zu tun hat, verweist Architekt Reiulf Ramstad auf den spezifischen ländlichen Kontext von Thy, das ausgeprägte Vereinsleben der Dänen und die zunehmende Vereinzelung, die mit dem digitalen Zeitalter einhergeht. All diese Überlegungen haben zur vielschichtigen Transformation des Areals beigetragen, die durch eine 13-Millionen-Euro-Spende der A.P. Møller Stiftung finanziert wurde. Galt der Kunstbetrieb viele Jahrzehnte als städtisches Privileg, mehren sich heute die Bestrebungen, die Kunst zu demokratisieren und einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Durch die Verbindung zu den lokalen Vereinen und dem bereits etablierten Naturtourismus verliert das Kunstmuseum seine elitäre Anmutung und wird niederschwellig in das soziale Gefüge vor Ort eingebettet. Vom Würstchen am offenen Feuer bis zu den gut bewachten Gemälden von Picasso und Matisse sind es nur wenige Schritte.
Aber die Verbindung von Kunst und Natur ist für Ramstad keine auferlegte Pflichtübung, sondern tiefe Überzeugung. Denn, auch wenn unser Alltag heute massiv von Elektronik und digitalen Geräten geprägt ist, so sind wir selbst immer noch Teil der Natur. „Wir sind organisch“, betont er. Und es gebe genau zwei Dinge, die auf unsere moderne Gesellschaft und ihre Leiden therapeutische Wirkung ausüben: Kunst und Natur.
Mit dem Mix an unterschiedlichen Gebäudetypen und Stilen auf dem Museumsareal entsteht ein sehr dichtes Geflecht an Aktivitäten und Möglichkeiten. Dahinter steckt ein sozialer Auftrag: Die Architektur soll durch ihre schiere Bandbreite die unterschiedlichsten Menschen und Neigungsgruppen zusammenbringen und so als Katalysator für zwischenmenschliche Begegnungen und gegen die Einsamkeit wirken. Aber nicht nur der Gemeinschaftsgedanke vereint all diese Strukturen zu einer Einheit, sondern auch der bewusste Umgang mit den Ressourcen. Alles, was das Gelände an Baumaterialien hergab, fand eine neue Verwendung. Nichts wurde entsorgt.
Ziegel auf Ziegel
Grundsätzlich wollte man bei der Transformation minimalinvasiv agieren und möglichst nah am Bestand bleiben. Der ursprüngliche Plan, den knapp 170 Jahre alten Speicher zum Ausstellungsgebäude auszubauen, ging allerdings nicht auf. Zu streng sind die Sicherheits- und Klimastandards für die Präsentation millionenschwerer Kunstwerke, wie sie bei der Eröffnungsausstellung zur französischen Moderne den Auftakt machten. Auch wenn das Museum in einem entlegenen Winkel des Landes liegt, muss es genauso funktionieren wie der Louvre in Paris.
Vermutlich wäre es einfacher gewesen, das ortstypische Wirtschaftsgebäude, von der Kommune im Ensemble als „erhaltenswürdig“ eingestuft, abzureißen und mit dem Neubau bei Null zu beginnen. Stattdessen entschied man sich für den kontrollierten Rückbau und die technisch optimierte Rekonstruktion dieses historischen Kerngebäudes. Nachdem die Backsteine auf ihre Stabilität hin getestet worden waren, wurden sie Stück für Stück abtragen, restauriert und in den originalen Abmessungen des Speichers wieder zusammengesetzt. Hochisoliert und klimatisch präzise steuerbar, war der Museumsbau anschließend bereit für die bildnerische Hochkultur. Für das Raumerlebnis war es Ramstad wichtig, dass das Museum keine austauschbare Kunsterfahrung bietet, die sich an jedem Ort der Welt reproduzieren lässt. Durch den bewussten Sichtbezug zur Fjordlandschaft, die im Erdgeschoss cinemascopemäßig geframt wird, sind die Räumlichkeiten unmissverständlich mit dem Ort verbunden.
Wirkt das minutiöse Backstein-Puzzle wie eine übereifrige Fleißaufgabe, sieht Ramstad darin auch ein Prinzip erfüllt, das die Architekturgeschichte über Jahrtausende geprägt hat: Gebaut wird mit dem, was in der direkten Umgebung vorhanden ist. Auch bei der Materialbeschaffung für die Neubauten folgte das norwegische Architekturbüro diesem Ansatz. Das gesamte Fichtenholz für die Tragwerke der dorfähnlichen Holzsiedlung stammt aus dem nahegelegenen Rold Skov in Nordjütland. Im feuchten Küstenklima von Dänemarks größtem Waldgebiet wachsen besonders widerstandsfähige Bäume heran. Die Fassaden sind mit Eichenholz-Resten beplankt, bezogen von der Firma Dinesen, dem dänischen Hofproduzenten für Edeldielen. Mit der Zeit wird dieses naturbelassene Holz vergrauen und sich mit der gewonnenen Patina dem Bestand annähern.
Kopfstein mit Geschichte
Dass auch das Kopfsteinpflaster auf dem zentralen Platz zwischen Museum, Kaufmannshof und Silo bereits eine Patina besitzt, ist ein Eindruck, der nicht täuscht. Die Steine sind einige hundert Jahre alt und stammen ursprünglich aus Schweden. Nachdem sie zwischenzeitlich bei einem Re-Use-Projekt in den Niederlanden dienten, haben sie nun ihren Weg zurück in den skandinavischen Raum gefunden. Vor dem neuen Statens Museum for Kunst bilden sie ein sorgfältig verlegtes Mosaik aus unterschiedlichen Abnutzungsnuancen und verleihen dem Platz die passende Gravitas.
Die neue Destination hat das baukulturell wichtige Erbe der Region revitalisiert und bereits im ersten Saisonbetrieb alle Besucherprognosen übertroffen. Mit dem Ritterschlag des Time Magazines, das das SMK Thy in diesem Jahr zu den 100 besten Reisezielen der Welt kürte, scheint der Erfolg auch langfristig gesichert. Die fein orchestrierte Schnittstelle zwischen Mensch, Kunst und Natur zeigt sich besonders gut von oben. Am Dach des Silos, wo bereits in den frühen 2000er-Jahren eine Aussichtsplattform eingerichtet wurde, treffen alle Besucher zusammen: reisende Kunstliebhaber, naturverbundene Wanderer und ortsansässige Ausflügler. Der flachen Landschaft ist es zu verdanken, dass der Blick weit über Doverodde und das Limfjordufer hinausreicht. Von dort oben, so sagt Ramstad, sieht man ganz Dänemark.
Statens Museum for Kunst Thy und Naturlandsbyen
Doverodde, Dänemark
Bauherr: Kommune Thisted
Architektur: Reiulf Ramstad Arkitekter
Projektpartner: EKJ Rådgivnende Ingeniører
Nutzfläche: 3.300 m² (SMK Thy)
Planungsbeginn: 2020
Fertigstellung: 2025
www.reiulframstadarkitekter.com
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Rasmus Hjortshoj
Kategorie: Projekte















