Der Stoff, aus dem die Hallen sind

11. Juni 2026 Mehr

Textildächer kannte man bislang hauptsächlich für den Sonnenschutz im Außenbereich. Dass sie auch gebäudefähig sind, zeigt ein neues Sport- und Kulturzentrum in der Bretagne. Durch die Aufteilung in zwei Volumen konnten Bauweise und Gebäudetechnik den jeweiligen Funktionen angepasst werden. Die stoffbespannte Holzkonstruktion basiert auf einer ausgetüftelten Geometrie, die viel Raum mit wenig Material schafft.

 

 

Hinter den Wohnhäusern von La Bouëxière, einer Gemeinde in der Bretagne, ragen seit kurzem vier weiße Spitzen in die Höhe. Sie sind zwischen 13 und 28 Meter hoch und gehören zum markanten Dach des neuen Sport- und Kulturzentrums, das von weithin sichtbar ist und einen blinden Fleck der Stadtplanung füllt. Die mit einer Textilmembran bespannte Struktur hält sich untertags im Hintergrund und bildet einen leeren Canvas, vor dem sich das kleinstädtische Leben abspielt.

Der Neubau nach den Plänen des 2006 in Barcelona gegründeten Büros Onze04 Architectes ist zuallererst eine städtebauliche Intervention. Die Architekten verlegten die im Flächennutzungsplan vorgesehene Wegführung und schafften so eine neue Achse, die zwei bestehende Freizeiteinrichtungen mit dem neuen Zentrum verbindet und an das dahinterliegende Wohngebiet anschließt. Auf diese Weise ist ein neuer Freizeit-Hub entstanden, der sich den Bewohnern auf natürliche Weise erschließt.

 

 

Zwei Volumen, zwei Bauweisen

Die geschaffene Erschließungsachse führt mitten durch das neue Gebäude und teilt es in zwei konträre Volumen. Der Nutzungsbedarf, den die Kommunalverwaltung mit dem Neubau abdecken wollte, war sehr umfassend und komplex. Auf der einen Seite sollten hier überregionale Sportturniere und kulturelle Großveranstaltungen stattfinden, auf der anderen Seite wollte man auch ein Raumangebot für Sportvereine und private Trainingsmöglichkeiten schaffen. „Diese unterschiedlichen Anforderungen führten zur Entwicklung zweier Baukörper mit jeweils eigener Konstruktionslogik: einer großen, nicht permanent beheizten Mehrzweckhalle, die mit einer Textilmembran überzogen ist, und eines kompakten Betonbaukörpers, der für bestimmte Aktivitäten einen stabilen thermischen Komfort bietet“, erläutert der leitende Architekt Gustavo Silva-Nicoletti das Konzept.

 

 

Der südliche Teil des zweigeteilten Ensembles ist nach der berühmten Tänzerin der 1920er-Jahre, Josephine Baker, benannt und beherbergt einen Tanzsaal, Squash-Courts und einen Fitnessraum. Da diese Sportarten ganzjährig konstante Temperaturen erfordern, ist der Baukörper entsprechend komprimiert und auf Energieeffizienz getrimmt. Der Teil des Gebäudes, in dem sich die Umkleiden und die Technik befinden, ragt als generischer Sockel in die Halle hinein und bildet dort eine Tribüne mit 600 Sitzplätzen aus. Über einen Biomassekessel wird der Betonbau mit Warmwasser und Heizung versorgt. An den kältesten Tagen, die im sehr gemäßigten Winter der Bretagne die Null-Grad-Grenze nur selten unterschreiten, sorgen Heizung und Infrarot-Paneele auch in der multifunktionalen Halle für eine angenehme Betriebstemperatur.

Das restliche Jahr über kommt die nördliche, um ein Vielfaches größere Kubatur ganz ohne Heizung aus. Der Name der Halle liefert auch in diesem Fall einen Hinweis auf die ausgeübte Sportart. Benannt nach der olympischen Ausnahme-Athletin Marie-José ­Perec, die in den 1990er-Jahren den Langsprint dominierte, sind hier all jene Sportarten untergebracht, die zwar Witterungsschutz, aber nicht allzu viel Klimatisierung erfordern.

 

 

Viel Raum mit wenig Material

Die Stofffassade hat von außen die Anmutung von straff gespannten Segeln und kommt im Gegensatz zum gedrungenen Flachbau sehr luftig daher. Die Bauweise basiert auf einer Brettschichtholz-Kon­struktion, die an einem zentralen Fachwerkträger aus Stahl aufgespannt ist. Die gebogenen Leimbinder bilden im Inneren einen imaginären Schiffsrumpf, der über den Sportflächen zu schweben scheint. Im Austüfteln der exakten Geometrie des vierfach gekrümmten Daches lag laut Gustavo Silva-Nicoletti die größte Herausforderung des Bauprojekts: „Die Dachform basiert auf Kettenlinien mit einer leichten zentralen Krümmung, wodurch eine gleichmäßige Spannung über die gesamte Membran erzielt wird.“

