Versetztes Wohnen

1. Juli 2026 Mehr

Was passiert, wenn das klassische Einfamilienhaus nicht mehr als kompakter Baukörper, sondern als Abfolge kleiner Hütten gedacht wird? Das Projekt „Staggered Cabin“ in South Lake Tahoe übersetzt das Wohnen in eine räumliche Bewegung entlang von Hang, Wald und Jahreszeiten und formuliert damit ein überraschend angemessenes Modell für das Leben jenseits der Stadt.

 

 

Auf über 1.800 Metern Höhe, wo sich die Siedlungsränder von South Lake Tahoe in die Wälder der Sierra Nevada auflösen, steht kein klassisches Haus. Stattdessen findet man dort eine locker angeordnete Gruppe dunkler Volumen, die sich zwischen Jeffrey-Kiefern und Felsformationen den Hang hinunter staffeln. Die „Staggered Cabin“ von Mork-Ulnes Architects versteht Wohnraum weniger als Objekt denn als Beziehung – zur Topografie, zum Klima und zum Alltag ihrer Bewohner. Ausgangspunkt war ein Wochenendrefugium. Mit der Entscheidung der Bauherren, dauerhaft aus der Bay Area in die Berge zu ziehen, verschob sich jedoch der Anspruch: Aus einem Rückzugsort für das Wochenende wurde ein alltagstaugliches Zuhause. Die Antwort der Architekten fällt bewusst minimalistisch aus – und gerade deshalb so konsequent.

 

 

Wohnen als Sequenz statt Grundriss

Drei schuppenartige Baukörper bilden keine kompakte Einheit, sondern ein räumliches Kontinuum. Sie sind leicht gegeneinander verschoben und durch wenige Stufen statt Flure sowie durch Sichtachsen anstelle von Türen miteinander verbunden. So entsteht ein Haus, das sich nicht in Zimmer, sondern in Situationen gliedert: ein zentraler Wohnraum, der sich zu zwei Seiten öffnet, Schlafräume, die jeweils auf eigene Außenbereiche reagieren, sowie Übergänge, die mehr Landschaft als Innenraum sind. Diese räumliche Staffelung erzeugt eine Bewegung, die auf dem Papier kaum sichtbar ist. Wer hier lebt, durchquert das Haus entlang von Licht, Blicken und Höhenversprüngen und hat dabei immer Bezug zur Umgebung.

 

 

Kompaktheit als Entwurfsstrategie

Mit rund 110 m² gehört das Haus bewusst zu den kleineren seiner Art. Anstatt die Fläche zu maximieren, wurde das Volumen genutzt: Steil geneigte Pultdächer schaffen Höhe, Mezzanine erweitern die Nutzbarkeit und Einbauten ersetzen Möbel. So entsteht ein Raumgefühl, das zwischen Intimität und Großzügigkeit changiert. Kinder klettern entlang integrierter Strukturen, es entstehen versteckte Ebenen über Schränken und selbst der Wohnraum bleibt absichtlich offen – nicht möbliert, sondern bespielbar. Minimalismus ist hier kein ästhetisches Statement, sondern ein funktionales Prinzip: Weniger Möbel bedeuten mehr Bewegungsfreiheit und mehr Flexibilität im Alltag.

 

 

Architektur, die den Ort liest

Der vielleicht stärkste Moment dieses Projekts ist seine Beziehung zum Gelände. Anstatt den Hang zu nivellieren, folgt das Gebäude seiner Topografie. Die Volumen „umfließen” bestehende Felsbrocken und Bäume, wodurch kleine Höfe und Zwischenräume entstehen – Außenräume, die genauso wichtig sind wie die Innenräume. So ergeben sich Mikro-Landschaften: ein sonniger Platz im Hang, ein geschützter Hof zwischen Felsen oder ein dichter Waldraum. Jeder Teil des Hauses reagiert auf eine andere Weise auf die Nähe zur Natur. Durch diese Strategie wird nicht nur der Eingriff in das Gelände reduziert – auch die Wahrnehmung des Hauses verändert sich. Es erscheint nicht als gebautes Objekt, sondern als Teil einer gewachsenen Struktur.

