Ein Materiallager für die Zukunft

24. September 2026 Mehr

Wie lässt sich ein Bürogebäude bauen, das langfristig mehr Energie erzeugt, als für seinen Betrieb benötigt wird, nahezu ohne Beton auskommt und eines Tages vollständig in Materialkreisläufe zurückgeführt werden kann? Mit dem Projekt „Hortus” in Allschwil haben Herzog & de Meuron gemeinsam mit der Bauherrin Senn Resources AG eine Antwort formuliert. Der fünfgechossige Büroneubau basiert auf einer Holzrahmenkonstruktion ohne ein konventionelles Kellergeschoss, um den Einsatz von Beton zu vermeiden. Er versteht sich als Experimentierfeld für eine postfossile Architektur und beweist, dass Kreislauffähigkeit keine Einschränkung bedeutet, sondern neue architektonische Möglichkeiten eröffnet.

 

 

Große Teile der Bauindustrie denken noch immer überwiegend linear. Rohstoffe werden gewonnen, verarbeitet, verbaut und irgendwann entsorgt. Gebäude gelten als Endprodukte. Doch was wäre, wenn man Architektur stattdessen als temporären Zustand innerhalb eines fortlaufenden Materialkreislaufs begreift? Genau dieser Frage widmet sich Hortus im schweizerischen Allschwil. Das von Herzog & de Meuron für die Senn Resources AG realisierte Bürogebäude steht im Switzerland Innovation Park und zählt zu den ambitioniertesten Beispielen kreislauffähigen Bauens im europäischen Bürobau. Bereits der Name – House of Research, Technology, Utopia and Sustainability – verweist auf den experimentellen Anspruch des Projekts. Hier sollte nicht einfach ein nachhaltiges Bürohaus entstehen, sondern ein Gebäude, das die Prinzipien einer postfossilen Bauweise in architektonische Realität übersetzt.

 

 

Der Ansatz beginnt bei der Materialwahl. Statt auf die im Hochbau übliche Kombination aus Beton, Stahl und Verbundwerkstoffen setzt Hortus auf eine stark reduzierte Palette aus Holz, Lehm und Zellulose. Sämtliche Bauteile wurden hinsichtlich ihrer ökologischen Eigenschaften analysiert und nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip ausgewählt. Das bedeutet: Was heute verbaut wird, soll morgen wieder genutzt werden können. Alle Elemente sind katalogisiert, lösbar verbunden und für einen späteren Rückbau vorgesehen. Das Gebäude versteht sich damit weniger als dauerhaftes Objekt, denn als Materialdepot auf Zeit.

 

 

Besonders sichtbar wird diese Haltung in der Kon­struktion. Der Holzrahmenbau verzichtet weitgehend auf irreversible Verbindungen. Viele Elemente sind gesteckt statt verschraubt oder verklebt. Dadurch können sie am Ende ihrer Nutzungsdauer sortenrein getrennt und wiederverwendet werden. Selbst die eigens entwickelten Holz-Lehm-Decken folgen diesem Prinzip. Gemeinsam mit Fachplanern und Materialexperten entwickelten Herzog & de Meuron ein Deckensystem aus Holzrahmen und gestampften Lehmgewölben, das bei vergleichbarer Traglast rund zehnmal weniger CO2-Emissionen verursacht als eine konventionelle Betondecke.

 

 

Bemerkenswert ist dabei die Herkunft der Materialien. Rund drei Viertel des Lehms stammen direkt vom Aushub der Baustelle. Vor Ort wurde das Material aufbereitet, verarbeitet und in einer eigens eingerichteten Feldfabrik in die Deckenelemente eingebracht. Damit verkürzt Hortus nicht nur Transportwege, sondern macht lokale Ressourcen zu einem integralen Bestandteil der Architektur. Kreislaufwirtschaft wird hier nicht als abstraktes Konzept verstanden, sondern als konkrete räumliche Praxis.

