Der Jagdhund – verfallene Architektur neu designt

4. Dezember 2019 Mehr

Der Jagdhund – verfallene Architektur neu designt

Das Reskate Arts & Crafts Collective will mit seinen Interventionen im öffentlichen Raum die Frage nach der Qualität und dem Wert von Objekten und Raum stellen. Ein Mitglied des Kollektivs, Javier de Riba, hat das bereits eindrucksvoll mit seinen in verfallenen Architekturen, wie der Jagdhund in Wien, aufgemalten Fliesenoberfächen realisiert.

 

Jagdhund

Jagdund

 

Ihre neuesten Arbeiten bezeichnen sie mit „Harreman“, einer Wortkomposition aus der baskischen Sprache. Sie besteht aus den Worten HARTU (bekommen) und EMAN (geben). Die Projekte beziehen sich auf die Erinnerung und die Etymologie der Sprache, aber immer mit einem gelegentlichen, ironischen Seitenhieb. Die Malereien sind durch die Anwendung von fotoluminiszenter (lang nachleuchtender) Farbe gekennzeichnet und erlauben ein mehrdeutiges Lesen der Arbeiten. Durch die Verwendung von Licht wird der Betrachter zum aktiven Teilnehmer der Installation. Er interagiert mit dem Bild und erzeugt so seine eigenen Antworten.
Die Intention der Arbeiten ist es, Licht in die dunklen Ecken von Städten zu bringen, indem ein neues Licht, eine neue Betrachtungsweise von eingefahrenen Wegen ermöglicht wird und die Bürger dazu ermuntert werden, mit Licht selbst auf den Wandflächen zu malen. Jeder Lichtstrahl in der Nacht bringt neue, bei Tageslicht unsichtbare Aussagen und Bilder zum Vorschein.

 

Jagdhund

Jagdhund in Wien

 

In Wien gibt es einige „Schandflecke“ in der Stadtgestaltung. Einer der größten „Aufreger“ der letzten Zeit ist sicherlich am Karls­platz zu finden. Und zwar im Komplex des sogenannten Winterthurgebäudes, errichtet und geplant von Architekt Georg Lippert in den 70er Jahren. 2016 kursierten die ersten Pläne zu einer Aufstockung des Bauwerkes, das sicher nicht zu den besten von Architekt Lippert zählt und nach heutiger Ansicht eher als banal zu bezeichnen wäre. Ganz abgesehen davon, dass man heute nie so nahe an die Karlskirche heranbauen dürfte. Anschließend befindet sich das, ebenfalls wegen seiner Rekonstruktion und Umgestaltung, heftig diskutierte Wien Museum von Oswald Haerdtl. Seine Rückseite, mit der in den oberen Ebenen sichtbaren, großen Glasüberdeckung des Mittelteiles, flankiert die Maderstraße hinter der Karlskirche. Hier hat nun das Künstlerkollektiv Reskate am linken Teil des Museumsgebäudes eine interessante Installation angebracht.

Bei der Arbeit ist bei Tag eine weiße Hundesilhouette auf grafitgrauem Hintergrund sichtbar. Die Bezeichnung des Kunstwerkes „Domestication“ ist zweideutig, genauso wie seine Ausführung. Sie löst sozusagen die Haut, die Oberfläche von Gebäuden ab, um die Wahrnehmung des jeweiligen Raumes zu verändern. Es ist das Bild der Tiroler Bracke, eine Züchtung für Jagdzwecke aus Tirol. Dieser Jagdhund, der hauptsächlich für die Fuchsjagd trainiert und eingesetzt wird, jagt normalerweise alleine, er ist als Einzelgänger bekannt. Sein Instinkt ist von den Menschen in der Geschichte immer für deren eigenen Profit benutzt worden. Und so wird durch die, bei Licht zum Leuchten gebrachte, fotoluminiszente Farbe im Inneren des Umrisses der Tiroler Bracke in der Nacht das Bild eines mit dem Fuchs kämpfenden Hundes sichtbar. Ob das wohl eine Anspielung auf die fragwürdigen, geplanten Bautätigkeiten an diesen beiden architektonischen Projekten sein soll, auf den Jagdinstinkt der Immobilieninvestoren?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Auslöschung des „Eubalena Glacialis“, einer bis zu 18 m großen Art der Glattwale, im nördlichen Atlantik durch den kommerziellen Fischfang, veranlasste die Basken nach neuen Fischgründen zu suchen. So entstanden neue Sprachvariationen wie Baskisch-Isländisch oder Baskisch-Algonquinisch. Eine Intervention am Patxa Platz in Bayonne, Frankreich – hier treffen Einheimische und Besucher aufeinander – zelebriert und fördert die ursprüngliche, baskische Kultur.

Die Künstler waren auch in China, und zwar in Shenzhen am Werk. Hier nennen sie ihre Arbeit bezeichnenderweise „Connectivity“. Das ursprüngliche alte Fischerdorf ist in den letzten 40 Jahren von 30.000 auf zwölf Millionen Einwohner angewachsen und zum Mittelpunkt der chinesischen Mobilfunktechnologie geworden. Reskate hinterfragen hier mit ihrem Wandbild die Sinnhaftigkeit und Rolle der sozialen Netzwerke. Sie sind ein Werkzeug, das verbindet und trennt zur selben Zeit. Globalisierung und Konnektivität bieten große Vorteile, gleichzeitig sind sie auch ein Weg der Kontrolle. Reskate betrachtete es als einen ironischen „Zufall“, dass sie während ihres Aufenthaltes in China keinen Zugriff auf die, für sie üblichen sozialen Netzwerke hatten. Diese Einschränkung empfanden sie gleichzeitig aber als befreiend.

 

 

 

 

 

 

 

 

Text:©Peter Reischer

Fotos:©Javier da Riba, Reskate Arts & Crafts Collective

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Kategorie: Start

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