Architektur ist eine Superkraft
Architektur als Werkzeug für sozialen Wandel – dieser Überzeugung folgt das junge Kollektiv Supertecture. Mit experimentellen Entwürfen, recycelten Materialien und einem kollaborativen Planungsprozess entstehen weltweit Bildungsbauten, Gemeinschaftszentren und Modellprojekte für eine gerechtere Baukultur.

Die tragenden Wände des Soil House bestehen aus handgeformtem Lehm aus der Baugrube und lokalem Bambus.
Nicht in Berlin, Wien oder Zürich, sondern in Kaufbeuren sitzt ein umtriebiges, gemeinnütziges Architekturkollektiv. Supertecture hat es sich zur Aufgabe gemacht, soziale, ökologische und gestalterische Ziele miteinander zu verbinden. In Ländern wie Nepal, Tansania und Honduras – und zunehmend auch in Deutschland – realisiert das Team partizipative Bauprojekte aus recycelten Materialien. Architektur entsteht hier im engen Dialog mit lokalen Gemeinschaften, meist unter Einbindung von Studierenden, jungen Architekt:innen und Handwerker:innen.

Das Badezimmer im Bottle House wurde aus 30.000 recycelten Bierflaschen gebaut, die gemeinschaftlich gesammelt und vor Ort verarbeitet wurden.
Mit „2upertecture“ verfolgt das Kollektiv in Deutschland die Weiterentwicklung dieses Ansatzes als Reallabor für zirkuläres Bauen. Hier entstehen neue Projekte, die Kreislaufwirtschaft, Vorfertigung und Wiederverwendung von Materialien im Kontext sozialer Einrichtungen und gemeinwohlorientierter Architektur erproben. Anstelle klassischer Hierarchien setzt das offene Netzwerk auf kollektive Verantwortung, gemeinsames Lernen und kreative Zusammenarbeit. Die Entwürfe entstehen oft vor Ort, im Austausch mit Nutzer:innen und lokalen Akteur:innen – getreu dem Leitsatz: form follows availability. Supertecture versteht sich dabei als Plattform, die architektonische Utopien konkret werden lässt – sinnstiftend, reproduzierbar und gestalterisch konsequent.

Die Gemeinschaftsküche im Brick House wurde aus dem Ziegelbruch von Erdbebenruinen errichtet.
Aktuell wird in Nepal gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung der dritte Bauabschnitt eines Kindergartens realisiert. Parallel dazu entstehen in Deutschland mehrere Projekte, darunter eine zirkuläre Siedlung, die Gestaltung eines Parkplatzes unter dem zentralen Konzept der Wiederverwendung sowie die Innenarchitektur von Speiseräumen für eine soziale Einrichtung. Darüber hinaus kuratiert das Kollektiv die Vortragsreihe „SUPERCIRCLE 25“, die Pionier:innen des zirkulären Bauens eine Bühne bietet. Ob auf der Baustelle oder im Diskurs: Supertecture versteht Architektur als kollektiven Prozess, der zum Mitdenken, Mitbauen und Mitverändern einlädt – kreativ, radikal zirkulär und zutiefst menschlich.

Vier neue Räume – gebaut aus gespendeten „Erdbeben“-Ziegeln, Lehm, Bambus, Stroh, Steinen, Felsplatten und 700 recycelten Fenstern – zeigen innovative Wege des Wiederverwendens und zirkulären Bauens in Nepal.
Nachgefragt:
Was bedeutet für euch „verantwortungsvolles Bauen“ im globalen Kontext?
Verantwortungsvolles Bauen bedeutet für Supertecture, Architekturprojekte zu realisieren, die ökologisch nachhaltig, sozial gerecht und kulturell sensibel sind. Dazu gehören die Verwendung lokaler und recycelter Materialien, die Einbindung der Gemeinschaft in den Bauprozess und die Förderung von Bildung und Empowerment durch Architektur. Supertecture will Mut machen, neue Wege zu gehen, bestehende Denkmuster zu hinterfragen und durch kreative Zusammenarbeit Architektur als aktive Form des gesellschaftlichen Wandels zu leben.
Eure Projekte wirken oft wie gebaute Utopien – poetisch, pragmatisch, politisch. Wie haltet ihr diese Balance?
Das Gleichgewicht entsteht durch einen Ansatz, der Kreativität mit Funktionalität verbindet. Supertecture nutzt vorhandene Ressourcen und Materialien – unser Motto: „form follows availability“ – und entwickelt daraus Designs, die sowohl ästhetisch ansprechend als auch praktisch und ressourcenschonend sind. Gleichzeitig reflektieren die Projekte soziale und politische Themen, indem sie auf lokale Bedürfnisse und Bedingungen eingehen und Gemeinschaften stärken.
Was habt ihr auf euren Baustellen in Nepal, Tansania oder Honduras über Zusammenarbeit und Gestaltung gelernt?
Die Arbeit in verschiedenen Ländern hat gezeigt, wie wichtig partizipative Prozesse und kulturelle Sensibilität sind. In Nepal beispielsweise wurden nach dem Erdbeben 2015 gespendete Ziegel für den Bau einer Schule verwendet, was nicht nur Ressourcen schonte, sondern auch die Gemeinschaft in den Wiederaufbau einbezog. Was für die einen Abfall ist, kann für andere zum Rohstoff werden.
Wie organisiert ihr euch als Kollektiv – wer entscheidet was?
Supertecture arbeitet als demokratisches Kollektiv, in dem Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Die Organisation legt Wert auf Gleichberechtigung, Unabhängigkeit und Chancengleichheit, wobei alle Mitglieder in den Entscheidungsprozess einbezogen werden.
Welche Rolle spielt Gestaltung in einem Kontext, in dem soziale und ökologische Fragen oft drängender erscheinen?
Für Supertecture ist Design ein Mittel, um soziale und ökologische Herausforderungen anzugehen. Mit gestalterischer Konsequenz und kindlicher Neugier entwickeln wir einfache, radikale und reproduzierbare Lösungen, die nicht nur funktionieren, sondern berühren, zum Nachdenken anregen und zur Nachahmung inspirieren. Dabei verstehen wir Schönheit nicht als Luxus, sondern als Ausdruck von Sinn, Haltung und Wertschätzung von Ressourcen. Unsere Projekte erzählen Geschichten – von Solidarität, Umnutzung und einer neuen Baukultur. Die Ästhetik, die dabei entsteht, ist bewusst, farbenfroh und bedeutungsvoll: Sie schafft Aufmerksamkeit, öffnet Räume für Dialog und macht die Idee einer zirkulären Architektur konkret und erlebbar.

Design Built: Studierende des BC! Labs der Hochschule Biberach testen zirkuläre Bauprozesse im Maßstab 1:1 – praxisnahes Lernen direkt auf der Baustelle.
Mitmachen bei Supertecture
Supertecture steht jungen Changemakern offen, die Praxis mit Sinn verbinden möchten. Wer im Studium oder danach Lust auf einen kreativen, hands-on Zugang zu Architektur hat – und offen ist für kulturellen Austausch, improvisiertes Bauen und ungewöhnliche Materialien – kann sich als Fellow bewerben. Projekte finden weltweit statt, jeweils in engem Dialog mit lokalen Partnern.
Weitere Infos & Bewerbung:
www.supertecture.com/join

Das Kircheninventar der Kirche Zu den Acht Seligkeiten in Füssen wird derzeit ausgebaut – darunter rund 400 m2 Mahagoniparkett, das für eine weitere Nutzung vorgesehen ist.
Text: Linda Pezzei
Fotos: Alexander Bernhardi
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen, Start









