Schillernde Mitte
KOGAA verwandelt die Touristeninformation TIC Brno mit einem irisierenden Raumeinbau in eine öffentliche Schnittstelle zwischen Besucherorientierung, lokaler Kultur und städtischem Alltag.
Eine Touristeninformation ist in der Regel ein Ort des kurzen Aufenthalts. Man nimmt einen Stadtplan mit, stellt ein paar Fragen und zieht weiter. Mit dem neuen TIC Brno erweitert das in Prag und Brünn ansässige Architekturstudio KOGAA diese vertraute Funktion jedoch zu einem kleinen öffentlichen Stadtraum. In einem denkmalgeschützten Gebäude an der Zámečnická, einer wichtigen Fußgängerverbindung zwischen dem Náměstí Svobody und dem Dominikánské náměstí, dient das Zentrum nicht nur der Orientierung. Es präsentiert lokal gefertigte Produkte und Publikationen, bietet Raum für Mikroausstellungen, kleinere Veranstaltungen und Präsentationen und reagiert mit wechselnden, gemeinsam mit Brünner Kreativen und Institutionen kuratierten Inhalten auf die Kulturszene der Stadt. So wird aus einer kommunalen Erdgeschossfläche eine Schnittstelle zwischen historischem Zentrum und alltäglichem Stadtleben.
Zum Stadtraum geöffnet
Der Umbau beginnt an der Schwelle zum Stadtraum. Anstatt die denkmalgeschützte Fassade umzugestalten, ordnet KOGAA ihre im Laufe der Zeit veränderte Struktur neu und knüpft dabei an den ursprünglichen architektonischen Rhythmus an. Neue Öffnungen folgen der bestehenden tektonischen Logik. Zurückgenommene Brüstungsbereiche stärken die Transparenz und die Blickbeziehungen zwischen Innenraum und Straße. Eine leichte Vordachkonstruktion bündelt Eingang und Beschilderung, verbessert die Zugänglichkeit und beruhigt das Erscheinungsbild. Am Sockel verankert ein Band aus Travertin den Eingriff materiell im Bestand. Seine strukturierte, haptisch präsente Oberfläche greift die historische Materialpalette Brünns auf und schafft einen ruhigen Übergang zwischen Alt und Neu.
Ein Körper, viele Funktionen
Im Inneren konzentriert sich der Entwurf auf einen einzigen skulpturalen Einbau. Dieser fasst Empfang, Arbeitsplätze, Verkauf, Präsentation und Stauraum in einem integrierten Volumen zusammen. Abgesenkte Bereiche dienen als Theken für Mitarbeitende und Besucher, Nischen bieten Platz für lokale Produkte und Publikationen und tiefere Bereiche verbergen abschließbare Schränke. Durchgänge schneiden sich aus dem Körper heraus und halten die Wege frei. Das Objekt ist somit Möbel, Raumteiler, Arbeitslandschaft und Ausstellungssystem zugleich. Es strukturiert die 267 Quadratmeter große Fläche, ohne sie durch weitere Einbauten zu fragmentieren.
Irisierende Oberfläche
Seine eigentliche Präsenz entfaltet der Körper jedoch über die Oberfläche. Die beschichteten Edelstahlpaneele changieren je nach Blickwinkel und Tageszeit. Das einfallende Licht wird aufgenommen, gestreut und als feine Farbverläufe über den Raum verteilt. Was aus der Distanz homogen und beinahe monolithisch erscheint, verändert sich im Vorübergehen fortwährend. Entwickelt wurde die spezielle Ausführung gemeinsam mit dem Brünner Metallbaustudio DURO Design. Nach fast einem Jahr der Testphase entstand die finale Oberfläche mithilfe eines PVD-Verfahrens, bei dem Titannitrid in einer Vakuumkammer auf die Edelstahlpaneele aufgebracht wird. Da der Prozess nicht vollständig kontrolliert werden kann, fällt jede Platte leicht unterschiedlich aus. Ein eigens entwickeltes Verbindungssystem ermöglicht eine nahezu fugenlose Montage und bewahrt den Eindruck eines zusammenhängenden Körpers. Die industrielle Technik bleibt damit nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern wird zur Grundlage einer präzisen und dennoch unvorhersehbaren Materialwirkung.
Zwischen Stein und Metall
Dem flüchtigen Schimmer im Inneren setzt die Architektur die Schwere und Taktilität des Travertins an der Fassade entgegen. Aus diesem Gegensatz entwickelt sich die zentrale Spannung des Projekts: leicht und massiv, exakt und variabel, dauerhaft und veränderlich. Während der Naturstein den Eingriff im historischen Kontext verankert, setzt die technisch veredelte Metallhaut einen zeitgenössischen Akzent und verweist auf die lebendige Design- und Produktionskultur Brünns.
Auf diese Weise wird aus einer funktionalen Servicestelle eine anpassungsfähige städtische Infrastruktur. Information, Verkauf, Ausstellung und Begegnung teilen sich einen Raum, statt in getrennten Bereichen nebeneinander zu existieren. Gerade im visuell dichten und historisch vielschichtigen Stadtzentrum liegt die Stärke des TIC Brno in dieser Konzentration: ein gezielter Eingriff, zwei gegensätzliche Oberflächen und eine Architektur, die die Stadt nicht nur erklärt, sondern als lebendigen und sich wandelnden Kulturraum erfahrbar macht.
Text: Linda Pezzei
Fotos: BoysPlayNice
Kategorie: Projekte