 

 

Das Klima als Entwurfsparameter

Auch energetisch folgt die Architektur einem einfachen, aber konsequenten Prinzip: Form statt Technik. Schmale Gebäudetiefen ermöglichen Querlüftung, hoch liegende Fensterbänder bringen Licht tief in den Raum und die Dachgeometrie ist so ausgelegt, dass Schnee nicht nur abgleitet, sondern gezielt als zusätzliche Dämmschicht im Winter gehalten wird. Nachhaltigkeit zeigt sich hier nicht in sichtbarer Technologie, sie liegt in der Selbstverständlichkeit der Lösungen. Das Gebäude nutzt, was der Ort vorgibt: Licht, Luft und Schnee.

 

 

Ein anderes Modell von Wohnraum

Die eigentliche Qualität der „Staggered Cabin” liegt jedoch in ihrer Typologie. Sie ist weder ein Chalet noch ein klassisches Einfamilienhaus. Stattdessen funktioniert sie wie eine kleine Hofstruktur, ein Ensemble aus Einzelteilen, die gemeinsam ein Ganzes bilden. Dadurch wird Wohnen zur Abfolge von Innen- und Außenräumen, von Rückzug und Öffnung, von Nähe und Weite. So entsteht für eine junge Familie ein Alltag, der sich nicht im Haus, sondern zwischen Haus und Landschaft abspielt. Gerade darin liegt ihre Relevanz. In einer Zeit, in der Wohnraum oft über seine Fläche definiert wird, zeigt dieses Projekt eine andere Möglichkeit: Es ist kompakt, gut durchdacht und eng mit dem Ort verwoben.

 

 

Nachgefragt bei Casper Mork-Ulnes

Das Projekt hat sich von einem Wochenend-Ski-Refugium zum ständigen Familienwohnsitz entwickelt. Welche gestalterischen Änderungen waren für das tägliche Leben auf einer so kompakten Grundfläche am wichtigsten?

Die Anpassungen waren sehr subtil, was vor allem dem minimalistischen Lebensstil der Auftraggeber und den Einschränkungen durch die begrenzte Grundfläche geschuldet ist. Zusätzlich zu den bereits geplanten Mezzanin-Räumen, die auf maximale Funktionalität ausgelegt waren, haben wir nach weiteren Stauraummöglichkeiten und Aufenthaltsbereichen für die Kinder gesucht. Diese befinden sich über den Schränken und unter einer eingebauten Bank. Außerdem haben wir die räumlichen und funktionalen Unterschiede zwischen den beiden Nebenschlafzimmern betont. Eines davon wurde zu einem vielseitig nutzbaren Raum mit einer Kletterwand. Angesichts des Kundenwunsches nach einem Haus mit „kompromisslosem Minimalismus“ fielen die Änderungen jedoch überraschend gering aus.

Wie ist es Ihnen gelungen, den Spagat zwischen einer minimalistischen Ästhetik und den sehr pragmatischen Anforderungen an Stauraum und Flexibilität im Familienleben zu schaffen?

Die Form des Gebäudes und die stark begrenzte Grundfläche sorgen dafür, dass diese Ziele nicht im Widerspruch zueinander stehen. Wo die Pultdächer höher werden, ergab sich die Möglichkeit, Zwischengeschosse einzubauen. Hohlräume über funktionalen Elementen wie Schränken können zudem als Stauraum genutzt werden. Da die Abstände knapp bemessen und die Grundflächen relativ klein sind, sorgt die Offenhaltung der Gemeinschaftsbereiche für Flexibilität. Eine stärkere Zweckbindung und Einrichtung des Wohnzimmers beispielsweise würde dessen Nutzungsmöglichkeiten einschränken, ohne dass andere Bereiche im Haus als Ausgleich dienen könnten.

 

 

Auf welche konkreten räumlichen Strategien haben Sie gesetzt, damit sich ein so kompaktes Haus langfristig weitläufig und wohnlich anfühlt?