Mit sogenannten Kettenlinien-Strukturen lassen sich im Holzbau expressive Kubaturen und hocheffiziente Tragwerke schaffen. Sie folgen der Form einer frei hängenden Kette und nutzen die elastomechanischen Eigenschaften von Holz optimal aus, um weitgespannte Räume mit einem Minimum an Material zu schaffen. Diese Raffinesse der Lastabtragung nutzte bereits Frei Otto, der Großmeister der Freiformkonstruktionen. Vor knapp 40 Jahren konstruierte er für den deutschen Möbelhersteller Wilkhahn zwei Zeltdach-Pavillons, die bis heute als ingenieurtechnische Meisterleistung und als Inbegriff für eine humanisierte Fabriksarchitektur gelten. Während der visionäre Bauingenieur physische Modelle wie Seifenblasen nutzte, um seine Tragwerke zu berechnen, übernehmen das heute die Algorithmen der digitalen Planungswerkzeuge.

 

 

Frankreich setzt auf Holzbau

Weniger Massiv- und mehr Leichtbau senkt den Bedarf an Rohstoffen und gilt heute als Schlüssel für die Bauwende. Auch Frankreich setzt auf diese Strategie und nutzt Holz als zentralen Hebel für die Dekarbonisierung des Bausektors. Seit 2022 ist eine der weltweit strengsten Umweltverordnungen in Kraft, die unter anderem vorschreibt, dass alle öffentlichen Neubauten zu mindestens 50 Prozent aus Holz oder anderen biobasierten Baustoffen bestehen müssen.

Laut dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik können innovative Leichtbauweisen den Materialbedarf um mehr als 40 Prozent senken. Und weniger Material bedeutet auch weniger graue Energie. Potenzial für den Membranbau in der zeitgenössischen Architektur sieht Silva-Nicoletti auch abseits von Sportanlagen: von überdachten Märkten bis hin zu großen Konzerthallen. Aber auch in der Katastrophenhilfe können mobile Unterkünfte und Krankenhäuser von seinem geringen Transportgewicht profitieren.

 

 

Eine Form, die kühlt

Derartige Sporthallen, die auf einer textil bespannten Leichtkonstruktion aus Holz basieren, sind in der Bretagne nichts Neues. Sie sind nicht nur schnell gebaut und gut in der Ökobilanz, sie erzielen dabei auch enorme Spannweiten von über 80 Metern. Sportarten, die sonst nur im Freien stattfinden, können so das ganze Jahr über ausgeübt werden. „Kritisch wird es in der Regel nur im Sommer, da können niedrige, schlecht belüftete Volumen leicht überhitzen“, sagt Silva-Nicoletti. „Aus diesem Grund bildet das Dach der Halle vier Spitzen aus. Dadurch entsteht ein großes Volumen, das natürliche Belüftung und thermischen Komfort fördert.“

Die skulpturale Form der Halle ist also nicht bloß ästhetischer Ausdruck eines öffentlichen Baus, der markant in Szene gesetzt ist. Vielmehr sorgen die hochgezogenen Eckpunkte für passive Kühlung im Inneren. Das Prinzip ist einfach, effizient und kommt ganz ohne High-Tech aus. Warme Luft steigt auf und kann über Öffnungen entweichen, während kühlere Luftmassen nachströmen. Was in der traditionellen persischen Architektur seit Jahrhunderten Usus ist, gewinnt heute in der klimafreundlichen Gebäudetechnik zunehmend an Bedeutung.

 

 

Es werde Licht

Besucher, die über den leicht abgesenkten Haupteingang das erste Mal die hohe Halle betreten, erleben meist einen Wow-Moment, beschreibt der Architekt das räumliche Erlebnis. Holztragwerk, Lüftungstechnik und Lichtführung sind in der Halle offen ablesbar und wirken durch die lichtdurchlässige Stoffmembran leichtfüßig, ja fast schwerelos. An den häufig bewölkten Tagen in der Bretagne maximiert die transluzente Hülle das natürliche Tageslicht und senkt den Bedarf an künstlicher Beleuchtung.

„Das gefilterte Licht ist gleichmäßig gestreut, selbst an sehr sonnigen Tagen, und erzeugt so eine fast entrückte Stimmung“, schwärmt der Architekt. Wenn es Nacht wird in La Bouëxière, kehrt sich der Lichtfluss um. Dann strahlt der vielfach prämierte Sport- und Kulturbau von innen nach außen und wird zur weithin leuchtenden Landmarke.

 

 

Centre sportif et culturel Marie-José Pérec, Salle de danse Joséphine Baker
La Bouëxière, Frankreich

Bauherr: Commune de La Bouëxière
Architektur: Onze04 Architectes, Barcelona, Spanien
Bauingenieur: EVEN
Textile Architektur: Asteo
Umweltingenieur: SOLAB

Nutzfläche: 2.505 m²
Planungsbeginn: 2020
Fertigstellung: 2025

www.onze04.fr

 

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Juan Cardona

Kategorie: Projekte