Im Kern aus Holz
Im neuen Stammhaus von Blumer Lehmann trifft Hightech auf Handwerk, Forschung auf Baupraxis, Algorithmus auf Fräse. Das Bürogebäude im schweizerischen Gossau ist mehr als ein Firmensitz: Es ist ein Manifest für den Holzbau der Zukunft – mit einer skulpturalen Treppenkonstruktion aus gebogenem Brettsperrholz im Zentrum.
Ein Baum, der durch fünf Geschosse wächst: Was poetisch klingt, ist das gebaute Sinnbild eines Unternehmens, das Holz lebt, denkt und weiterentwickelt. Blumer Lehmann, ein seit 1875 familiengeführtes Holzbauunternehmen aus Gossau und einer der international führenden Akteure im modernen Ingenieur- und Modulholzbau, vereint am eigenen Standort die gesamte Wertschöpfungskette – vom Sägewerk über die Planung bis zur CNC-Fertigung komplexer Free Form-Konstruktionen.
Im neuen Stammhaus des Unternehmens bildet eine freigeformte, parametrisch entwickelte Treppenkonstruktion das Herzstück des Gebäudes. Sie prägt das Atrium – als räumliches Gefüge aus Treppe, gekrümmten Wandelementen und integrierten Nischen. Die Form der Atriumskulptur wurde aus gekrümmten Brettsperrholzplatten gefertigt, die mit Algorithmen entworfen und mit CNC-Präzision umgesetzt wurden. So entstand ein wachsendes Element aus Holz, das die fünf Geschosse des Gebäudes miteinander verbindet – das Stammhaus Blumer Lehmann.
K&L Architekten entwickelten ein räumliches Konzept, das Forschung und Handwerk verbindet. Der Entwurf für das Bürogebäude stand bereits, als Blumer Lehmann vorschlug, das zentrale Treppenhaus mit gekrümmten Brettsperrholzplatten zu realisieren – ein Verfahren, das das Unternehmen zusammen mit dem ICD Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung der Universität Stuttgart weiterentwickelt hatte und das hier erstmals zur Anwendung kam. Beteiligt war auch die Geometrie-Abteilung von K&L Architekten, die die komplexe Formgebung koordinierte. „Wir sind gemeinsam mit einem Workshop gestartet, bei dem die Möglichkeiten des Verfahrens und wichtige Rahmenbedingungen erarbeitet wurden“, erzählt Johanna Deinet, Projektleiterin bei K&L: „Neben funktionalen Aspekten wie Fluchtbreiten und Brandschutz ging es auch um Fragen der Raumwirkung, der Podeste, der offenen und geschlossenen Flächen. Es war ein intensiver, iterativer Prozess.“
Die Treppenkonstruktion aus CLT-curved-Elementen übernimmt dabei nicht nur eine gestalterische, sondern auch eine statische Funktion: Die äußere, dickere Wange trägt Teile der Geschossdecken mit, während die innere Wange als integraler Bestandteil der Treppenskulptur eine rein statische Aufgabe innerhalb des Systems erfüllt.
Die präzise Balance zwischen Konstruktion, Tragwerk und Fertigung stellte eine der besonderen Herausforderungen dar. Doch bei der Montage passten alle Fugen der gebogenen Platten exakt zusammen – ein Beweis für die Leistungsfähigkeit digitaler Entwurfs- und Fertigungsmethoden.
Parallel zur Hightech-Produktion setzt das Gebäude auf Lowtech-Klimaarchitektur. Umlaufende Balkone, strukturierte Holzfassaden und integrierter Sonnenschutz verhindern Überhitzung. „In der Nacht kann die warme Luft über das Atrium entweichen, während kühle Luft über motorisierte Fenster nachströmt“, erklärt Deinet. Auf eine Klimaanlage wurde bewusst verzichtet; stattdessen regulieren Lehmkühldecken die Temperatur, gespeist durch geothermische Energiepfähle. „Thermostate und CO2-Fühler helfen, das System abzustimmen, so dass Lüftungs- und Kühlintervalle optimal koordiniert werden können.“
Auch konstruktiv setzt das Stammhaus auf ressourcenschonende Innovation. Der Holz-Beton-Holz-Verbund der Geschossdecken spart Beton und verzichtet vollständig auf Klebstoffe. Gefräste Aussparungen in Platte und Balken werden erst nach der Montage mit Beton ausgegossen – eine Lösung, die einfach, reversibel und materialsparend ist.
Die vorgehängte Fassade übersetzt die DNA des Unternehmens in Architektur: vertikale Lisenen und horizontale Holzstapel, inspiriert von den getrockneten Brettern im benachbarten Sägewerk – der Produktionsort selbst wird hier zur ästhetischen Referenz. Sie verleiht dem Gebäude Tiefe und Schattenspiel, schützt die Arbeitsplätze und schafft eine Verbindung zwischen Industrie und Architektur.
Mit dem Stammhaus hat Blumer Lehmann nicht nur seinen neuen Hauptsitz gebaut, sondern auch eine neue Produktlinie begründet. Das gekrümmte Brettsperrholz CLT-curved wird derzeit für den internationalen Markt weiterentwickelt. „Das Know-how bei Blumer Lehmann ist groß, Lösungen zu entwickeln“, so Deinet. „Ich bin sehr gespannt, welche kleineren und größeren Projekte in Zukunft mit dieser Technik umgesetzt werden können.“
„Für mich stellt sich die Frage, welche Anforderungen Free Form-Elemente aus CLT-curved räumlich und funktional erfüllen sollen“, erklärt Deinet. „Genau das sind die spannenden Faktoren für die Entwicklung neuer Formen.“ So steht das Stammhaus sinnbildlich für eine neue Generation des Holzbaus: systematisch gedacht, digital gefertigt und sinnlich erlebbar – ein Bau, der aus dem Stamm des Handwerks wächst und in die Zukunft verzweigt.
Stammhaus Blumer Lehmann
Gossau, Schweiz
Bauherr: Blumer Lehmann AG
Architektur: K&L Architekten
Entwurf Atriumskulptur: ICD Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung, (Prof. Achim Menges) Universität Stuttgart
Statik Atrium: SJB Kempter Fitze AG
Statik Holz-Skelettbau: Blumer Lehmann
Griesser AG: Fassadenmarkisen Griesser, Soloscreen IV und Terrassenmarkisen Griesser G2000
Grundstücksfläche: 2.000 m²
Bebaute Fläche: 950 m²
Nutzfläche: 4.950 m²
Planungsbeginn: 11/2021
Baubeginn: 11/2022
Fertigstellung: 01/2025
Text: Linda Pezzei
Fotos: Jan Thoma / Blumer Lehmann
Kategorie: Projekte










