Schule nach Maß
Der Bildungscampus Oberwart ist als Schule für einen ganzen Tag angelegt. Am Morgen wird hier Volksschulunterricht gehalten, später übernehmen Nachmittagsbetreuung und Musikschule, am Abend nutzen Musikverein und Sportvereine Teile des Hauses. Das Projekt reagiert damit auf eine Entwicklung, die viele Gemeinden betrifft: Kleine Schulen mit persönlichem Charakter sind im Ganztagsbetrieb wirtschaftlich schwer zu erhalten. Gleichzeitig sollte genau diese vertraute Struktur nicht verloren gehen. Franz&Sue übersetzen den Aufbau kleiner Dorfschulen in eine räumliche Ordnung, die auch im Maßstab eines Campus funktioniert.
Der Ausgangspunkt lag in der Auslobung. Die Stadtgemeinde Oberwart zeigte den Mut für einen EU-weit offenen, einstufigen Realisierungswettbewerb. Das pädagogische Konzept war bereits formuliert: Die Gemeinde wusste, dass sie eine Ganztagsschule bauen wollte, die mehr ist als ein Vormittagsbetrieb mit angehängter Betreuung. Kern des siegreichen Entwurfs von Franz&Sue ist die Überführung der Dorfschulstruktur in sechs überschaubare Cluster für jeweils rund 100 Kinder. Diese Organisation folgt auch einem ökonomischen Prinzip. Statt mehrere kleine Standorte mit jeweils eigenen Nebenräumen, Ganztagsflächen und Infrastruktur weiterzuführen, bündelt der Campus Räume und Nutzungen. Die Struktur bleibt dennoch kleinteilig. Die Kinder bewegen sich nicht in einer anonymen Großschule, sondern in ihrem Cluster, ihrem „Haus“.
Bemerkenswert war auch der nächste Schritt der Projektentwicklung. Nach dem Wettbewerb unternahmen Vertreter der Gemeinde und das Planungsteam von Franz&Sue eine gemeinsame Exkursion nach Vorarlberg. Besichtigt wurden ausgesuchte Schulbauten von Baumschlager Hutterer und Pedevilla, die als Referenz für räumliche Qualität, Alltagstauglichkeit und Materialentscheidungen dienen sollten. Diese Reise wurde zu einem Instrument der Verständigung. Gerade bei einem kommunalen Projekt, in dem Kosten, Förderungen und Zuständigkeiten mehrfach verhandelt werden müssen, halfen gemeinsame Bilder und klar kommunizierte Prioritäten, notwendige Entscheidungen besser einzuordnen.
Ankommen am Campus
Der Bildungscampus liegt an einem bestehenden Bildungsstandort in Oberwart, etwas abseits des Zentrums. Die Lage zwischen Innenstadt, Krankenhaus und weiteren Schulen macht ihn jedoch zu einem Baustein einer größeren öffentlichen Achse. Das Ankommen wurde bewusst organisiert. Kiss-and-Ride liegt nicht unmittelbar vor dem Eingang, Busse und Haltestellen sind in die Vorplatzsituation einbezogen. Die Vorplätze dienen als Warte- und Übergangsräume. Eltern können ihre Kinder abholen, ohne den Schulbetrieb im Inneren zu stören. Zwischen Stadt und Schule entsteht eine klare Schwelle, die dennoch offen genug bleibt, um das Gebäude als Teil des öffentlichen Lebens lesbar zu machen.
Die Mitte als gemeinsamer Ort
Die innere Organisation des neuen Campus folgt einem einfachen Prinzip: Von der Gemeinschaft aus gelangt man in die persönlicheren Bereiche. Im Zentrum liegt eine dreigeschossige Gemeinschaftszone, die den Alltag des Hauses strukturiert. Sie ist Ankunftsort, Verteiler, Essbereich, Pausenfläche und Veranstaltungsraum zugleich. Besonders im Erdgeschoss wird die Mehrfachnutzung sichtbar: Hier treffen Schule, Nachmittagsbetreuung, Musikschule und öffentlicher Raum aufeinander. Die Sitzstufen ermöglichen Aufführungen und Versammlungen, funktionieren im Alltag aber als Teil der zentralen Gemeinschaftszone. Der Raum ist nicht als repräsentative Aula angelegt, sondern als nutzbare, gegliederte Mitte.
In den oberen Geschossen setzt sich diese Mitte fort. Dort liegt das Bibliothekshäuschen als Haus im Haus. Es schafft einen kleineren Rückzugsort innerhalb des offenen Volumens und gibt der gesamten Schule einen identitätsstiftenden gemeinsamen Raum. Während Cluster den Alltag in überschaubaren Gruppen organisieren, schafft das Bibliothekshäuschen einen markanten Bezugspunkt für die gesamte Schule.