 

 

Auch energetisch verfolgt das Projekt einen ganzheitlichen Ansatz. Auf ein Untergeschoss wurde bewusst verzichtet, um den Einsatz von Beton zu minimieren. Stattdessen schwebt der Baukörper leicht über dem Terrain. Geothermie übernimmt das Heizen und Kühlen, während rund 5.000 Quadratmeter Photovoltaikflächen auf Dach und Fassade erneuerbare Energie erzeugen. Die Bilanz ist bemerkenswert: Innerhalb von 31 Jahren soll die gesamte für Erstellung und Betrieb benötigte graue Energie amortisiert werden. Danach produziert das Gebäude einen energetischen Überschuss.

 

 

Doch Hortus ist mehr als ein technisches Nachhaltigkeitslabor. Im Zentrum des Gebäudes liegt ein begrünter Innenhof, gestaltet vom Landschaftsarchitekten Piet Oudolf. Holzveranden, gemeinschaftliche Aufenthaltsbereiche und flexible Grundrisse fördern Austausch und Begegnung. Damit verbindet das Projekt ökologische mit sozialer Nachhaltigkeit. Die Verbindung von Natur, Tageslicht, natürlichen Materialien und gemeinschaftlichen Räumen erinnert an Prinzipien der Healing Architecture.

Hortus demonstriert damit, dass Kreislauffähigkeit nicht allein eine Frage der Technik ist. Sie verändert die Art, wie Gebäude geplant, gebaut und genutzt werden. Anstelle eines linearen Lebenszyklus tritt ein offenes System aus Materialien, Energie und Nutzungsmöglichkeiten. Architektur wird zur Ressource – und der Neubau zum Rohstofflager der Zukunft.

 

 

Dabei versteht Herzog & de Meuron Nachhaltigkeit nicht als nachträglich ergänztes Optimierungsin­strument, sondern als Ausgangspunkt des Entwurfs. „Wir müssen neu denken: Nachhaltigkeit sollte bei allem, was wir herstellen – ja überhaupt allem, was wir tun – im Vordergrund sein. Daraus wird unerwartete und überraschende Architektur mit einer eigenen Schönheit entstehen“, sagt Jacques Herzog. Für den Architekten liegt gerade darin die Herausforderung: Nachhaltigkeit stellt bestehende ästhetische Normen infrage und eröffnet neue Wege in der Architektur. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung von Hortus. Das Gebäude versucht nicht, nachhaltiges Bauen hinter vertrauten Bildern zu verstecken. Es macht die Logik des Kreislaufs sichtbar – in seiner Materialität, seiner Konstruktion und seiner räumlichen Organisation.

 

 

Mit seinem konsequenten Verzicht auf ressourcenintensive Materialien, den rückbaubaren Holzverbindungen, den aus lokalem Aushub gefertigten Lehmdecken und der energiepositiven Bilanz zeigt Hortus, dass Kreislauffähigkeit nicht Einschränkung, sondern Entwurfsprinzip sein kann. Das Projekt versteht sich damit weniger als fertige Antwort, denn als gebaute Versuchsanordnung für die Frage, wie Architektur in einer postfossilen Gesellschaft aussehen könnte.

 

 

HORTUS
Allschwil, Schweiz

Bauherr: Senn Resources AG
Planung: Herzog & de Meuron
Partner: Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Stefan Marbach (Partner in Charge)
Team:  Alexander Franz (Senior Associate), Gerald Oeckl (Project Manager 2023-2025),
Giulia Schnyder (Project Manager 2020-2022), Viktoria Bruhs,
Zuzana Chupac, Silja Ebert, Jean-Michel Jeanne, Vladislav Kostadinov,
Maria Krasteva, Stella Mugellini, María Niro González, Raneen Nosh,
Marika Prete, David Schneider, Martin Schulte (Design Technologies),
João Filipe Varandas

Statik: ZPF Ingenieure AG
Generalplanung: SENN Construction AG
Ausführungspl. Holzbau: Blumer-Lehmann AG
Landschaftsplanung: Piet Oudolf (Hof), Stauffer Rösch AG (Außenbereich)

BGF: 14.100 m2
Nutzfläche: 10.815 m2
Projektstart: 2020
Baubeginn: 2023
Fertigstellung: 2025

www.herzogdemeuron.com

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Maris Mezulis

Kategorie: Projekte