Das Phantom der Oberamtei

29. Oktober 2026 Mehr

Es ist ein Gebäude und doch keins, sagen Wulf Architekten über ihren Neubau in der Altstadt von Reutlingen. Die innere Struktur besteht aus einem Fachwerk, das das Steinerne Haus, das hier einst stand, nachbildet und die angrenzende Häuserzeile abstützt. Von außen zeigt sich die Holzkonstruktion durch die Gussglasziegel nur schemenhaft, beim Betreten wird das Fachwerk zum immersiven Raumerlebnis.

 

 

Wer die Oberamteistraße in Reutlingen entlanggeht, erlebt über 700 Jahre Stadt- und Baugeschichte. Eine der ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen Süddeutschlands ist hier als Museum zusammengeschlossen, an dessen Kopf ein neuer Baukörper fast unwirklich in Erscheinung tritt. Eine homogene Hülle aus Glasziegeln umreißt das verlorene Volumen des sogenannten Steinernen Hauses. Das historische Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert war Anfang der 1970er-Jahre abgerissen worden – mit verheerenden Folgen für die Nachbarschaft: Das herrschaftliche Gebäude der Oberamtei, einst Sitz des württembergischen Verwaltungsbezirks, verlor das stabilisierende Gegengewicht und geriet, ebenso wie die angrenzenden Bürgerhäuser, in eine bedrohliche Schieflage.

 

 

Ein Haus ohne Nutzen

Wo jahrzehntelang eine Wunde im Stadtgefüge klaffte und provisorische Rüsthölzer die mittelalterliche Bausubstanz nur notdürftig absicherten, haben Wulf Architekten einen transluzenten Neubau eingefügt. Ein Gebäude, das sich dem Betrachter nicht auf Anhieb erschließt und keine greifbare Typologie aufweist. Das war auch der Grund, warum das Projekt von Anfang an polarisierte, sowohl im Stadtrat als auch in der Bevölkerung. „Ein ‚leeres‘ Haus ohne verwertbaren Nutzen war für viele unvorstellbar. Wir brauchten Befürworter mit Weitsicht“, erinnert sich Architekt Tobias Wulf an die schwierige Anfangsphase. Die wichtigsten Fürsprecher kamen schließlich von der Stadtspitze selbst – sowohl die damalige Baudezernentin als auch der Oberbürgermeister setzten sich für das „Phantomhaus“ ein.

Sie haben wohl erkannt, welchen Beitrag das Gebäude nicht nur städtebaulich und konstruktiv, sondern auch kulturell leistet. Während das Steinerne Haus langsam in der Erinnerung der Zeitzeugen verblasst, haben es die Planer mit dem halbtransparenten Baukörper in das kollektive Gedächtnis zurückgeholt und wie eine schemenhafte Reminiszenz inszeniert. Anstatt seine Fassade historisierend zu rekonstruieren, wählten die Planer einen konstruktiven Ansatz. Sie leiteten aus den strukturellen Schwächen des benachbarten Fachwerkhauses ein raumgreifendes Holzfachwerk ab.

 

 

Das Tragwerk als begehbare Skulptur

Dieses komplexe Tragwerk aus heimischer Weißtanne wurde parametrisch entwickelt und bildet das einstige Eckhaus als reines Raumgerüst nach, ganz ohne Wände und Decken. An der Nordostseite, wo es an die Oberamtei andockt, verdichtet sich die Struktur zu einem prismaförmigen Stützbock. Dabei überträgt das Raumfachwerk die Schubkräfte und die Vertikallasten auf eine Stahlbetonplatte, die auf den Außenwänden des Untergeschosses auflagert und den historischen Keller somit nicht beeinträchtigt. Der skulpturale Effekt, den das Tragwerk entfaltet, habe sich laut Wulf allein aus den statischen Anforderungen entwickelt. „Schließlich mussten dadurch die Nachbarbauten vor dem Umkippen bewahrt und das Fehlen von aussteifenden Zwischendecken kompensiert werden.“

Die Bauteile der primären Tragstruktur haben einheitliche Querschnitte von 20 mal 20 Zentimetern und bilden ein komplexes Geflecht aus Dreiecken und Rauten. Zusammengehalten wird es von insgesamt 267 individuell gefertigten Knotenpunkten. Knaggen aus hochfester Baubuche verbinden die Hölzer kraft- und formschlüssig, während lösbare Schraubverbindungen dafür sorgen, dass das gesamte Tragwerk vollständig rückbaubar und kreislauffähig ist.

 

 

Immersives Erleben einer Bauweise

Beim Betreten tut sich den Besuchern ein 20 Meter hoher Luftraum auf, der von dieser dreidimensionalen Konstruktion wie ein organisches Geflecht durchzogen ist. Das Licht fällt weich durch die tausenden Glasschindeln, wandert im Tagesverlauf über die hellen Oberflächen der Weißtanne und erzeugt eine sphärische Ruhe. Das stattliche Volumen kommt fast ohne feste Einbauten aus; lediglich eine schlichte Holztreppe und ein integrierter Aufzug erschließen den Raum in der Vertikalen und verbinden die Ebenen des Häusermuseums barrierefrei miteinander.

