Modern Times

17. August 2011 Mehr

Modern Times

Die Möglichkeiten der Steuerung und Programmierung von Beleuchtungsanlagen haben sich in den vergangenen Jahren dank elektronischer Betriebsgeräte und digitaler Technik enorm weiterentwickelt. Was im Objektbereich wirklich Sinn macht – von tageslichtabhängiger Steuerung über die per Knopfdruck abrufbaren Szenarien – wird zunehmend auch im privaten Bereich verbaut.

(c) podpod design

Bedeuten diese Möglichkeiten eine Erleichterung, oder sind die Nutzer damit generell überfordert? Wie kann man eine Überforderung des Betreibers, aber auch des Nutzers verhindern? Auch im Office-Bereich trägt eine möglichst einfache Steuerung nur eines (Beleuchtungsstärke auf der Arbeitsfläche) oder einiger weniger Parameter (Hintergrundbeleuchtung, Balance von Direkt- und Indirektbeleuchtung, Farbtemperaturabstimmung etc.) zur besseren Annahme durch die Nutzer bei.

Szene 1

… nähert sich dem Haus, die Garage öffnet automatisch, die Heizung wird hochgefahren und das Backrohr vorgewärmt …

Szene 2

… das Licht geht an, auf Knopfdruck springt dem hungrigen Morgenmuffel der Toast entgegen, die soeben eingegangenen E-Mails werden so wie der aktuelle Wetterbericht und die Verkehrsmeldungen auf dem OLED-Display am Kühlschrank angezeigt, die automatisch generierte Einkaufsliste und der Terminplan des Tages folgen …

Szene 3

… die Überwachungskamera speichert alles, was sich im und ums Haus bewegt, digital und sichert, es in die Wolke, die Nanny im virtuellen Auge, der potenzielle Einbrecher kann blitzschnell identifiziert und die Polizei gerufen werden …

(c) Andreas Luksch TPAL

Fiktion und Realität

Wir staunten, als Jaques Tati das voll automatisierte Haus seines Bruders ins Chaos stürzte, oder Menschen nur geduldet sind in einer kontrollierten rundgesteuerten Welt wie in Blade Runner oder The Fifth Element … Das Nahverhältnis zwischen Mensch und automatisierter Umwelt ist schon seit jeher anregend für die Fantasie visionärer Filmemacher.
Vieles, was vor Jahrzehnten noch als Science-Fiction dem Kino vorbehalten war, hat sich inzwischen als Standard im gehobenen Bereich durchgesetzt: Die Hausherrin regelt per Smartphone noch vom Urlaub aus die Heizung hinauf, gerade rechtzeitig, bevor die Familie aus den Tropen in das winterliche Klima heimkehrt. Alltagsnahe Lichtszenen, TV-Muster imitierende LED-Leuchten oder zufallsgesteuert abgespielte Samples menschlicher Stimmen gaukeln potenziellen Einbrechern während des Urlaubs vor, dass die Wohnung nicht unbeaufsichtigt ist – alles im Griff, alles läuft automatisch, programmierbar, die Katze wird vom Futterspender versorgt, nur für den Hund muss noch ein Hundehotel gebucht werden.

Die Heizung vom Urlaub aus hochzufahren mag ja praktisch sein, aber ob man sich das Dutzend Schaltszenarien merkt, die man nach ein paar Tagen vergessen hat, weil man sie nie verwendet? Es führt genauso wie die 35. Fernbedienung am Couchtisch in den meisten Fällen eher in Richtung Frustration denn Zufriedenheit. Außer man schafft es, die Benutzeroberfläche so einfach und übersichtlich zu gestalten, dass intuitiv auch für Gäste erkennbar ist, wie das System funktioniert. Ebenso in Hotels besteht die Herausforderung darin, die Bedienung der Schaltszenarien möglichst intuitiv zu gestalten, da es für jedermann einfach nachvollziehbar sein muss. 

(c) Andreas Luksch TPAL

Dies bedeutet auch für private Bauherren, sich die Frage zu stellen, ob die Mehrinvestition in die Steuerungstechnik ihres Wohnraumes sinnvoll ist. Besonders bei aufwendig gestalteten Lichtplanungen ist es von großem Vorteil, Lichtstimmungen vorzuprogrammieren und einfach abrufen zu können. Dabei sollte man sich auf einige wenige globale Szenen beschränken: eine helle Atmosphäre, das Licht zum Speisen, ein stimmungsvolles Ambiente für das gemütliche Beisammensein, nächtliche Minimalbeleuchtung, alles aus – vielleicht auch eine Nachtfreischaltung. Dazu muss in jedem einzelnen Raum zusätzlich die Möglichkeit einer einfach zu bedienenden lokalen Schaltung bzw. Dimmung bestehen.

Human Interface

Der Knackpunkt ist oft die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik, das gilt teils auch für den Objektbereich, vor allem aber im privaten Umfeld. Nicht selten teilt sich ein Technikfreak mit einem analog veranlagten Typ das Heim, was gerne zu hitzigen Grundsatzdiskussionen führt. Lösbar ist das Problem, wenn sich einer um die Programmierung kümmert, während der andere einer möglichst einfachen Bedienoberfläche gegenüberstehen sollte.

(c) podpod design

Facility Management

Im Objektbereich ist heute intelligente Steuerungstechnik – kombiniert mit Tageslicht- und Anwesenheitssensoren – ein Muss für den wirtschaftlich denkenden Bauherrn und Betreiber. Angesichts der steigenden Energiekosten steckt darin ein enormes Einsparungspotenzial. Die Programmierung sollte, einmal erarbeitet und eingespeichert, im laufenden Betrieb wenig Aufwand erfordern.
Bei der Arbeitsplatzbeleuchtung im Office wird programmiertechnisch in der Regel ein auf Energieeffizienz optimierter zeitlicher und räumlicher Raster vorgegeben. Doch für den Benutzer ist es wichtig, auch direkt in die Beleuchtungsszenarien seines persönlichen Arbeitsumfeldes eingreifen zu können – sei es die individuelle Regelung des Lichtniveaus oder die Änderung der Farbtemperatur – um auch individuelle Befindlichkeiten zu berücksichtigen zu können, was sich positiv auf das Wohlbefinden und somit auch auf die Arbeitsleistung auswirkt.
Bei Geschäften wiederum sollte es für die Auslagenbeleuchtung Abstufungen der Beleuchtungsstärke geben, dass ab Dämmerung bis etwa 21 Uhr ein höheres Lichtniveau möglich ist, aber danach auf eine minimale Beleuchtungsstärke geschaltet wird, um Energie einzusparen und die Lichtimmision im städtischen Raum zu reduzieren.  

Futurama

In welche Richtung die Entwicklung in Zukunft gehen wird, lässt sich nur vermuten. Ohne Zweifel wird sich die zugrunde liegende Technologie immer weiter verfeinern und intelligenter werden. Systeme, welche die Verhaltensmuster der Hausbewohner erlernen (und dabei verschiedene Personen unterscheiden können); Systeme, die unmerklich im Hintergrund tätig sind, sprach- und gestengesteuert, aber auch ganz konventionell mit Tastern bedient werden können.
Doch nur wenn die Bedienung dieser Systeme frustrations- und irritationsfrei funktioniert, werden diese vom Nutzer angenommen und ein Erfolg. Deshalb sollte bei der Entwicklung der Fokus weniger darauf gelegt werden, WAS gemacht werden kann, sondern WIE etwas gemacht wird. Der kalifornische Computerhersteller mit dem fruchtigen Logo hat es ja schon vorgemacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Tags: , , , , , , , , , ,

Kategorie: Licht

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen