Natur-Bausatz

9. Oktober 2025 Mehr

Oslotre Architekten realisierten mit HasleTre ein Bürogebäude, das den gesamten Lebenszyklus der verbauten Materialien berücksichtigt. Wie ein Baukasten wurde das Haus vollständig demontierbar und wiederverwendbar umgesetzt. Das Projekt kombiniert traditionelle Handwerkskunst mit modernen, industriellen Techniken, verzichtet weitgehend auf Stahl und weist damit den Weg in eine zirkuläre Holzbauzukunft.

 

 

Der Auftraggeber wünschte sich am Rande des Stadtzentrums von Oslo ein nachhaltiges, vielseitiges und innovatives Geschäftsgebäude, bei dem das Thema Reuse im Fokus stehen sollte. Mit dem norwegischen Büro war dafür schnell der ideale Partner gefunden. Denn Oslotre fokussiert sich eigenen Angaben nach auf Lösungen, die im Einklang mit der Natur stehen und diese gezielt nutzen. Um den Vorgaben gerecht zu werden, entschied sich das Planerteam beim Bau des viergeschossigen Hauses, das sich über 3.000 m2
erstreckt, für eine Holzkonstruktion und dachte dabei sogar dessen künftigen Rückbau mit. „HasleTre ist ein Pionierprojekt für nachhaltige Architektur, das von der Notwendigkeit angetrieben wird, klimatische Herausforderungen zu bekämpfen und eine resiliente Zukunft zu gestalten“, beschreiben die Architekten die Intention hinter dem Entwurf. Dass das mit Bravour in die Tat umgesetzt werden konnte, zeigt eine Reduktion der CO2-Emissionen um 60 %, eine exzellente BREEAM NOR Zertifizierung und eine Auszeichnung des Neubaus als Norwegens „Holzbau des Jahres“.

 

 

Ressourcenschonendes Gesamtkonzept

Die Struktur des Bürogebäudes beruht auf einem regelmäßigen Raster mit 5 x 5 Metern, welches im Inneren eine flexible Grundrissgestaltung mit Einzelbüros, offenen Arbeitslandschaften, Gemeinschaftszonen und kleinen Räumen zulässt. Um eine vollständige Zerlegbarkeit zu ermöglichen, wurde der Neubau wie ein großes Baukastenset geplant. Sowohl bei der Primär- als auch bei der Sekundärkonstruktion wählte man in erster Linie Standardformate. Horizontale Elemente wie Geschossdecken bestehen wie die tragenden Wände und Stützen komplett aus Holz. Für eine bessere Wiederverwendbarkeit weisen sämtliche Bauteile möglichst wenig Ausschnitte auf. Das reduzierte den Abfall durch Materialverschnitt in der Produktion und erwies sich zugleich als Vorteil in Hinblick auf das Transportvolumen und in weiterer Folge auf die Montage.

 

 

Der kreislauffähige Ansatz erforderte ein Umdenken: Da nur sortenrein rückbaubare Einzelteile einem späteren, effizienten Re-Use-Szenario im Sinne des Cradle-to-Cradle-Prinzips entsprechen, zog man anstelle von Verbundwerkstoffen und Verklebungen reversible Lösungen wie reine Holzverbindungen vor. So kamen bei den Brettschichtholzstützen und -trägern Dübel aus Buchenholz zum Einsatz. CLT-Wände und -Bodenplatten beruhen auf X-fix-Verbindern, die ein weitgehend stahlfreies System ermöglichen. Im Vergleich zu herkömmlichen Betonbauten konnte der Stahlverbrauch auf diese Weise um bis zu 80 % reduziert werden. Durch die modulare Konstruktion, die bei Bedarf einfache Anpassungen zulässt, wird gleichzeitig die Langlebigkeit des Hauses erhöht. Neben ihrer Beständigkeit und räumlichen Flexibilität verkürzte die Holzbauweise zudem die Bauzeit: Die Errichtung von HasleTre dauerte von Beginn bis zum Einzug lediglich neun Monate. Um das Gebäude zum Materiallager für kommende Generationen zu machen, wurden außerdem alle Bauteile sorgfältig dokumentiert. Die Zeichnungen für die Montage sollen Oslotre zufolge dann beim Rückbau als Handbuch für die Demontage dienen.

