Neue Ideen sind gefragt

4. Mai 2020 Mehr

Ein kleines Projekt in einer leer stehenden Filiale einer Supermarktkette hat das Potenzial zu einem echten Nischenprodukt am Wohnbausektor. Die Immacon Projektentwicklung GmbH errichtete hier vier Mikro-Lofts als Wohn- und Arbeitsfläche und zwei Appartements mit Blick in den Park. Klein, bescheiden, finanziell leistbar und nachhaltig.

 

 

Die ganz reale, physische Coronakrise (im Gegensatz zur mentalen Unfassbarkeit der Klimakrise) muss und wird die Architektur zu einem Wandel und die Architekten und Planer zum Umdenken bringen. Schön wäre es, wenn mit derselben Vehemenz, mit der gegen die Verbreitung des Virus gekämpft wird, auch gegen die Klimakrise und in der Bauwirtschaft Maßnahmen gesetzt würden. Denn genau jetzt öffnet sich – bei der Frage nach Wohnraum, nach Wohnen generell – gerade ein riesiger Bereich von Nutzflächen, die für zumindest temporäres Wohnen zur Verfügung stünden: Was ist mit all den leer stehenden Hotels, den verwaisten Büro- und Verwaltungsbauten? Erste Ansätze, ein Hotel für Viruspatienten (hoffentlich gratis) zur Verfügung zu stellen, gibt es ja bereits.

Die Krise zeigt und beweist, dass wir in den letzten Jahren weit an dem tatsächlichen Bedarf vorbeigebaut haben. Warum ist jetzt auf einmal Homeoffice flächendeckend möglich? Waren die Prestige- und Imagearchitekturen der letzten Jahrzehnte wirklich notwendig? Großteils sind die Büroflächen ohnehin nie vermietet gewesen. Diese Bausummen wären besser in einer flächendeckenden Infrastruktur (Glasfaser) verwendet, das würde jetzt eine Erleichterung für das Leben mit dem Homeoffice bedeuten, denn das findet nun einmal in den eigenen vier Wänden, im privaten Wohnraum statt.

 

 

Ein gutes Beispiel für ein Nischenprodukt im Bereich Wohnen stellen die sogenannten Mikro-Lofts dar. Sie ermöglichen wohnen und arbeiten auf ca. 30 Quadratmetern. Die Immacon Projektentwicklung GmbH, ein unabhängiges, österreichweit aber auch über die Grenzen hinaus tätiges Projektentwicklungsunternehmen, hat in einer ehemaligen, leer stehenden Supermarktfiliale am Kardinal-Nagl-Platz Wohnräume geschaffen. Durch die Umwidmung als Atelier-Geschäftsflächen kann in den Räumen gearbeitet und gewohnt werden. Das ist ganz im Sinn einer Aufwertung des Umfeldes und um der Verödung durch Leerstände entgegenzuwirken.

Natürlich ist ein derartiger Umwidmungsprozess nicht ganz einfach. Das Gebäude am Kardinal-Nagl-Platz hat drei Stiegen und ganze 98 Miteigentümer, von denen lediglich zehn in Wien lebten, sagt der Projektentwicklungsleiter und Geschäftsführer Christian Kaltenegger. Das sei eine kleine Herausforderung gewesen, denn alle Eigentümer mussten das Nutzwertgutachten unterschreiben, das bei der Umwidmung notwendig war. Kaltenegger ist teilweise persönlich losgefahren und hat die Unterschriften eingeholt. Da durch die Änderung in den Nutzwerten des Objekts aber keine Mehrkosten für die Miteigentümer entstanden seien, hätten alle schließlich zugestimmt.

 

 

Bloß zwei Jahre habe es vom Baubescheid bis zur Übergabe der Wohnungen an die Käufer gedauert, erfährt man von Immacon. Dazu waren allerdings einige Umbauten nötig. Die ehemalige Billa-Filiale bestand aus einem Verkaufslokal im Erdgeschoss und einem nur 1,80 Meter hohen Lagerbereich im ersten Stock. Also musste die gesamte Decke herausgenommen und tiefer gelegt werden. Dadurch erzielte man annehmbare Raumhöhen in beiden Geschossen. Im Erdgeschoss entstanden hinter den Schaufenstern der ehemaligen Billa-Filiale vier Mikro-Lofts mit Wohnflächen von 21 bis 30 Quadratmetern. Im ersten Stock hat man zwei Appartements mit jeweils 65 Quadratmetern geschaffen. Auch diese haben riesige Glasflächen mit französischen Balkontüren an der Straßenseite und Ausblick auf den Kardinal-Nagl-Park, sowie einen kleinen Balkon in den Hof hinaus – so ist eine ausreichende Querlüftung gesichert. Alle sechs Apartments, die „Aconlofts“, wurden übrigens bereits verkauft.

 

Im Erdgeschoss sind die kompakten Räume so konzipiert, dass darin etwa Start-Ups unterkommen könnten. Sie können die großen Fensterflächen dann direkt als Schaufenster nutzen. Alle Lofts sind möbliert und um die geringe Wohnfläche optimal zu nutzen, wurde auf gewöhnliche Heizkörper an den Wänden verzichtet. Stattdessen ist eine Infrarotheizung direkt in das Lichtsystem integriert. Geheizt wird sozusagen mit den LED-Lampen. Alle Mikro-Lofts besitzen ein Badezimmer, Anschlüsse für eine Küchenzeile und kontrollierte Zu- und Abluftsysteme für eine optimale Luftqualität in den Wohnräumen. Der Quadratmeterpreis belief sich beim Verkauf der Mikro-Lofts auf 4.500 Euro und bei den Eigentumswohnungen im ersten Stock auf 5.100 Euro.

 

 

Die Mikro-Lofts sind als Wohnraum natürlich nur kurzfristig, vielleicht für ein bis zwei Jahre gedacht. Als Beispiel für eine temporäre Nutzung sind etwa Studienaufenthalte oder Airbnb möglich. Weitere derartige Projekte in Wien, zum Beispiel in der Nähe der Stadthalle und in der Erdbergstraße, sind bereits in Planung.

Eine durch die Coronakrise schrumpfende Bauwirtschaft bedeutet, neben deren finanziellen Einbußen, auch weniger Wohlstand für die breite Bevölkerung. Wenn die Großbaustellen stillstehen, wird eine derartige Nischenfabrikation von Wohnraum auf kleinsten Flächen auf einmal interessant. Der Rückgang an neu gebauter Architektur in Österreich (auch in Europa) wird sich mit einem deutlichen Verlust an Lebensqualität und Lebensstandard paaren. Unkontrolliertes Wachstum und Profitstreben der Wohnarchitektur müssen durch „Degrowth“ ersetzt werden. Aber wie es so schön heißt: „Gemeinsam schaffen wir es!“

 

 

Aconlofts
Wien

Bauherr: Aconlofts Immobilien GmbH
Planung: Arch. DI Bastian Beilke, Arch. Georg Nothdurfter
Mitarbeiter: Wedenig, Trafojer, Dzajic, Kaltenegger
Statik: DI Glogowski

Grundstücksfläche: 1.505 m2 
Bebaute Fläche: 160 m2
Nutzfläche gesamt: 242 m2
Planungsbeginn: 2016
Bauzeit: 2 Jahre
Fertigstellung: 2020

 

Text: Peter Reischer
Grafiken: Immacon

 

Kategorie: Projekte

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