Keramik im Wandel
Keramik erlebt ein Comeback – vielseitig, experimentell, überraschend modern. Ob in großformatigen Fassaden, skulpturalen Möbeln oder als schlichte Tasse im Alltag: Immer mehr Architekt:innen und Designer:innen entdecken das Material neu. Auch in Innsbruck, wo man im kürzlich eröffneten Unbound Coffee Shop seinen Flat White aus einem schlichten cera.LAB-Cup genießen kann – weit entfernt von der provokanten Geometrie des „Ugly Cup“, aber mit derselben Haltung: Keramik als Experimentierfeld zwischen Alltag und Kunst.

Jan Contala (1994) versteht sich als digitaler Keramikhandwerker, der zwischen Code und Ton, Algorithmus und Intuition arbeitet. Sein Werk bewegt sich zwischen Architektur, Forschung und Design – mit Fokus auf die Verbindung von Material, Handwerk und digitalen Werkzeugen. Contala versteht Design als eng verwoben mit den Eigenheiten des Materials, der lokalen handwerklichen Tradition und dem kulturellen Kontext – sein Framework nennt er „Terroir“. Digitale Werkzeuge sieht er nicht als Gegensatz, sondern als Erweiterung handwerklicher Prozesse: Sie machen Qualitäten von Material und Tradition sichtbar und verbinden sie mit Innovation. © David Kratzer
Mit seinem Studio cera.LAB entwickelt der Architektur-Designer und Materialforscher Jan Contala digitale Werkzeuge, die wie eine Verlängerung der Hand funktionieren. So entstehen keramische Objekte zwischen Algorithmus und Zufall, zwischen architektonischem Denken und handwerklicher Intuition. Ob skulpturale Installationen wie Keratop, die Natur und Stadt versöhnen sollen, oder Alltagsobjekte, die Rituale neu erfahrbar machen: cera.LAB steht exemplarisch für die Renaissance eines uralten Materials im digitalen Zeitalter.

Unregelmäßig, kantig, irritierend: Der Ugly Cup fordert die Hand heraus und verwandelt den Akt des Trinkens in ein haptisches Experiment zwischen Balance und Überraschung. © David Kratzer
Keramik zwischen Handwerk und Digitalität
„Das Experiment ist zentral in meinem Gestaltungsprozess“, sagt Contala. Digitale Simulationen erlauben präzise Modellierungen und schnelle Variationen – „doch erst im physischen Material zeigen sich Struktur, Oberfläche und Verhalten.“ Dieses Wechselspiel beschreibt er als Motor seiner Arbeit: „Das Digitale schärft die Form, das Material die Realität.“ Seine ersten 3D-Druck-Tests sind ihm dabei bis heute präsent: „Im Modell war die Form perfekt, im Brennofen aber kollabierte sie völlig – genau in solchen Momenten zeigt sich die wahre Qualität des Experiments.“
Für Contala ist Handwerk die Basis, nicht der Gegenpol seiner digitalen Arbeit: „Handwerk verstehe ich als Zusammenspiel von Material, Werkzeug und Erfahrung.“ Digitale Tools seien keine Ersatztechnologien, sondern Erweiterungen. „Ton, Glasur und Brennprozess folgen weiterhin ihren Gesetzen – genau darin liegt die Nähe zum Handwerk.“ Erst dort, wo Präzision und Erfahrung aufeinandertreffen, entstehe Neues: „So wird das Handwerk nicht nur bewahrt, sondern weiterentwickelt – eine Evolution, die Tradition und Technologie verbindet.“