 

 

Naturbasiert, recycelt & effizient

Während im Sockelgeschoss raumhohe Verglasungen für lichtdurchflutete Räume sorgen, kleiden die Lochfassaden der darüberliegenden Bürogeschosse mit ihren großen Fensteröffnungen helle Holzschindel. Künftig sollen die Ansichten dank Grünpflanzen je nach Jahreszeit anders aussehen und ihre Farbe ändern. Ein Garten mit Biotop bildet auf dem Dach den krönenden Abschluss und lädt mit einer spektakulären Aussicht zu entspannten Pausen ein.

Auch im Inneren des Gebäudes bestimmt das warme Naturmaterial alle Bereiche: Von den Stützen und Trägern, welche die Grundrisse sanft zonieren, bis hin zu den unverkleideten Deckenuntersichten bzw. Wandflächen und den Holzrahmen der Fenster. So wird der nachhaltige Werkstoff zum wohnlichen Hintergrund für das übrige Interior Design. Dazu kombinierten die Architekten Materialien wie Kork und Wolle, verzichteten aber auch hier auf Schrauben und verwendeten stattdessen Holznägel. Die Palette an organischen Baustoffen bestimmt nicht nur die Optik, sondern wirkt sich aufgrund ihrer hygrothermischen Eigenschaften auch positiv auf das Raumklima und letztlich auf den Energieverbrauch aus. Holz, Kork und Wolle regulieren die Luftfeuchtigkeit, sind zugleich aber auch diffusionsoffen und fungieren als Hitzeschutz im Sommer. Dadurch soll das Wohlbefinden steigen und sogar die Konzentrationsfähigkeit der Nutzer am Arbeitsplatz verbessert werden.

Bei der Inneneinrichtung des Bürobaus stand ebenfalls das Thema Ressourcenschonung im Mittelpunkt: Fast zwei Drittel der Möbel sind upgecycelte Stücke. Beim Rest handelt es sich um biologisch abbaubare Materialien oder Industrieabfälle (wie z. B.
weiterverarbeitetes Plastik aus dem Meer). Selbst die Lüftungsaggregate, akustischen Deckenplatten und Bodenbeläge werden in dem Neubau nicht zum ersten Mal verbaut und passen perfekt in das nachhaltige Gesamtkonzept des Hauses.

 

 

Pilotprojekt mit Vorbildwirkung

Was am Ende simpel wirkt, war in der Umsetzung von einigen Herausforderungen geprägt. Die Koordination der progressiven Bauweise bzw. der Naturmaterialien und der Erfüllung der örtlichen Regularien stellte sich teilweise als Kraftakt für die Beteiligten heraus. Mit viel Fingerspitzengefühl und Kommunikation gelang es schließlich, die Vorteile von Demontage und Reuse darzulegen und so breite Zustimmung für das Reuse-Konzept von HasleTre zu erlangen. Ein Einsatz, der sich gelohnt hat und im besten Fall als Pilotprojekt viele weitere Bauvorhaben inspiriert.

 

 

HasleTre
Oslo

Bauherr: Höegh Eiendom
Planung: Oslotre
Tragwerksplanung: Sweco
Holzbau: Oslotre & NyStruktur
Betonbau: Norconsult
Landschaftsarchitektur: Grindaker
Einbauten: Interiørarkitektur & Design
Möbel: Romlaboratori- et
Weitere Projektpartner:Rambøl (HKLS), Ekom (Elektro), Engenius (Sanitär), Multiconsult (Brandschutz, Akustik & BREEAM Zertifizierung), F.M.Haaland, Splitkon

Nutzfläche: 3.000 m2
Fertigstellung: 2023
Baukosten: 106 Mio. NOK (8,9 Mio. Euro, exkl. MwSt.)

www.oslotre.no

 

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Einar Aslaksen, Dag Sandveen

Kategorie: Projekte