Nicht nur Fassade

17. September 2020 Mehr

Das Atlas Medical Office Building im Iranischen Hamedan ist ein zukunftsweisendes Beispiel für moderne Architektur mit Seele. Das Bauwerk aus der Feder der vier Architektinnen Raha Ashrafi, Marziah Zad, Mohsen Marizad und Ahmad Bathaei beweist, dass Technologie, Zukunftsdenken, lokale Baustoffe und Betriebe sowie Raumqualität und städtebauliche Relevanz sich nicht widersprechen, sondern eben erst bedingen.

 

Atlas Medical Office Building Hamedan, Iran

 

Der Iran kann auf eine lange, von Traditionen geprägte Architekturgeschichte zurückblicken. Doch wohin sich das moderne Bauen entwickeln wird, ist noch nicht zur Gänze entschieden. Fakt ist, dass viele junge Menschen nach Europa oder in die USA gehen, um dort Architektur zu studieren. Von dort bringen sie westliche Ideen und Konzepte zurück in ihr Heimatland. In der gebauten Wirklichkeit bedeutet dies allerdings leider allzu oft nur schlechte Imitationen von Hadid bis Libeskind. Spektakuläre Fassaden ohne Substanz. Dem gegenüber steht eine wachsende Zahl an Investorenprojekten mit pseudohistorischen Fassaden. Dazwischen blitzen allerdings auch einige architektonische Juwelen auf, die zeigen, dass es auch anders geht. Umso spannender, wenn ein solches Kleinod in diesem männerdominierten Berufsbild aus Frauenhand stammt.

 

 Atlas Medical Office Building Hamedan, Iran

 

Um genau zu sein aus acht Frauenhänden. Marziah Zad, Raha Ashrafi, Mohsen Marizad und Ahmad Bathaei zeichnen für den Entwurf des Atlas Medical Office Building in Hamedan verantwortlich. Die beiden Erstgenannten führen gemeinsam ein Designbüro, das sich mit Strategien befasst, die zu innovativen, ikonischen Gebäuden und attraktiven städtischen Umgebungen führen sollen. Das Büro will eine Plattform zum Nutzen der Gemeinden bieten. Ziel ist es, eine Reaktion auf die ständigen Veränderungen der sozialen, kulturellen und technologischen Bedingungen von Städten und Umwelt zu liefern. Die vier Frauen stehen stellvertretend für eine selbstbewusste Generation junger Architektinnen, die die Zukunft ihres Landes mit innovativen Designkonzepten positiv beeinflussen möchten – und das völlig genderunabhängig.

Das Hauptgeschäftsviertel von Hamedan steht mit seinen gemischt genutzten Hoch- und Flachbauten stellvertretend für viele andere Städte im Iran. Die knapp 700.000-Einwohner-Stadt liegt etwa 300 Kilometer westlich von Teheran und damit an der Seidenstraße, der traditionellen Handelsroute zwischen Bagdad und der Iranischen Hauptstadt, wo auch das Büro von Ashrafi & Zad seinen Sitz hat. Die Geschichte Hamedans reicht bis in das zweite Jahrtausend vor unserer Zeit zurück, was die Stadt zur vermutlich ältesten im gesamten Iran macht – von hier sollen auch die Heiligen Drei Könige nach Bethlehem losgezogen sein.

 

Raha Ashrafi, Marziah Zad, Mohsen Marizad und Ahmad Bathaei

 

Umso spannender gestaltet sich in dieser Stadt der Blick auf moderne Architekturbauten. Eines davon ist das 2019 fertiggestellte Atlas Medical Office Building inmitten des Stadtzentrums. Der Entwurf des sechsstöckigen Gebäudes basiert auf der Verknüpfung innovativer Designstrategien und fortschrittlicher digitaler Werkzeuge. Dieses Zukunftsdenken wurde mit dem Knowhow und der Erfahrung der lokalen Arbeitskräfte fusioniert. Die verwendeten Baustoffe stammen außerdem bevorzugt aus der Region. Die Kombination all dieser Komponenten ermöglichte in der Konsequenz eine kosteneffektive Umsetzung des Bauwerks.