So nutzwertbefreit wie anfangs befürchtet ist das „Phantom“ nicht. Neben seiner statischen Stützfunktion und dieser barrierefreien Wegeführung übernimmt das Gebäude noch eine weitere konkrete Aufgabe: Es dient der Stadt als Veranstaltungsraum, in dem immer wieder Lesungen und temporäre Ausstellungen stattfinden. Für das Museum Historische Oberamteistraße ist das monumentale Holztragwerk außerdem eine neue visuelle Attraktion: Es macht das Fachwerk für die Museumsbesucher zum immersiven Raumerlebnis.

 

 

Eine Haut aus gläsernen Schindeln

So exponiert sich die Holzstruktur im Inneren zeigt, so geheimnisvoll entzieht sie sich dem Blick von außen. Der gesamte Baukörper – vom Sockel über die geneigten Fassaden bis hin zum First – ist von einer homogenen Hülle aus über 28.000 Gussglasziegeln umgeben. „Wir wollten ein schimmerndes, transluzentes und halbtransparentes Erscheinungsbild, das die Verschwommenheit einer weit zurückliegenden Erinnerung widerspiegelt. Die vertraute Form des Biberschwanzziegels spielt auf den historischen Kontext an“, beschreibt Wulf das verfremdete, aber dennoch in der Baukultur verankerte Hüllmaterial. Gläserne Dachziegel setzte man früher in kleiner Zahl ein, um Dachböden notdürftig zu belichten. Mit La Rochère, Frankreichs ältester Kristallglasfabrik, fand man schließlich einen Betrieb, der die erforderliche Menge für den Neubau gießen konnte.

Da die Dachflächen aufgrund des unregelmäßigen Grundrisses sattelförmig geschwungen sind, schmiegen sich die Glasziegel in sanften Krümmungen an das Holztragwerk. Runde Abstandshalter aus Eichenholz, die mit speziell entwickelten Doppel-Stockschrauben verankert sind, halten die Glaslagen auf Distanz. Dies garantiert eine ständige Hinterlüftung und verhindert thermische Spannungen sowie den gefährlichen Lupeneffekt, wie er bei gegossenen Glaselementen auftreten kann. Auf der Innenseite der Ziegel ist ein Splitterschutzlack aufgetragen, der für die nötige Sicherheit über den Köpfen der Besucher sorgt.

 

 

Architektur mit vielen Gesichtern

Je nach Sonnenstand, Tageszeit und Lichtbrechung verändert das Gebäude sein äußeres Antlitz: Mal zeigt es sich als metallisch geschuppter, undurchdringlicher Körper, mal scheint das hölzerne Fachwerk schemenhaft durch die gläserne Hülle. Und fällt die Sonne direkt auf das Haus, dann zeichnet sich die Tragstruktur messerscharf hinter der Fassade ab. Was die geheimnisvolle Aura des „Gläsernen Hauses“ zusätzlich verstärkt, ist seine beinah hermetische Geschlossenheit. Nach einem Eingang oder Fensteröffnungen sucht man vergebens. Lediglich eine Tapetentür bildet den vorgeschriebenen Notausgang. Das Museum betritt man stattdessen am historischen Durchgang zum Garten, der hinter den denkmalgeschützten Fachwerkbauten liegt.

 

 

Auffallend konsequent zeigt sich das Projekt auch beim Thema Haustechnik: Der Neubau besitzt weder eine Dämmung noch eine mechanische Klimatisierung. Die Fugen zwischen den verlegten Glasschindeln sorgen für einen permanenten, natürlichen Luftaustausch, der ganz ohne Technik auskommt. Sogar bei sommerlichen Hitzeperioden bleibt es im Gebäude angenehm kühl, da der historische Keller mit Stampflehmboden und Gewölbe wie ein Kältespeicher fungiert. Im Winter erwärmt sich der Innenraum über Sonneneinstrahlung und die beheizten Sitzstufen zum Keller. Der ungedämmte Raum nutzt somit seine thermische Masse und die natürliche Durchströmbarkeit der Hülle, um das Klima passiv zu regulieren.

Nach den anfänglichen Zweifeln hat sich der Museumsneubau mittlerweile als sogenannter Dritter Ort etabliert. Durch den besucherfreundlichen Eintritt auf Spendenbasis wird den Menschen ein nicht-kommerzieller Raum geboten, der neue Möglichkeiten der Begegnung schafft. Wulf Architekten haben bewiesen, dass man sich mit dem historischen Erbe durchaus provokativ auseinandersetzen und dennoch einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen kann. Die Reutlinger Altstadt hat ein Stück Architektur bekommen, das raumgewordene Erinnerung an das Vergangene und ein radikal zeitgemäßes Statement der Gegenwart ist.

 

 

Museum Historische Oberamteistraße
Reutlingen, Deutschland

Bauherr: Stadt Reutlingen
Architektur: wulf architekten gmbh
Tragwerksplanung: str.ucture GmbH
Holzbau: Holzbau Amann GmbH
Projektsteuerung: Hitzler Ingenieure

Nutzfläche: 338 m²
Planungsbeginn: 2018
Fertigstellung: 2025

www.wulfarchitekten.com

 

Kategorie: Projekte