Abgesehen von den bereits erwähnten hohen Decken und Zwischengeschossen trägt die spezifische Art und Weise, wie die Volumen miteinander verbunden sind, zu einem Gefühl von räumlichem Fluss und Komplexität bei. Stufen an jeder Schnittstelle sowie das Fehlen von Türen zwischen den Volumen schaffen unerwartete Sichtachsen durch die Räume und vermitteln ein Gefühl von Weite. Innerhalb jedes Volumens bieten große Öffnungen (manchmal paarweise) Ausblicke auf die unmittelbare Umgebung, während hohe Oberlichter Einblicke in das Blätterdach gewähren. So wirkt das Haus im Inneren räumlich dynamisch und stets mit der weiteren Umgebung verbunden.

 Sie haben einen Dialog zwischen skandinavischen Hütten-Traditionen und der kalifornischen A-Frame-Kultur inszeniert. Inwiefern prägt diese hybride Identität Ihrer Meinung nach das Wohnerlebnis in diesem Haus?

Das ist richtig. Die A-Frame-Typologie ist kompakt und dennoch vertikal eindrucksvoll, während skandinavische Hüttentraditionen durch zurückhaltende Abmessungen und effiziente Raumnutzung eine ähnliche Gemütlichkeit vermitteln. Indem es diese Sensibilitäten miteinander verbindet, definiert sich das Haus durch Kontraste. Die Innenräume wechseln zwischen intimen und räumlich intensiven Momenten: miteinander verbundene Volumen, die sich zur Landschaft hin weit öffnen. Äußerlich fügt es sich leicht in die Umgebung ein, im Gegensatz zu seinen typischerweise viel größeren Nachbarn.

Die norwegische Hüttentradition steht für Zurückhaltung, Ruhe und die Fokussierung auf alltägliche Rituale, während der kalifornische A-Frame mit hohen, lichtdurchfluteten Räumen und einer verschwommenen Grenze zwischen Innen und Außen für Lockerheit und Eigenwilligkeit sorgt. Zusammen schaffen diese Einflüsse hoffentlich ein Erlebnis, das zwischen Intimität und Weite oszilliert und durch den versetzten Grundriss sowie die Abfolge unterschiedlicher räumlicher Eindrücke verstärkt wird.

 

 

Das Projekt fördert ganz klar alltägliche Rituale, die eine Verbindung zur Natur herstellen – vom Sitzen auf Felsbrocken bis zum Beobachten des Schneefalls vom Loft aus. Wie bewusst gestalten Sie diese kleinen alltäglichen Momente, wenn Sie ein Haus entwerfen?

Ich würde nicht sagen, dass diese Momente stark vorgegeben sind. Natürlich achten wir auf Gelegenheiten: Wenn es eine bestimmte Aussicht zu rahmen gilt oder die Möglichkeit besteht, Licht auf sinnvolle oder unerwartete Weise einzufangen, versuchen wir, darauf einzugehen. Aber viele dieser täglichen Rituale sind nicht im normativen Sinne entworfen. Oft entstehen sie durch das Bewohnen. Die Bewohner entdecken Orte und Momente im Gebäude, die sie auf eine Weise ansprechen, die wir nicht vollständig vorhersehen konnten. In der „Staggered Cabin” war das Zwischengeschoss beispielsweise vom Kunden gewünscht – er stellte sich einen kleinen Arbeitsplatz innerhalb des Wohnraums vor, von dem aus man hin­ausschauen, den Raum auf sich wirken lassen und mit der Landschaft dahinter verbunden bleiben kann.

Generell glaube ich, dass Design davon abhängt, das Potenzial für Freude zu erkennen, das bereits an einem Ort vorhanden ist: sein Licht, seine Topografie, seine Ausrichtung und seine Atmosphäre. Die Hoffnung ist, dass diese Erfahrungen an der Schnittstelle dieser Intuition und einer bestimmten architektonischen Antwort entstehen. Sie sind nicht vollständig vorgegeben, aber auch nicht rein zufällig – sie liegen irgendwo dazwischen.

 

 

Staggered Cabin
South Lake Tahoe, Californien

Bauherr: privat
Planung: Mork-Ulnes Architects
Team: Casper Mork-Ulnes, Lexie Mork-Ulnes, Colin Griffin
Statik: Riva Engineering & Consulting

Grundstücksfläche: 110 m²
Planungsbeginn: März 2020
Bauzeit: 2 Jahre, 9 Monate
Fertigstellung: März 2025

www.morkulnes.com

 

Kategorie: Projekte