Zeitschichten
Manche Gebäude erzählen Geschichte – andere machen Zeit sichtbar. Mit dem Brewery Yard im Central Park von Sydney gelingt Tzannes eine seltene Synthese aus industriellem Erbe, zeitgenössischer Architektur und nachhaltiger Energieinfrastruktur. Wo einst Bier gebraut wurde, entsteht heute ein urbanes Kraftwerk – räumlich, kulturell und ökologisch. Der Umbau zeigt, wie Alt und Neu nicht konkurrieren, sondern sich als lesbare Schichtung von Zeit gegenseitig verstärken.
Architektur als Zeitmesser
„It measures time.“ Mit diesem Satz bringt Alec Tzannes das architektonische Prinzip des Brewery Yard auf den Punkt. Der Umbau der ehemaligen Carlton and United Brewery versteht sich nicht als Restaurierung im klassischen Sinn, sondern als räumliche Chronologie: eine Architektur, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich lesbar macht.
Im Zentrum des 6,7 Hektar großen Central-Park-Areals gelegen, bildet das Brewery Yard das größte zusammenhängende Ensemble erhaltener historischer Gebäude des Quartiers. Die Backsteinbauten aus dem frühen 20. Jahrhundert stehen stellvertretend für rund 170 Jahre industrieller Nutzung – von den ersten Brauereien der 1870er-Jahre bis zur Stilllegung des Areals 2005. Ihre Transformation markiert zugleich den Wendepunkt eines vormals abgeschotteten Industrieareals hin zu einem offenen, urbanen Lebensraum.
Überlagerung statt Kontrast
Charakteristisch für das Projekt ist der bewusste Verzicht auf Mimikry oder formalen Bruch. Alt und Neu begegnen sich nicht als Gegensätze, sondern als aufeinander aufbauende Zeitebenen. Besonders deutlich wird dies in der neuen Dachstruktur: Über dem historischen Backstein erhebt sich eine Stahlkonstruktion, umhüllt von gefalteten Paneelen aus expandiertem Zinkgewebe.
Diese Hülle verbirgt nicht nur die Kühltürme und technischen Anlagen, sondern übersetzt deren funktionale Anforderungen in eine skulpturale Form, die zwischen der orthogonalen Logik des Bestands und den gekrümmten Geometrien der Technik vermittelt. Die industrielle Materialität bleibt dabei bewusst sichtbar – nicht als Zitat, sondern als zeitgenössische Weiterführung des Ortes.
Auch die neue, doppelt verglaste Stahlfassade an der Nordseite folgt diesem Prinzip. Sie legt gealtertes Mauerwerk, Sandstein und Kupfer frei und inszeniert Patina nicht als Makel, sondern als kulturelle Qualität. Die Architektur erzählt hier nicht von Perfektion, sondern von Dauer.
Produktion im Wandel
Inhaltlich setzt das Projekt die industrielle Tradition des Ortes fort – mit anderen Mitteln. Wo früher Bier produziert wurde, entsteht heute Energie. Die gasbetriebene Trigenerationsanlage versorgt den gesamten Central-Park-Bezirk sowie Teile des UTS-Campus mit Strom sowie Heiz- und Kühlenergie. Über eine Laufzeit von 25 Jahren sollen so rund 180.000 Tonnen CO2 eingespart werden.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die technische Leistung, sondern ihre räumliche Integration: Nachhaltige Infrastruktur wird nicht ausgelagert oder versteckt, sondern als sichtbarer Bestandteil der Architektur verstanden. Die Energieproduktion wird Teil des urbanen Alltags – und damit auch Teil der architektonischen Erzählung.
Innenräume mit Erinnerung
Im Inneren wurden die historischen Gebäude neu organisiert, Geschosse ergänzt und Raumhöhen optimiert, um zeitgemäße Büro-, Retail- und Hospitality-Nutzungen zu ermöglichen. Gleichzeitig bleiben Spuren der industriellen Vergangenheit präsent: umfunktionierte Silos, Hoppers und Braumaschinen dienen als räumliche Marker und machen Geschichte unmittelbar erfahrbar. So entsteht eine Arbeitswelt, die sich bewusst von neutralen Glasbürobauten absetzt. Charakter, Materialität und historische Tiefe werden hier zur räumlichen Qualität – nicht als Nostalgie, sondern als identitätsstiftendes Element.
Vom Industrieareal zur urbanen Mitte
Städtebaulich fungiert das Brewery Yard heute als Herzstück des Central Park. Der ehemals abgesperrte Ort ist zu einem öffentlich zugänglichen Knotenpunkt geworden – mit hoher Aufenthaltsqualität, direkter Anbindung an den Park und als Bühne für öffentliche Ereignisse. Die Architektur wirkt dabei als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen öffentlichem Raum und Arbeitswelt. Sie zeigt, dass adaptive Wiederverwendung nicht nur Ressourcen schont, sondern urbane Bedeutung erzeugt.
5 Fragen an Alec Tzannes
Wie wurde entschieden, welche historischen Elemente offengelegt, verborgen oder neu interpretiert werden sollten? Welche Rolle spielten Gemeinde und Stakeholder?
Der Masterplan für das 6,7 Hektar große Central-Park-Areal wurde von Tzannes und Cox Richardson Architects & Planners entwickelt und von Foster + Partners in Abstimmung mit Tzannes überarbeitet. Die archäologische und konservatorische Grundlage lieferte der Managementplan von Godden Mackay Logan.
Die adaptive Umnutzung leitete Urbis, während Tzannes die Entwurfsoptionen vorantrieb. Urbis bewertete Maßnahmen zur Erhaltung, Veränderung, Verlegung oder Entfernung historischer Substanz, identifizierte relevante Artefakte der Brauereifunktion und genehmigte deren Umsetzung im Heritage Impact Statement. Daraus entstand eine gemeinsame kuratorische Verantwortung.
