Holz wird Raum
Manchmal braucht ein Wohnraum keinen Neubau, sondern eine Neuausrichtung. Das Haus Medník von Päivä Architekti ist ein solches Beispiel: Ein kleiner, eigenständiger Baukörper am Rand von Wald und Garten, der nicht mehr Raum schafft – sondern besseren. Zwischen Bestand, Landschaft und Material ist ein Wohn- und Arbeitsort entstanden, der aktuelle Fragen nach Nachhaltigkeit, Nutzung und Atmosphäre in einer klaren architektonischen Geste vereint.
Holz, das durch Feuer behandelt wurde, dunkel wie die Stämme des umliegenden Waldes: Schon die Fassade des neuen Atelierpavillons macht klar, dass es hier weniger um eine Erweiterung im klassischen Sinn geht als vielmehr um eine architektonische Intervention. Beim Haus Medník übersetzten Päivä Architekti die Frage nach zeitgemäßem Wohnen in ein kompaktes, materiell und räumlich verdichtetes Konzept.
Ausgangspunkt ist ein Wohnhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert, das exponiert auf einem felsigen Hang über dem Sázavatal liegt. Trotz einer früheren Erweiterung blieb der Bedarf nach einem zusätzlichen Raum für konzentriertes Arbeiten, Rückzug und temporäres Wohnen bestehen. Die Antwort darauf ist kein Anbau im üblichen Sinne, sondern ein freistehender Pavillon an der Schwelle zwischen Garten und Wald. Über eine gedeckte Terrasse mit dem Bestand verbunden, bleibt dieser unangetastet – und der Blick ins Tal erhalten.
Diese Grundsatzentscheidung war für das Projekt von zentraler Bedeutung: Der neue Baukörper respektiert die Topografie, die gewachsene Vegetation und die bestehenden Sichtachsen. Statt die alte Eiche zu entfernen, ist diese nun integraler Bestandteil der Architektur. Sie wächst durch die Terrasse und macht die Nähe zur Landschaft physisch erfahrbar. Auch konstruktiv folgt der Entwurf dieser zurückhaltenden Linie. Der Pavillon ruht auf Mikropfählen, die den Eingriff in den felsigen Untergrund minimieren. Ein Stahlrahmen bildet das tragende Gerüst, das durch eine Holzstruktur ergänzt wird. Letztere wurde in großen Teilen vom Bauherrn selbst realisiert. Diese Form der Partizipation prägt nicht nur die Konstruktion, sondern auch die Atmosphäre des Hauses. So ist ein Bauwerk entstanden, das entworfen und zugleich angeeignet wurde.
Besonders prägnant ist die Materialstrategie. Außen kam opaliertes, vor Ort behandeltes Lärchenholz zum Einsatz, dessen Oberfläche mit der Zeit weiter nachdunkeln und sich der Umgebung annähern wird. Die Fassade wird somit zum vermittelnden Element zwischen gebauter Struktur und Wald: Sie ist robust, wartungsarm und zugleich atmosphärisch dicht. Im Inneren kehrt sich dieses Bild bewusst um. Helle, gebürstete Bioplatten aus Fichtenholz schaffen eine ruhige, warme Raumstimmung. Wände, Möbel und Stauraum sind als durchgehendes System konzipiert, in das Funktionen integriert und visuell reduziert wurden. Küche, Stauraum und Nebenfunktionen treten in den Hintergrund, sodass der Raum offen für unterschiedliche Nutzungen bleibt.
Zentraler Raum ist das Atelier: ein lichter, zum Tal hin geöffneter Bereich mit großen Schiebeelementen und direktem Bezug zur Terrasse. Darüber liegt eine einfache, eingehängte Galerie, die den Raum vertikal erweitert und als Schlaf- oder Rückzugsbereich dient. Diese Überlagerung von Funktionen – Arbeiten, Wohnen, Rückzug – macht den eigentlichen Mehrwert der Erweiterung aus.
Das Haus Medník zeigt damit exemplarisch, wie Wohnraum heute neu gedacht werden kann: nicht als Addition von Fläche, sondern als maßgeschneiderte Ergänzung. Der Pavillon ist Atelier, Gästezimmer und Rückzugsort zugleich – ein Raum, der sich je nach Situation öffnet oder schließt, der im Sommer Teil des Gartens wird und im Winter ein introvertiertes Refugium bildet. Gerade in seiner Maßstäblichkeit liegt die Qualität des Projekts. Mit rund 72 Quadratmetern Nutzfläche entsteht eine räumliche Dichte, die weit über die Größe hinausgeht – geprägt von klarer Materialwahl, konstruktiver Einfachheit und einer Haltung, die den Ort nicht überformt, sondern behutsam inszeniert.
Nachgefragt bei Miloš Munzar
Wie haben Sie die Materialauswahl zwischen dem bestehenden Gebäude und dem Anbau gestaltet, um einerseits sicherzustellen, dass sich die neue Holzkonstruktion deutlich abhebt, sie andererseits aber im Alltag als natürliche Erweiterung des ursprünglichen Hauses wahrgenommen wird?