Öffentliche Nutzungen
Der Campus ist nicht ausschließlich Schulgebäude. Direktion, Musikschule, Musikverein, Nachmittagsbetreuung und Sportbereiche sind so angeordnet, dass unterschiedliche Tagesrhythmen möglich sind. Für Musikschule und Musikverein sind separate Erschließungen vorgesehen, sodass sie auch am Nachmittag und Abend eigenständig funktionieren. Die Nachmittagsbetreuung ist an die gemeinsame Mitte angebunden und nutzt eine große Küche sowie Freizeit- und Werkstattbereiche.
Die Sportbereiche sind größer dimensioniert als in einem typischen Standardschulprogramm. Neben der Doppelturnhalle gibt es einen Bewegungsraum mit Judomatten und Boulderwand. Diese Gewichtung folgt der Sporttradition der Stadt und dem Bedarf ihrer zahlreichen Sportvereine. Die Halle ist zudem für Veranstaltungen ausgelegt. Damit wird der Campus zu einem kommunalen Gebäude, dessen Nutzung nicht mit dem Unterricht endet.
Cluster als übertragene Dorfschulstruktur
Die eigentlichen Cluster sind der wichtigste Baustein des pädagogischen Konzepts. In ihnen sind unterschiedliche Schulstufen gemeinsam organisiert. Damit wird die Jahrgangsmischung räumlich unterstützt: Jüngere und ältere Kinder teilen sich Garderobe und Aufenthaltsbereiche. Zu jedem Cluster gehört eine Loggia. Diese gedeckten Außenbereiche erweitern die Lern- und Aufenthaltsflächen und sind auch abseits idealer Wetterbedingungen nutzbar. Die hohe Belichtung, raumhohe Verglasungen und Eckfenster binden die Innenräume an die Umgebung. Die Kinder sollen ihren Cluster als eigenen Bereich wahrnehmen, ohne vom größeren Haus und vom Stadtraum abgetrennt zu sein. Auch die Farbgebung folgt dem Prinzip der kleinteiligen Gliederung. Jeder Cluster erhält eine eigene farbliche Stimmung, die Orientierung und Identifikation ermöglicht, ohne als vordergründiges Leitsystem aufzutreten.
Prioritäten im Ausbau
Im Planungsprozess wurde die Materialfrage auch unter Kostengesichtspunkten entschieden. Ursprünglich war eine Holzfassade vorgesehen. Als Einsparungen notwendig wurden, setzte die Gemeinde die Priorität auf das Innere: Tischlerarbeiten, großzügige Verglasungen, Ausstattung und räumliche Qualität der Lernbereiche wurden beibehalten; außen wurde stattdessen eine kostengünstigere Putzfassade umgesetzt. Der architektonische Anspruch liegt weniger in einer ideologisch geprägten Materialerzählung als in der Qualität des Raumangebotes. Entsprechend sorgfältig wurde auch die akustische Bearbeitung des Schulgebäudes behandelt. Deckenflächen und Akustikpaneele dämpfen die gemeinschaftlichen Bereiche und Lernzonen. Die Paneele in den Klassen können außerdem als Pinnwände genutzt werden. Besonders an den Übergängen zwischen offenen Bereichen und einzelnen Lernräumen wurde in Schallschutz und akustische Trennung investiert. In größeren zusammenhängenden Flächen kamen Heradesign-Platten als robustes, wirtschaftliches Akustikmaterial und zugleich ruhige Deckenfläche zum Einsatz. Solche Entscheidungen zeigen, dass die Qualität des Projekts nicht in einer einzelnen gestalterischen Setzung liegt, sondern in vielen auf den Alltag bezogenen Prioritäten.
Am Ende bleibt der Campus ein Projekt der Abwägungen: zwischen Größe und Überschaubarkeit, gemeinsamer Infrastruktur und persönlichem Maßstab, Kostenrahmen und räumlicher Qualität. Gerade aus diesen Abwägungen entsteht ein Haus, das die Logik der Dorfschule nicht zitiert, sondern unter heutigen Bedingungen weiterführt.
Bildungscampus Oberwart
Oberwart, Burgenland
Bauherrschaft: Stadtgemeinde Oberwart
Planung: Franz&Sue
Team: Lucie Vencelidesová (TL), Carla Kuhn (PL), Andreas Reuter (PL), Luisa Feldrapp, Julia Hottenbacher,
Alba Keneta-Mandija, Lucie Najvarová, Ema Hočevar, Clara Linsmeier, Sindi Como, Jakob Fichter
Statik: RWT Plus
Landschaft: Simma Zimmermann
Gebäudetechnik: ZFG-Projekt
BGF: 9.750 m²
NGF: 8.500 m²
Planung: 2021–2025
Bauzeit: 2024–2025
Fertigstellung: 06/2025
Text: Andreas Laser
Fotos: Hertha Hurnaus
Kategorie: Projekte




















