Architektur, die bleibt
Much Untertrifaller ist ein Mann der ersten Stunde. Seit den 1980er Jahren prägt er die europäische Architekturlandschaft – von wegweisenden Schulbauten in Vorarlberg und Frankreich über das Bregenzer Festspielhaus bis hin zu aktuellen Großprojekten. 100-Stunden-Wochen waren für ihn als junger Architekt keine Seltenheit, sieben Tage die Woche zu arbeiten ist für ihn bis heute normal – nicht aus Zwang, sondern aus Begeisterung für das Entwerfen. Untertrifaller denkt konsequent im Raum. Während andere schöne Pläne zeichnen, fragt er: „Wie steht es dann da? Was kann das? Für wen ist es?“
Diese Haltung hat seine Architektur geprägt: Bauten, die auch nach 30 oder 40 Jahren noch genauso funktionieren wie am ersten Tag, Schulen ohne Vandalismus, Räume mit einer Dauerhaftigkeit, die aus Mut und Vision entsteht. Im Gespräch mit architektur FACHMAGAZIN erzählt Much Untertrifaller von den Momenten, in denen aus Beruf Berufung wurde, von subversiven Räumen, die Lernen verändern, und von der Verantwortung, die Architektur über Generationen hinweg tragen muss.

College Broons: Licht, Bewegung, Begegnung – die Schularchitektur von DTFLR schafft offene Lernlandschaften, die Kommunikation fördern und über Generationen hinweg Bestand haben sollen. © Frederic Baron
Herr Untertrifaller, wann wurde aus Ihrem Beruf eigentlich Berufung?
Das war schon früh im Studium. Ursprünglich habe ich Architektur gewählt, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte – mein Vater war Architekt, das lag nahe. Doch gegen Ende des ersten, Anfang des zweiten Jahres hat mich die Faszination gepackt. Ich habe Wettbewerbe für meinen Vater gezeichnet, daneben eigene Projekte gemacht. Die „realen“ Aufgaben haben mich mehr interessiert als das Studium. Bald hatte ich ein eigenes Büro, habe oft 100 Stunden die Woche gearbeitet. Diese Intensität begleitet mich bis heute: Ich denke immer im Raum, Räume entwickeln ist für mich das Spannendste überhaupt.
Und dieser Enthusiasmus ist bis heute geblieben?
Absolut. Auch wenn das Büro heute eine ganz andere Größenordnung hat: Ich bin immer noch tief in Entwürfe und Wettbewerbe eingebunden. Die Mitarbeiter:innen wundern sich oft, wie schnell ich erste Lösungen entwickeln will – aber genau das treibt mich an.

Offene Lernlandschaften und helle Aufenthaltsbereiche definieren das pädagogische Konzept der Volksschule Edlach in Dornbirn, die auf eine nachhaltige Holzbauweise setzt und durch große Glasflächen Innen- und Außenräume für zeitgemäßes gemeinsames Lernen verbindet. © Frederic Baron
Gibt es Projekte, die Sie aktuell besonders beschäftigen?
Es sind eigentlich immer die, an denen wir gerade arbeiten. Etwa der Wettbewerb für die Universitätsbibliothek in Podgorica – ein scheinbar einfaches Grundstück, das sich als äußerst komplexe Aufgabe entpuppt hat. Oder der Wettbewerb für die „Maison du Danemark“ in Paris, an dem wir gemeinsam mit Olafur Eliasson arbeiten – ein dänisches Kulturzentrum an einem sehr prominenten Ort. Parallel dazu läuft in Wien ein Wettbewerb für die Transformation des alten Campus der Wirtschaftsuniversität. Diese Vielfalt, der Wechsel zwischen städtebaulichem Maßstab und feinsten Details – das fasziniert mich.

Ein ikonischer Kulturbau am Bodensee: Das 2006 erweiterte Festspielhaus Bregenz steht für die Verbindung von technischer Präzision, räumlicher Großzügigkeit und zeitloser Eleganz. © Bruno Klomfar
Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sind Schulen. Woher kommt diese Leidenschaft für Bildungsbauten?
Vielleicht aus meiner eigenen Schulzeit. Mein Kindergarten in den 60er-Jahren war ein Neubau mit großen Glasflächen, mein Gymnasium ein Bau der 1920er mit hohen Räumen und großzügigen Erschließungsflächen. Diese Bewegungsräume prägen – viel stärker als die Klassenräume selbst. Genau dort entsteht Qualität: in den Zonen dazwischen, den verbindenden Räumen. Ich nenne sie gern „subversiv“, weil sie nicht strikt im Programm definiert sind.
In Frankreich konnten wir diese Qualitäten besonders stark einbringen: Transparenz, Lichtführung, Großzügigkeit in den Erschließungen. Bemerkenswert ist für mich, dass es in all den Jahren in unseren Schulen nie Vandalismus gab. Für mich ein Zeichen, dass die Nutzer:innen diese Räume wertschätzen.
Sie haben Projekte von Vorarlberg bis Mayotte realisiert. Wie gelingt es, die handwerkliche Kultur Ihrer Herkunft international einzubringen?
Das ist eine große Herausforderung. In Mayotte zum Beispiel gibt es kaum handwerkliche Tradition, vieles muss importiert werden. Wir versuchen, das Potenzial der vorhandenen Materialien zu nutzen – vulkanisches Gestein, handgepresste Erdziegel, auch Bambus. Es geht darum, aus dem Ort heraus zu bauen und jedes Projekt als Unikat zu begreifen. Architektur darf niemals bloß eine Stilreproduktion sein.

Verantwortung über Grenzen hinaus: Beim Lycee Mayotte setzen die Architekten auf lokale Materialien und angepasste Bauweisen – ein Schulbau, der Nachhaltigkeit kulturell interpretiert. © Jeudi Wang
Sie sprechen oft von Verantwortung. Was bedeutet architektonische Verantwortung für Sie?
Gebäude sind Teil der Gesellschaft. Sie beeinflussen Nachbarschaften, sie werden mit Steuergeld finanziert, sie prägen über Jahrzehnte die Umwelt. Deshalb reicht es nicht, schöne Entwürfe zu machen – man muss sie auch umsetzen und langfristig relevant halten. Ich freue mich, wenn ich heute sehe, dass unsere frühen Kindergärten oder Volksschulen noch immer genauso funktionieren wie am ersten Tag. Wir wollten nie zeitgeistige Projekte mit Ablaufdatum schaffen.
Was ist Ihr Ziel, was sollen Ihre Gebäude langfristig mit Menschen machen?
Langlebigkeit ist entscheidend – nicht als Momentaufnahme, sondern mit Blick auf Veränderungen. Nutzerzahlen ändern sich, Unterrichtsformen wandeln sich, Kulturbauten brauchen neue Funktionen. Gute Architektur muss das aushalten. Es schmerzt, wenn Gebäude vorschnell abgerissen werden. Deshalb beschäftigen uns Fragen wie: Wie kann man Strukturen weiternutzen, umbauen, zurückbauen? Dauerhaftigkeit entsteht nur, wenn man Mut und Vision hat. Und genau das, finde ich, braucht Architektur.
Interview: Linda Pezzei
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen









