Immer im Dorf zuhause

19. August 2020 Mehr

Wie möchte ich im Alter wohnen? Im oberösterreichischen Molln entschieden sich die Bewohner des Atriumhauses S dafür, im Eigenheim alt werden zu wollen. Die bauliche Hülle dafür gestalteten die in Wien ansässigen Steinkogler Aigner Architekten. Die Paradigmen dafür: Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit.

 

Atriumhaus S - Steinkogler Aigner Architekten

 

Mit dem Atriumhaus S gestaltete das junge Architekturbüro Steinkogler Aigner Architekten ein barrierefreies neues Zuhause. Im Jahr 2015 gegründet, bauen sie seitdem unter dem Motto „Mit dem arbeiten, was man hat – nicht Protzen“. Verwirklicht wurden seitdem kleine und mittelgroße Projekte, vor allem im ländlichen Raum, die für einen feinfühligen Umgang mit dem baulichen Kontext und der lokalen Bauweise stehen. Das favorisierte Material: Holz. Auch beim Atriumhaus S handelt es sich um einen Holzbau, bei dem ein klares ökologisches Konzept und ein starkes sozialen Engagement verfolgt wird.

Der demografische Wandel ist wohl eines der grundlegendsten Themen, mit dem sich die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft für die Zukunft auseinandersetzen muss. Man spricht dabei von einer demografischen Alterung, das bedeutet, dass vor allem die Bevölkerung über 65 Jahren stark anwächst und für das drastische Bevölkerungswachstum ausschlaggebend sein wird. Diese Veränderung innerhalb der Altersstruktur darf also keineswegs vernachlässigt werden. Das betrifft auch die Architektur, denn die Versorgung dieser immer älter werdenden Bevölkerung muss auch hier bedacht und vor allem geplant werden.

 

Atriumhaus S - Steinkogler Aigner Architekten

 

Auf persönlicher Ebene kann man schon frühzeitig selbst Überlegungen dazu anstellen, wie man im Alter wohnen möchte. Oft steht dabei der Wunsch im Vordergrund, solange wie möglich in der gewohnten Umgebung leben zu können. Um das ermöglichen zu können, sollten schon bei der Planung des Eigenheimes gewisse Voraussetzungen erfüllt werden, was vor allem eine barrierefreie Nutzung betrifft.

Auch bei den Bewohnern des Atriumhaus S gab es das Verlangen in ihrem gewohnten Umfeld altern zu können. Sie entschieden sich dafür, aus ihrem alten Forsthaus abseits des Ortszentrums der etwa 3.500 Einwohner zählenden Gemeinde Molln auszuziehen. Gefunden wurde ein Grundstück in ruhiger und auch zentraler Lage am Rande des Ortskerns. Ruhe und Abgeschiedenheit waren wichtige Aspekte, ebenso wie eine möglichst lange und aktive Teilhabe am Dorfleben. Die Selbstständigkeit der Bewohner soll solange als möglich bewahrt werden, was durch eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr und an die örtliche Nahversorgung begünstigt wird.

 

Atriumhaus S - Steinkogler Aigner Architekten

 

Für das Wohnen im Alter wurden wichtige bauliche Rahmenbedingungen geschaffen. Der gesamte Bau erstreckt sich auf nur einer Ebene, alle Räume befinden sich im Erdgeschoss. Es gibt keinen Keller oder Dachboden, stattdessen fiel die Entscheidung auf zwei separierte Baukörper. Im größeren befinden sich alle Wohnräume samt Atrium, im anderen sind Lager, Haustechnik und Garage ausgegliedert. Alle Räume sind barrierefrei zu erreichen, es gibt keine störenden Schwellen. Eine großzügige Flächenverteilung und ausreichend breite Türöffnungen erlauben ein problemloses Befahren aller Räume mit einem Rollator oder Rollstuhl. Vor allem die mittige Platzierung eines Atriums im Baukörper erlaubt es mit nur einem Minimum an Gangflächen auszukommen.

 

Atriumhaus S - Steinkogler Aigner Architekten

 

In das Wohngebäude gelangt man über einen mit der Garage gemeinsamen Vorplatz. Schon beim Betreten fällt der Blick in das zentrale und komplett verglaste Atrium, sodass man gleich zu Anfang einen Überblick über die Verteilung der Räume bekommt. Vom Eingangsbereich aus gelangt man direkt in eine großzügige Küche mit angrenzendem Ess- und Wohnbereich, sowie eine zur Nachbarschaft hin ausgerichtete Terrasse. Eine weitere zum Atrium hin orientierte Terrasse lädt ebenso zum Essen und Entspannen im Freien ein. Sie ist teilweise überdeckt, sodass im Innenraum eine schmalere Verbindungsfläche mit Kamin zu einem weiteren Aufenthaltsbereich entsteht, der als Arbeitszimmer genutzt wird. Von hier aus gliedern sich die Schlaf- und Sanitärbereiche mit zusätzlicher Terrasse an und vervollständigen die ringförmige Anlage der Räume um das Atrium herum, die schließlich wieder zum Eingangsbereich führen.