Skulpturale Ziegel aus dem 3D-Drucker: Keratop versteht Keramik als Katalysator für naturintegrierte Architektur – Bausteine, die Biodiversität und Mikroklimata in die Stadt zurückholen. © Max Schorch
Corona als Katalysator
Die Idee für cera.LAB entstand in der Pandemie. „Plötzlich waren die Universitätslabore geschlossen, Forschung und Experimente praktisch unmöglich – das war der Auslöser, eine eigene, unabhängige Forschungsstätte aufzubauen.“ Gleichzeitig spürte er, „wie Architektur durch Standardisierung und globale Bauteile ihre Nähe zum Handwerk verlor.“ Mit cera.LAB wollte er einen Gegenentwurf schaffen: „Ein Ort, an dem Planung und Fertigung eng verbunden sind, digitale Tools für lokale Prozesse genutzt werden und innerhalb eines Raumes vom Entwurf bis zum Prototyp alles möglich ist.“
Material als Medium
Wie konsequent sich diese Haltung umsetzen lässt, zeigen Projekte wie Another Ceramic Brick in the Wall. „Mit keramischem 3D-Druck haben wir Bausteine entwickelt, die nicht nur dekorativ sind, sondern aktiv Licht und Klima im Raum steuern.“ Keramik wird hier zum funktionalen Baustoff im architektonischen Maßstab – lokal produziert, individuell anpassbar, nachhaltig.
In der Forschungsreihe Keratop geht er einen Schritt weiter. „Maßgeschneiderte Keramikstrukturen schaffen lebendige Ökosysteme in der Stadt, fördern Biodiversität, unterstützen Mikroklimata und steigern das Wohlbefinden der Menschen.“ Statt nur zu bestehen, schaffen die Strukturen Lebensräume für Pflanzen und Tiere. „So entsteht ein architektonisches Biotop, das weniger durch seine Dauerhaftigkeit, sondern durch seine Fähigkeit überzeugt, ökologische Resilienz in Städten zu fördern.“
Ein Relief aus hexagonalen Keramikfliesen: Tundra übersetzt die Spuren von Frost und Zeit in eine subtile Landschaft, die die Wand zur topografischen Oberfläche macht. © David Kratzer
Vision einer lokalen Architektur
Materialexperimente werden aus Contalas Sicht in den kommenden Jahren eine Schlüsselrolle spielen: „Ökologische Verantwortung, technologische Innovation und kulturelle Identität müssen wieder stärker zusammenfinden.“ Hybride Prozesse – also die Kombination von digitaler Präzision und handwerklicher Nähe – könnten Architektur nachhaltig verändern. „Meine Vision ist, Architektur nicht länger als Produkt globaler Lieferketten zu verstehen, sondern als lokales, digitales Handwerk – innovativ, nachhaltig und ortsverbunden.“
Dass Keramik dabei an Schnittstellen zu Kunst, Forschung und Industrie immer neue Dimensionen eröffnet, ist für ihn selbstverständlich. „Spannend ist nicht, bestehende Formen zu kopieren, sondern solche zu entwickeln, die nur durch diese Technologie möglich sind.“

Alveo ist ein skulpturaler Tisch, in dem Keramik wie ein erstarrter Strom durch Glas aufsteigt – inspiriert von Blasen und zellularem Wachstum, eingefroren zwischen Luft, Erde und Zeit. © David Kratzer
Vom Alltag bis zur Architektur
Diese Haltung übersetzt Contala auch in den Alltag. „Selbst eine Espressotasse wird bei mir zur Versuchsfläche.“ Kleine Objekte bieten für ihn die Möglichkeit, haptische Qualitäten zu erkunden und Formen zu entwickeln, „die nur durch digitale Prozesse möglich sind.“ Iteratives Arbeiten – Prototyping, Testen, Anpassen – bleibe in jedem Maßstab zentral.
Dabei setzt er auf Kooperationen: „Ich arbeite bevorzugt mit keramischen Handwerksbetrieben zusammen – ihr Wissen über Material und Verarbeitung ist unverzichtbar.“ Ergänzend sucht er die Nähe zur Forschung, um neue Technologien systematisch zu erproben. Und er hofft auf Partnerschaften mit mutigen Architekturbüros, „die gemeinsam Pionierarbeit leisten wollen – von exklusiven Designserien bis hin zu architektonischen Wandgestaltungen mit 3D-Reliefs.“
So schließt sich der Kreis: Von großmaßstäblichen Stadtbiotopen bis zur Espressotasse – bei cera.LAB wird Keramik zum Medium für Experimente, das Handwerk und Technologie, Alltag und Architektur miteinander verschränkt. Und wer in Innsbruck beim Flat White im Unbound Coffee Shop den schlichten Becher in der Hand hält, spürt genau diesen Anspruch: dass Keramik nicht nur Form ist, sondern Haltung – zeitgenössisch, sinnlich und voller Zukunftspotenzial.
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