Die Stadt Sydney führte das Genehmigungsverfahren, konsultierte die Öffentlichkeit, bewertete die Rückmeldungen unabhängig und entschied über den Bauantrag. Sämtliche baulichen Eingriffe – von der verglasten Nordfassade über Erschließung, Innenraum und Dach bis zu zusätzlichen Geschossen und Dachbüros – wurden von Tzannes mit Unterstützung von Urbis entworfen.
War die Zinkgitterverkleidung der Kühltürme ein Verstecken oder die Chance für eine ikonische Form im Dialog mit dem industriellen Erbe?
Der Entwurf ging aus zwei Ansätzen hervor. Zunächst wurde eine massiv wirkende Anlagenstruktur untersucht, die sich an den historischen Mauerwerksgeometrien orientierte und akustische Hohlräume integrierte. Dieser Ansatz erwies sich als zu dominant für den Bestand. Stattdessen entstand eine Form, die sich aus der Anordnung des Backsteinbaus und der Dachneigung ableitet, mit klarer Fuge zwischen Alt und Neu und einem Übergang in die Geometrie der Kühltürme. Zinkgewebe wurde gewählt, da es sich biegen lässt, langlebig ist, die Belüftung unterstützt und die akustischen Einbauten ausreichend verdeckt.
So entwickelte sich ein gestalterischer Dialog zwischen Alt und Neu, der Zeit, Funktionswandel und neue Nutzungen sichtbar macht. Als prägnantes Zeichen im Stadtraum erfüllen die skulpturalen Formen zugleich die Rolle eines Wahrzeichens für Park und Stadtplatz. Zurückhaltender gestaltet sind Dachbüros und Feuertreppe: Sie sind vom Park aus nicht sichtbar und vermeiden Verschattung. Je nach Qualität des Bestands treten die neuen Elemente entweder ruhig oder bewusst markant in Erscheinung und stärken so den Gesamtcharakter.
Wie verändert das Design die Vorstellung moderner Arbeitsumgebungen im städtischen Kontext? Welche Rolle spielt die Beziehung zwischen öffentlichem Raum, Arbeitsplatz und Kulturerbe?
Das ehemalige Industriegelände wurde zu einem dichten, gemischt genutzten Stadtquartier transformiert. Im Brewery Yard entsteht eine Arbeitsumgebung, die durch historische Elemente und räumliche Qualität geprägt ist. Pausenräume, Besprechungszonen und Erschließung sind so integriert, dass das Zusammenspiel von Alt und Neu auch im Innenraum spürbar wird und sich deutlich von konventionellen Büros unterscheidet.
Diese Haltung prägt das gesamte Areal. Die Geschichte des Ortes ist ein zentrales Element des Masterplans und verleiht dem Quartier Identität und Zugehörigkeit. Als Herzstück des Central Park bildet das Brewery Yard den Rahmen für öffentliche Nutzung und Veranstaltungen. Der kontinuierliche Dialog zwischen historischen Bauten und zeitgenössischer Architektur prägt das städtische Erlebnis.
Können historische Gebäude heutige Umweltstandards erfüllen, ohne ihre Integrität zu verlieren? Wie wird Erfolg gemessen?
Neben der Trigenerationsanlage wurde auch die gesamte Fensterkonstruktion erneuert und an heutige Umweltstandards angepasst. Die ursprünglichen Stahlrahmen waren defekt, ein Erhalt wäre energetisch nicht vertretbar gewesen. Da der Bestand zwar bedeutend, aber nicht besonders fein ausgearbeitet war, erwies sich eine neue Verglasung als sinnvoller Kompromiss zwischen Umweltleistung und historischem Ausdruck. Der Erfolg zeigt sich nicht nur in CO2-Werten, sondern vor allem in der Qualität und Angemessenheit der Detailplanung bei Eingriffen dieser Größenordnung.
Ist das Brewery Yard weltweit übertragbar? Welche Prinzipien lassen sich ableiten?
Central Park und Brewery Yard wurden vielfach ausgezeichnet und dienen als internationale Fallstudien für die Umwandlung von Brachflächen in dichte, gemischt genutzte Stadtquartiere. Das Projekt wird häufig als Referenz für adaptive Wiederverwendung herangezogen. Die Weiterverwendung historischer Bausubstanz, einschließlich der Integration technischer und materieller Relikte, vertieft das Verständnis für Ort und Stadt. Ihr Verlust würde ökologische Belastungen erhöhen und den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft widersprechen. Brewery Yard und Central Park zeigen, wie nachhaltige Stadtentwicklung sozial, wirtschaftlich und ökologisch gelingen kann.
Brewery Yard
Sydney, Australien
Bauherr: Frasers Property Australia and Sekisui House Australia / IP Generation
Planung: Tzannes
Project Director: Alec Tzannes, Ben Green
Project Lead: James Marrinan
Team Members: Allison Cronin, Amanda Cooper, Antoinette Cano, Bruce Chadlowe, Carl Holder, Derek Chin, Nadia Zhao, Yi-han Cao, Kevin Mak, Matilda Gollan, Vicky Feng, Arddy Berylian, George Korban, Lily Tandeani, John Suh, Tasman Shen, Juliana Conceicao, Nicole Larkin, Daniel Gullan, Connor Denyer, Amanda Roberts, Amanda Cooper, Katharine Turner, Nico Locane, Iris Zhu
Konstruktion / Fassade: Meinhardt / Stantec
BGF: 6.185 m²
Fertigstellung: 01/2024
Text: Linda Pezzei
Fotos: Ben Guthrie
Kategorie: Projekte



