Es besteht ein Materialkontrast zwischen alt und neu, kalt und warm, schwer und leicht. Stein und Holz. Das ist die Grundidee bei der Materialauswahl. Bei der Formgebung haben wir uns an den typischen Merkmalen des Gebäudes orientiert: den horizontalen Tragplatten und dem schrägen Walmdach. Diese kompositorischen Elemente haben wir aufgegriffen, entsprechend der neuen Aufgabe eingesetzt und in ein neues Material, nämlich Holz, umgesetzt.
Die Lärchenschalung wird mit der Zeit dunkler und grau werden. Welche Rolle spielt diese Patina beim langfristigen Wohnen an der Grenze zwischen Garten und Wald in Bezug auf Instandhaltung, Alterung und Atmosphäre?
Das natürliche Recht des Holzes – aber letztlich jedes Gebäudes – ist es, zu Staub zu zerfallen und zu verrotten. Wir haben die wunderbare Gelegenheit, diesen Prozess im Laufe der Zeit zu beobachten. Bei natürlichen Materialien können wir dies als Altern bezeichnen. Das Holz wurde direkt vor Ort durch Gerben behandelt. Wir haben diese Technologie vorab an einem kleinen Bauwerk getestet. Die behandelte Oberfläche steht in voller Harmonie mit dem Charakter des Ortes.
Was die Instandhaltung betrifft, so handelt es sich im Wesentlichen um eine wartungsfreie Technologie. Es ist lediglich darauf zu achten, dass Moos oder Algen an exponierten Stellen entfernt werden. Wenn man in Waldnähe wohnt, muss man von Zeit zu Zeit lediglich Laub wegfegen oder die Dachrinnen reinigen. Die Holzpflege an exponierten Stellen kann einfach mit einem Hochdruckreiniger erfolgen. Wo das Holz durch ein Dach geschützt ist, ist überhaupt keine Pflege erforderlich.
Welche räumlichen und sensorischen Effekte waren Ihnen für das Wohnen und Arbeiten wichtig, und wie verändert das Material die Wahrnehmung im vergleichsweise kleinen Studio- und Schlafbereich?
Wir haben uns im Innenbereich für eine Admonter Holz-Bio-Platte entschieden, die eine helle, angenehme Atmosphäre schafft und sich warm anfühlt. Das Material ist fein gebürstet, wodurch es sich sehr angenehm anfühlt. Absolut entscheidend ist, dass diese lebendige Oberfläche das reflektierte Licht wunderschön streut und somit eine sehr weiche Wirkung erzielt. Das Material ermöglichte es uns zudem, Wandverkleidung, Möbelbau und Türen gleichzeitig zu realisieren. Dadurch wurde der gesamte Raum erheblich vereinfacht. So können Küche, Ankleidezimmer und Stauräume „verschwinden“ und der Innenraum ist für verschiedene Situationen und Nutzungsmöglichkeiten bereit.
Der neue Raum dient als Atelier, Gästezimmer und Rückzugsort: Inwieweit ermöglichen sich hier unterschiedliche Nutzungen, von konzentriertem Arbeiten über das Leben im Sommer bei geöffneten Schiebetüren bis hin zum introvertierten Rückzug im Winter?
Die Hauptanforderung des Bauherrn war ausreichend Licht. Zum Beispiel zum Malen. Natürlich geht es auch um den Blick auf die Landschaft und den Kontakt zum Garten, der das ganze Jahr über intensiv genutzt wird. Daher ist der Hauptwohnbereich offen gestaltet, mit großen Fenstern, von oben beleuchtet und durch Holzterrassen im Außenbereich erweitert. Es ist jedoch auch möglich, die Jalousien und die Fassadenläden zu schließen und so ein Gefühl von geborgener Dunkelheit im Haus zu schaffen.
Ein Teil der Bauarbeiten wurde von den Eigentümern selbst ausgeführt – inwiefern beeinflusst diese „selbstgebaute“ Tragkonstruktion heute das tägliche Leben der Nutzer?
Ich möchte an dieser Stelle die Haltung des Bauherrn gegenüber dem gesamten Prozess würdigen – von der allerersten Skizze bis zum letzten Barhocker in der Küche. Es war eine Teamarbeit, die auf Dialog basierte. Wir haben in dem Bewusstsein gebaut, dass es sich um ein offenes Spiel handelte. So konnten wir auf neue Ideen reagieren, die sich im Laufe des Bauprozesses ergaben, und einige Anpassungen vornehmen, die den ursprünglichen Entwurf bereicherten.
Die Wahl der Baumaterialien wurde auch durch die schwierige Erreichbarkeit der Baustelle und die Möglichkeiten des Bauunternehmers beeinflusst. Daher mussten Materialien gewählt werden, die sich leicht und einfach transportieren lassen – typischerweise Holzbalken.
Medník Haus
Luka pod Medníkem, Tschechien
Bauherr: privat
Planung: päivä architekti
Team: Miloš Munzar, Tomáš Kovalčík
Statik: Miroslav Krössl
Grundstücksfläche: 159 m²
Bebaute Fläche: 87 m²
Nutzfläche: 72 m²
Planungsbeginn: 2020
Bauzeit: 2 Jahre
Fertigstellung: 2024
Baukosten: ca. 470.00 Euro
Text: Linda Pezzei
Fotos: Radek Úlehla
Kategorie: Projekte














