Bergeron Centre for Engineering Excellence

25. April 2016 Mehr

Die neue Lernlandschaft.
The Bergeron Centre for Engineering Excellence / North York / ZAS Architects

Wie ein Schutzschild wölbt sich die mit mosaikartigen, nach Algorithmen aufgeteilten, Metallplatten versehene Fassade um das Gebäude. In der Mitte hebt sie sich wie ein Augenlid etwas empor, um einen Blick auf das Innere der Lernlandschaft frei zugeben. Ein Ort, der Kreativität und Innovation fördern soll, wurde hier, in North York, einem Bezirk von Toronto/Kanada von ZAS Architects geschaffen.

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Die Architektur beherbergt die Lassonde School of Engineering, sie ist Teil der York University, der drittgrößten Uni in Kanada mit 55.000 Studenten. Am Rand des Uni-Campus in Toronto gelegen, überblickt der Bau – auf einem ehemaligen Parkplatz errichtet – einen kleinen Teich. Das fünfgeschossige, annähernd eiförmige Gebäude beinhaltet Lernräume, Labors und Büros. Es ist ein Gebäude innerhalb eines Gebäudes – aber trotzdem sichtbar: geschützt vor Lärm, Widerhall und Staub.
Aber schon sein Name – Bergeron Centre for Engineering Excellence – macht deutlich, dass hier eine besondere architektonische und inhaltliche Aufgabe zu erfüllen war und auch wurde: Ein auf die Studierenden zugeschnittenes Design und eine innere Struktur, die eine Herausforderung an traditionelle Unterrichtsmethoden darstellt, sind hier verwirklicht worden. Man hat sozusagen, Barrieren in der ingenieurwissenschaftlichen und technischen Ausbildung durchbrochen.

Als Drehkreuz für Unternehmertum, Kollaboration und Kreativität richtet sich die Architektur ganz auf die Verstärkung der Ausbildung und stellt eine Plattform für eine neue Generation von Ingenieuren dar, die sogenannten „Renaissance-Ingenieure“. Sie sind erfinderisch, haben wirtschaftliche Führungsqualitäten und ein soziales Gewissen. Die komplette Verschmelzung von Technik und Architektur brachte einen Entwurf zustande, der komplett auf die üblichen Hörsäle verzichtet und auch weniger Klassenzimmer benötigt, dafür eine projektbezogene Lernumgebung bietet. Studenten, Lehrkörper und Bedienstete sind im ganzen Gebäude gleichberechtigt, nahtlos verzahnt und verbunden. Indem man die üblichen Strukturen auf den Kopf stellte, haben nun die Studenten den besten Zugang und die hellsten Plätze zur Verfügung, während die Bürobereiche im Herz des Gebäudes lokalisiert sind. Durch das Niederreißen dieser Schranken entstehen spontane Situationen für studentische Interaktionen und Kommunikation in den reichlich vorhandenen sozialen Bereichen.

Auf rund 17.500 m2 befindet sich auf fünf Geschossen verteilt eine Lernlandschaft. Die ersten zwei oberirdischen Ebenen sind hinter der Glasfassade als Atrium ausgebildet. Einige Meter zurückgesetzt befindet sich im ersten OG eine weitere Glasfront – sie bietet Schutz für die Lernzonen gegen das Atrium hin. Vor der äußeren Glasfassade ist vorgehängt die o. e., aus ca. 9.000 Stück dreieckiger Metallteile zusammengesetzte, zweite Haut des Gebäudes. Wie man auch aus den Studien der Architekten ersehen kann, war das optische Bild einer Wolke der Ausgangspunkt. Danach wurde die Fassade in einem Algorithmus aus Dreiecken aufgelöst und bestimmte Kombinationen als Öffnungen mit Verglasung ausgebildet. Sie geben den oberen Ebenen des Baus genügend Tageslicht. Die Metallhaut zeigt nach außen – durch leicht unterschiedliche und im Licht changierende Oberflächen –ein sehr vielfältiges Bild, das durchaus als Referenz an die innere Struktur verstanden werden darf.

Im Inneren der Wolke sind die üblichen Reihen von Schreibtischen und Vortragssäle durch aktive Lernbereiche ersetzt. Eine mehrgeschosshohe Möglichkeit zum Testen von Materialien gibt den Studenten einen noch nie da gewesenen Zugang zum Lernen und Erproben. Etwas, das früher nur Technikern in der Realität des wirklichen Lebens möglich war. Dieses Labor ist teilweise unterirdisch und von einem Hof aus, sowie von Oberlichten belichtet. Soziale Zonen sind wohlüberlegt und benachbart um Forschungs- und Lehrbereiche angeordnet – sie unterstützen die Querbefruchtung von Ideen zwischen Studierenden und Lehrenden. Studentenlounges und Erholungszonen sind mit hochwertigen Möbeln und Materialien ausgestattet und sogar die Gänge sind zu kreativen Bereichen geworden, kleine Nischen, Sitzgelegenheiten und „White Boards“ ermuntern überall zum Austausch, spontaner Kritik, Diskussion und Brainstorming. In den aktiven Lernzonen ist die audiovisuelle Ausstattung auf dem letzten Stand der Technik, überall gibt es riesige interaktive Screens.

Es gibt durchaus noch andere bemerkenswerte Features dieses Lernortes: Er ist die erste Institution in Kanada, die sich einer gendermäßigen 50/50 Balance rühmen darf. Der sogenannte „Anarchist Club“ ist eine Zone, in die der Lehrkörper nur nach einer Einladung durch die Studenten eintreten darf und das gesamte Bauwerk scheint – wie eine Wolke des Wissens – über der Landschaft zu schweben. Die Architektur steht als Leuchtturm für Innovation am äußeren Ring des Campus und ist über den ganzen Universitätsbereich zu sehen. Das Bergeron Centre repräsentiert eine unbeschränkte Kreativität und steht für die Prinzipien der Renaissance – Innovation und Nonkonformität.

The Bergeron Centre for Engineering Excellence
North York, Kanada

Bauherr: York University, Lassonde School of Engineering
Planung: ZAS Architects + Interiors
Statik: ARUP Canada
Grundstücksfläche: 16.878 m2
Bebaute Fläche: 15.752 m2
Nutzfläche: 10.130 m2
Planungsbeginn: 06/2012
Bauzeit: 04/2014 – 10/2015
Fertigstellung: 03/2016
Baukosten: 73 Mio Euro

Fotos: ©Doublespace Photography
Text: Peter Reischer

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Kategorie: Projekte

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