Froschgrünes Wohnviertel

12. Mai 2026 Mehr

Wohnen wie die Froschkönige sollen die Bewohner des neuen Mannheimer Stadtquartiers Spinelli Wohnen.Park.Quartier von AllesWirdGut. Das Planerteam mit Büros in Wien und München entwarf hier auf einem ehemaligen Militärareal ein grünes Ensemble mit sieben Baukörpern. Diese ordnen sich rund um einen lebendigen Innenhof an und bilden mit ihrer individuellen Gestaltung ein charakterstarkes Wohnviertel, in dem der öffentliche Raum und die Nachbarschaft im Mittelpunkt stehen.

 

 

Bei den Spinelli Barracks handelt es sich um einen geschichtsträchtigen Ort, der einst mit Mannschaftsunterkünften, Lagerhallen und Werkstätten zu den wichtigsten Depots der US-Armee in Europa zählte. Nachdem das ehemalige Kasernengelände viele Jahre als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge genutzt wurde, wollte man ihm nun eine neue Funktion geben. Während der Großteil des Areals künftig als urbaner Grünraum die Lebensqualität der Stadtbewohner verbessern soll, entstehen auf der verbleibenden Fläche neue Quartiere mit Wohnungen für bis zu 4.000 Menschen und sozialer Infrastruktur mit Schule, Kindergärten und Nahversorgern.

 

 

Identitätsstiftendes Konzept

Unter dem Motto „Wohnen wie die Froschkönige“ entwickelten die Architekten mit dem Projekt Spinelli Wohnen.Park.Quartier einen Entwurf für die Bebauung eines Teils dieses Viertels. Dabei folgt AllesWirdGut seiner Prämisse, eine Symbiose zwischen Stadt und Natur zu schaffen. Trotz urbaner Dichte sind die Planer eigenen Angaben zufolge stets auf eine individuelle, überschaubare Gestaltung bedacht. Das Ergebnis ist ein froschgrünes Quartier, das Wohnraum mit einem lebendigen Biotop kombiniert und neben 123 Wohneinheiten sowie einem grünen Hof auch Gewerbeflächen, eine Kindertagesstätte mit sieben Gruppen, eine Tiefgarage und eine Großgarage mit 380 Stellplätzen umfasst.

Um einen möglichst diversen Mix zu schaffen, wurden die Häuser in unterschiedliche Wohntypen unterteilt und als separate Bauteile ausgeführt. Dieser individuelle Ansatz soll dazu führen, dass sich die Bewohner mit der jeweiligen Adresse identifizieren. Die Namen der einzelnen Gebäude – Torhaus, Lofthaus, Tänzer, Platzhirsch, schmaler Hans, Haus der Kinder und Parkhaus – verstärken die identitätsstiftende Wirkung weiter. Eine gemeinsame Sockelzone fasst das siebenteilige Ensemble zusammen und bietet mit Supermarkt und Radwerkstatt Platz für gewerbliche und gemeinschaftlich genutzte Flächen.

 

 

Blockrand trifft Lokalkolorit

Die sieben Baukörper sind entlang der Außengrenzen des Grundstücks angeordnet und legen sich schützend um den begrünten Hof in der Mitte. Sie unterscheiden sich sowohl in ihrer Kubatur als auch in ihrer Höhe. Es gibt kompakte, kleinere Baukörper, andere umfassen bis zu sechs Stockwerke, bevor sie mit einem – mit Photovoltaik-Anlagen ausgestatteten – Flachdach abschließen. Bei der Gestaltung der Häuser setzten die Planer ebenfalls auf Individualität. Sie ließen sich dabei zum einen vom grünen Umland, zum anderen von den erdigen Nuancen der Mannheimer Wassertürme – deren sandiges Rot sich vor allem in den Innenräumen wiederfindet – inspirieren: Das Ergebnis ist ein stimmiges Ensemble in Pastelltönen. Neben Fliesen und Klinker in verschiedenen Farben und Formen kam an den Fassaden auch Strukturputz zum Einsatz. Das Parkhaus wurde mit Rankgerüsten versehen und soll sich so in Zukunft grün bewachsen nahtlos in das Quartier integrieren.