 

Raha Ashrafi, Marziah Zad, Mohsen Marizad und Ahmad Bathaei

 

Während der Entwurfsphase näherte sich das Design­team schrittweise in wiederholten Versuchen der endgültigen Gebäudeform an. Maßgeblich dabei wirkten sich von außen betrachtet allen voran die Bauvorschriften auf das Konzept aus, sowie, von innen her gesehen, die Anforderungen des Kunden an die zukünftige Nutzung. Die organisch geschwungene Gebäudeform ergab sich im letzten Schritt aus dem Anspruch, den Einfall des natürlichen Tageslichts in das Gebäudeinnere zu erleichtern: Sonnenbahnen und Einfallswinkel bestimmten in Folge die Ausformung der Baumasse. Dieser architektonische Ansatz zur Optimierung des natürlichen Lichtpegels in beengten Räumen nennt sich „Solar Carving“. Die Gebäudemorphologie resultiert letztendlich aus einem krummlinigen geometrischen System, das auf Sonnenbahnen reagiert und visuelle Verbindungen zwischen Ebenen ermöglicht. Die Architektinnen sehen diese Herangehensweise und das Ergebnis als ein gelungenes Beispiel, wie zuvor als Einschränkung empfundene Vorgaben sich im Rahmen eines innovativen Designprozesses letztlich als zielführend erweisen können.

 

 

Die Fassade ist passend zu dem Kerngedanken der Planerinnen äußerst geometrisch gestaltet. Weiße Bänder wickeln sich in unterschiedlicher Stärke um das gesamte Gebäude und erzeugen auf diese Weise ein sehr rhythmisches Gesamtbild, das zu keinem Zeitpunkt statisch wirkt. Der Blick wird nahezu an diesen Bändern fixiert und wie magisch in die Höhe und in das Innere des Bauwerks gezogen. Die umlaufenden Fensterbänder verstärken diesen Effekt noch und lassen die Struktur durch ihre vertikale Positionierung der Rahmen elegant und schlank wirken. Insgesamt spricht die Fassade auf diese Art eine moderne, aber dennoch eigene Formensprache.

Jede der Ebenen besteht aus drei vertikal gestapelten Einheiten, die zu drei horizontal getrennten Türmen führen. Auch hier wurde ein krummliniges geometrisches System als Grundlage verwendet, um die drei Türme in einem Objekt harmonisch zu vereinen. Aus der Analyse zukünftiger Bewegungsmuster durch und um das Grundstück wurde ein Durchgang konzipiert, der den primären städtischen Korridor mit einer sekundären Durchgangsstraße verbindet und tagsüber für Fußgänger zugänglich ist.

 

Das Projekt brilliert in seinem Zusammenspiel von positivem und negativem Raum. Auf diese Weise wird die Position des Gebäudes zu seiner Umgebung sowie die daraus resultierende räumliche Qualität bewusst in Szene gesetzt. Lichteinfallswinkel und visuelle Verbindungen werden für den Nutzer erlebbar, während sich Form und Raum ganz selbstverständlich ergänzen. Die krummlinige Fassade folgt einer konkaven und konvexen Bewegung, die Terrassen und Treffpunkte über Ebenen hinweg erzeugt und einen einladenden städtischen Zugang im Erdgeschoss betont.

Mit ihrem Ansatz, öffentliche und private Räume verschmelzen zu lassen, setzen die Architektinnen ein wichtiges städtebauliches und soziales Zeichen. Auch soll das Gebäude durch mehrere Grünflächen über die Jahre zu einer innerstädtischen Oase werden, zu einem Treffpunkt auf dem Weg zum Innehalten und Durchatmen. Das Atlas Medical Office Building liefert zudem den Beweis, dass moderne Planungsinstrumente die Verwendung lokaler Bau­stoffe und die Zusammenarbeit mit regionalen Betrieben nicht ausschließen muss. Wenn die Vergangenheit verwaschen und die Gegenwart wenig greifbar ist, so sieht die Zukunft der Architektur im Iran doch recht vielversprechend aus.

 

 

 

Atlas Medical Office Building
Hamedan, Iran

Bauherr: Ali Dadi, Momeni, Bathaei
Planung: Raha Ashrafi, Marziah Zad, Mohsen Marizad, Ahmad Bathaei
Mitarbeiter: Asal Alizadeh, Farzad Ghassemi, Mohamad Reza Hoorjandi, Negar Hosseini, Saba Shenasi
Statik: M. Niazi

Grundstücksfläche: 675 m2
Bebaute Fläche: 450 m2
Nutzfläche: 3.200 m2
Planungsbeginn: 2016
Bauzeit: 2 Jahre
Fertigstellung: 2019

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Farshid Nasr Abadi

 

Kategorie: Newsletter, Projekte

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