 

Atriumhaus S - Steinkogler Aigner Architekten

 

Alle Räume öffnen sich zum Atrium hin. An ausgewählten Stellen werden durch Fensteröffnungen an der Außenfassade auch Blickbezüge zur Umgebung geschaffen. Es gibt helle offene Bereiche und zugleich auch geschützte private Zonen. Flexibilität schaffen die Architekten auch mit der Positionierung der Außenräume: Man kann in Verbindung zur Nachbarschaft treten, muss aber nicht.  Der Bautypus des Atriumhauses erlaubt das.

Eine Abwanderung der Bewohner in eine innerstädtische Lage wurde durch das zur Verfügung stellen eines altersadäquaten Wohnhauses mit guter Inte­gration in die Dorfstruktur verhindert. Dadurch bleibt der Dorfkern aktiv und einem Sterben der Ortszentren wird entgegengewirkt. Auch auf ökonomischer Ebene trägt das Gebäude zur Nachhaltigkeit bei. Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Firmen und Handwerkern wird ein Beitrag zur regionalen Wertschöpfung geleistet. Hinzu kommt das Verwenden von lokalen Rohstoffen, wie Fichtenholz und Kalksandstein. Nicht nur die Tatsache, dass es sich um einen reinen Holzbau handelt, sondern auch die Beheizung durch Erdwärme, machen das Gebäude ökologisch nachhaltig.

 

Atriumhaus S - Steinkogler Aigner Architekten

 

Durch einen hohen Vorfertigungsgrad, konnten die Architekten in nur sechs Monaten Bauzeit hier einen architektonischen und nachhaltigen Rahmen schaffen, um ein altersgerechtes Wohnen im Eigenheim zu ermöglichen. Das Atriumhaus S kann als Prototyp für ein dafür vorbildliches Wohngebäude gesehen werden. Vergessen darf man dabei aber auch nicht auf soziale Bedürfnisse. Stellen wir uns also vor, dass das Atriumhaus S ein Teil einer größeren Struktur ist. So könnte es mehrere derartige Häuser in der direkten Nachbarschaft, entlang der gesamten Straße oder sogar das komplette Dorf aus ihnen bestehen. Zusätzlich muss es auch barrierefreie Gemeinschaftsräume geben, sowie ein Angebot an weiterer notwendiger Infrastruktur, um eine gute Versorgung sicherzustellen. Diese gilt es zu fördern, um das Altern im Eigenheim in einer Dorfgemeinschaft zu einer echten Alternative zu machen. Wohnen im Alter wird oft mit Betreuung und Pflege assoziiert. Das betrifft aber nur altersmäßig weit fortgeschrittene Menschen. In den Phasen davor geht es viel mehr um die Vernetzung mit einer altersgerechten Infrastruktur und um das gut Versorgt sein, sowie um das Respektieren des Wunsches im gewohnten Umfeld zu verbleiben.

 

Atriumhaus S - Steinkogler Aigner Architekten

 

Steinkogler Aigner Architekten verspüren dieses Bedürfnis auch bei ihren Bauherren: „Wir bemerken ein Umdenken. Gerade aus dem ländlichen Raum hatten wir in letzter Zeit vermehrt Projekte von Bauherren, die sich rechtzeitig für das Altern noch einmal eine neue eigene Wohnsituation schaffen wollten.“ Das Wohnen stellt also einen wichtigen Teil der Selbstbestimmtheit und der aktiven Lebensgestaltung dar und wird beim Atriumhaus S auch als ein solcher beibehalten.

 

 

 

Atriumhaus S
Molln, Oberösterreich

 Architekt: Steinkogler Aigner Architekten ZT GmbH
Mitarbeiter: DI Jonathan Lutz, DI Christina Troppmann
Statik: Holzbau Aigner GmbH

Grundstücksfläche: 1.035 m²
Bebaute Fläche: 287 m²
Nutzfläche: 216 m²
Planungsbeginn: 10/2018
Bauzeit: 6 Monate
Fertigstellung: 10/2019
Baukosten: ca. 460.000 Euro

 

Text: Alexandra Ullmann
Fotos: Martin Bilinovac

 

 

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Kategorie: Projekte

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