 

 

123 Wohnungen & nachhaltige Mobilität

Jedes der Häuser wird über zwei Eingänge erschlossen – einen zur Straße, einen zum Wohnhof orientierten. Die einzelnen Wohnungen erstrecken sich entweder über die gesamte Gebäudetiefe oder über Eck und bekommen so möglichst viel Tageslicht. Jede der 123 Einheiten erhält mit einem großzügigen Balkon oder einer geschützten Loggia außerdem einen privaten Außenraum. Autos will man auf dem gesamten Konversionsareal fünf Kilometer nordöstlich des Mannheimer Hauptbahnhofs weitgehend vermeiden. Anstelle von Tiefgaragen, von denen aus man anonym direkt in die Wohnung gelangt, gibt es deshalb Auffanggaragen an den Eingängen zum neuen Wohnviertel. Eine Ausnahme bilden vereinzelte Parkhäuser, wie jenes im Spinelli Wohnen.Park.Quartier. Verändert sich das Mobilitätsverhalten der Bewohner, so lässt sich der Bau in Zukunft in zusätzlichen Wohnraum umnutzen.

 

 

Grüne Mitte als sozialer Katalysator

Das Herzstück des neuen Spinelli-Quartiers bildet der zentrale, leicht erhöhte Innenhof. Er ist üppig begrünt und schafft als halböffentlicher Begegnungsort Bereiche mit unterschiedlicher Privatsphäre. Aufgrund der verschiedenen Höhen entsteht eine interessante Staffelung mit Plätzen, Wegen und Treppen, die den Hof zonieren und nicht nur die Bewohner, sondern auch die Nachbarschaft ins Zentrum des Viertels und zum Beisammensein einladen. In nördlicher und westlicher Richtung schließt die Grünoase über gezielt positionierte Öffnungen in der Blockrandstruktur an den umliegenden Stadtraum an. Im Norden leitet eine repräsentative Ecke mit öffentlicher Erdgeschossnutzung auch Passanten und Anrainer in den Hof. Entlang der Außenseite sollen Gewerbeflächen und soziale Einrichtungen auf Straßenniveau zu attraktiven Treffpunkten werden und die soziale Interaktion zusätzlich fördern. Sämtliche Entwurfsentscheidungen bauen darauf auf, den öffentlichen Raum möglichst attraktiv zu gestalten und so seine Qualität und Nutzung zu erhöhen. „Ganz wichtig in diesem Zusammenhang sind Parameter wie die Wahl der Materialität und Farbsprache sowie der Strukturen und Details, aus denen sich die sichtbaren Oberflächen zusammensetzen“, erklären die Architekten und führen weiter aus: „Wir wollen Städte schaffen, die nicht nur Wohnort sind, sondern menschliche Lebensräume voller Abenteuer, Überraschung, Schönheit, Geborgenheit und Erfüllung.“

SP1 – Spinelli Wohnen.Park.Quartier
Mannheim, Deutschland

Bauherr: Deutsche Wohnwerte GmbH & Co. KG
Planung: AllesWirdGut
Tragwerksplanung: osd
Freiraumplanung: Ramboll Studio Dreiseitl
HLS-Planung: Bauer & Ihle
ELT-Planung: Martin Henne – Esslinger Ingenieurgesellschaft
Brandschutz: Rieser Wessel Brandschutzsachverständige
Verkehrsplanung: Durth Roos Consulting
Bauphysik & Energieberatung: Balck+Partner
Schallschutz & Raumakustik: vrP von Rekowski und Partner

Netto-Raumfläche: 34.983 m²
Bruttogrundrissfläche: 40.406 m²
Wettbewerbsgewinn: 2019
Baubeginn: 2021
Fertigstellung: 2025

www.awg.at

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Johannes Vogt

Kategorie: Projekte