Hang, Haus, Fuge

23. April 2026 Mehr

Zwischen Bachufer und Wald, am Ende einer Streusiedlung in den niederösterreichischen Kalkalpen, steht ein kleines Bauernhaus mit rund zweihundertjähriger Geschichte. In der Besitzerfamilie wird es liebevoll „HÄUSL.“ genannt. Über Generationen als Ferienhaus genutzt, immer wieder ergänzt und notdürftig instandgesetzt, hatte sich die bauliche Situation zuletzt zu einem Bündel aus Substanzproblemen, provisorischen Zubauten und einem dauerhaft wirksamen Gegner verdichtet: drückendem Hangwasser.

 

 

Als Architekt Oliver Steinbauer 2023 erstmals vor Ort war, zeigte sich ein ambivalentes Bild. Die Lage war außergewöhnlich, mit einer Atmosphäre, die gerade im Spätsommer und Herbst an die Gemälde Friedrich Gauermanns erinnert – einem Maler des 19. Jahrhunderts, der aus der Region stammt und bekannt ist für ländliche Szenen, die er in dramatischem Licht festhielt. Die bauliche Realität hingegen war prekär. In den 1970er- und 80er-Jahren waren hangseitig unsachgemäße Zubauten entstanden, und eine Hangnarbe hinter dem Gebäude hatte sich über Jahrzehnte vertieft. Drückendes Hangwasser durchfeuchtete das Mischmauerwerk; letztlich kam es zu Schimmelbelastung im Innenraum. Provisorische, von außen zugängliche Sanitärlösungen entsprachen darüber hinaus weder funktional noch bauphysikalisch heutigen Anforderungen. Authentisch geblieben waren vor allem die ältesten Bauteile – das Mischmauerwerk, die Proportionen der Stube, die Kastenfenster, das Fichtenaltholz. Sie definierten die räumliche Struktur und Materialität des Bestands und wurden damit zum Ausgangspunkt der weiteren Planung.

 

 

Der Zubau als Sicherungsbauwerk

Aus dieser Situation ergaben sich drei Anforderungen, die zunächst nebeneinander standen: Hangsicherung, Sanierung und Trockenlegung des Bestands sowie die Erweiterung (insbesondere zeitgemäße Sanitärbereiche und mehr Nutzfläche). Gleichzeitig war absehbar, dass eine sequenzielle Abarbeitung – zuerst Hangsicherung, dann Sanierung – das Budget für eine Erweiterung weitgehend aufbrauchen würde. Die entscheidende Weichenstellung lag daher in der Kopplung der Aufgaben: Der Zubau sollte gleichzeitig die Hangkante sichern und den Bestand vom Hangwasser entlasten.

Dem Umbau ging ein konsequenter Rückbau voraus: Nachträgliche Zubauten wurden entfernt, der Bestand bis auf seine tragfähige Substanz freigelegt. Dadurch konnte der hangseitige Abschluss als eine zusammenhängende Einheit gedacht werden. Konstruktiv führte diese Entscheidung zu einem klaren Schnitt in der bestehenden Struktur: Die bergseitige Längswand – bereits stark geschädigt – wurde entfernt, unterfangen und über die gesamte Länge durch den neuen Baukörper ersetzt. Mit einer Länge von rund 15 Metern und einer konstruktiven Tiefe von etwa 2,40 Metern (innen rund 1,80 Meter nutzbar) legt sich die Betonstruktur wie ein schützender Rücken an das alte Haus. Sie übernimmt den Erddruck, leitet Hang- und Gebäudelasten kontrolliert in den Untergrund ab und entlastet den Bestand dauerhaft. Die vormals offene Hangnarbe wird geschlossen; Wasser wird über ein Drainagesystem erfasst, gesammelt und gezielt abgeführt. Der lineare Neubaukörper nimmt zudem die beiden neuen Sanitärräume der Schlafzimmer auf und ordnet im Bereich der Stube eine kompakte Küchenzeile an. Damit werden sämtliche haustechnisch intensiven Funktionen aus dem historischen Kern ausgelagert und im Neubau konzentriert.

 

 

Die Stube als Zentrum

Parallel zur technischen Lösung wird der Bestand organisatorisch bereinigt: Die Planung zielt darauf, die über die Jahrzehnte entstandene Unübersichtlichkeit auf eine kompakte Ordnung zurückzuführen. Die Stube bildet wie gehabt das Zentrum. Von ihr aus erschließen sich zwei nahezu baugleiche Schlafräume im Norden und Süden. Die Symmetrie ist weniger formales Programm als Ergebnis der vorhandenen Struktur und des beibehaltenen Zugangs. Durch die hangseitige Erweiterung um knapp zwei Meter gewinnen die Räume an Tiefe und Nutzbarkeit, ohne ihre Typologie zu verlieren. Insgesamt entsteht ein kompakter, aber funktional deutlich verbesserter Grundriss: 50 m² im Bestand und 25 m² im Zubau – ausreichend auch für Aufenthalte mit Gästen oder einer befreundeten Familie.

 

 

Eine klare Silhouette

Außen bleibt die Erweiterung bewusst im Hintergrund: Der Zubau versteckt sich hinter dem Bestand, hat zwar mehr Raumhöhe, bleibt aber deutlich unter dessen Dachkante – die Silhouette des Altbaus bleibt damit maßgebend. Aus Kostengründen und weil es bereits in den letzten Jahrzehnten das Erscheinungsbild prägte, setzt das Projekt erneut auf ein robustes Dach aus Faserzementplatten statt auf Holzschindeln, die vermutlich die ursprüngliche Deckung waren. Das neue Verlegemuster wurde jedoch besser an die exponierte Lage des Hauses angepasst und sorgt für eine ruhige, zurückhaltende Optik bei robustem Schutz gegen die Elemente. Ergänzend wurde die vorhandene Holzscheune stabilisiert und von der Front an die Südseite versetzt. In einem 45-Grad-Winkel zum Haus platziert, entstand eine einladende Hofsituation – die Front wurde freigespielt, und die Blickachsen auf das Haus sowie aus den Innenräumen wurden wieder geöffnet.

 

 

Materialdialog

Ein zentrales Thema des Projekts ist die durchgehende Lesbarkeit der Intervention. Der Kontrast zwischen Altbau und Zubau wird nicht nur außen, sondern in allen Räumen über eine klar geführte Linie sichtbar gehalten: Entlang dieser Trennfuge kippt das Haus konsequent von der Materialwelt des Bestands in jene des Zubaus. Im Bestand prägen weiß gekalkter Putz mit Kalkschlämme, der genagelte Schiffsboden aus recyceltem Altholz sowie die neu eingezogene, jedoch in Materialität und Proportion authentisch wirkende Fichtendecke das Erscheinungsbild. Die Eingriffe bleiben hier optisch zurückhaltend und orientieren sich an der handwerklichen Logik des ursprünglichen Hauses. Der Zubau setzt dem eine reduzierte, konstruktive Materialität entgegen: gestrahlter Beton mit sichtbarem Rundkorn, schwarzer Gussasphalt und Einbauten aus verzinktem Stahl.

 

 

Zwischen Kastenfenster und Oberlicht

Die Belichtung folgt zwei unterschiedlichen Prinzipien, die sich im Alltag ergänzen: Im Bestand bleibt das Licht an die instandgesetzten Kastenfenster gebunden, im Zubau kommt es über streng angeordnete Flachdachverglasungen von oben. Aus dem Zusammenspiel ergeben sich Querdurchlüftung und eine großzügige Belichtung aller Räume. Die Heizstrategie reagiert auf die Nutzung als Ferienhaus. Eine ganzjährige Vollbeheizung ist nicht vorgesehen. Hauptwärmequelle während der Aufenthalte ist der instandgesetzte Holzofen in der Stube, der sowohl atmosphärisch als auch funktional das Zentrum des Hauses bildet. Ergänzend dient eine elektrische Fußbodenheizung als Komfort- und Temperierungssystem. Die massiven Bauteile des Neubaus und des Bestands fungieren dabei als Speichermasse und tragen zu einer trägen, ausgeglichenen Wärmeabgabe bei.

So entsteht ein Haus, das im Alltag nicht nur heller und komfortabler, sondern vor allem verlässlicher funktioniert. Damit schließt sich der Bogen zur eigentlichen Aufgabe des Umbaus – der dauerhaften Sicherung des Bestands in seiner exponierten Lage.

 

 

Ferienhaus „HÄUSL.“
Waidmannsbach, Niederösterreich

Bauherr: Privat
Planung: STEINBAUER architektur+design
Baumeister & Statik: Sperhansl Bau

Grundstücksfläche: 648 m²
Nutzfläche: Bestand 50 m² / Zubau 25 m²
Planungsbeginn: 2023
Bauzeit: 2024 – 2026
Dachschindeln: Swisspearl

www.steinbauer-architektur.com

 

Text: Andreas Laser
Fotos: MW-Architekturfotografie

Kategorie: Projekte