Neues altes Haus in Oberitalien

19. Mai 2015 Mehr

 

Genauso, wie ein Baum nicht in wenigen Tagen wachsen kann, ist dieses Haus langsam gewachsen. Und es wächst, so wie die Kinder des Besitzers, immer noch weiter. Architektur braucht eben Zeit. Für den Architekten Paolo Carlesso war der Bau des Hauses für sich und seine Familie ein Experiment und die Herausforderung, sich mit Konstruktionsmethoden in einer radikalen und antizyklischen Art und Weise, auseinanderzusetzen. Er wollte so bauen, wie sein Vater und seine Verwandten es seit 1938 – als sie sich hier ansiedelten – getan haben. Und zwar sowohl bezüglich Design wie auch der Konstruktionsmethoden.

 

Das Grundstück liegt in Fagnano Olona, einem kleinen Ort nordwestlich von Mailand und ist gerade einmal 800 m2 groß. Auf 100 m2 Grundfläche hat Carlesso in der Zeit von 2010 bis 2014 ein Eigenheim errichtet, das erstaunliche 290 m2 Nutzfläche aufweist. Die Fundamente und die Außenmauern sind von einer Baufirma errichtet worden, den Rest des Hauses hat der Architekt fast ausschließlich im Selbstbau fertiggestellt. Das äußere Erscheinungsbild ist von rechteckigen, grauen Faserzementpaneelen geprägt. Die aus ökologischem Zement hergestellten Platten sind nur einen Zentimeter dick und ganz einfach auf eine hölzerne Verkleidung aus Pinienholz nach dem Prinzip einer Vorhangfassade, aufgeschraubt. Die Holzbretter wiederum werden von einem Stahlgerüst getragen. Ein Teil der Holzflächen an der Außenwand ist nicht verkleidet, um die Konstruktion zu zeigen und auch die Luftzirkulation zu verbessern. Die Wahl der Baumaterialien und die der Verarbeitung richteten sich nach nachhaltigen, finanziellen und ökonomischen Kriterien, alles ordnete sich auch der geringen zur Verfügung stehenden Arbeitszeit des Bauherrn und den Designkriterien unter. Manchmal verwendete Carlesso sogar Gerüst- und Bauholz, das auf anderen Baustellen bereits zur Entsorgung bereitgelegt worden war. Und für den ganzen Bau wurden keinerlei Bankkredite in Anspruch genommen.
Das Gebäude passt sich in Form und Aussehen an das ländliche Siedlungsbild an. In der Nachbarschaft, die jegliche urbane Strukturen vermissen lässt, sieht man verstreut liegende Bauernhäuser mit ähnlichen einfachen Formen und Dachneigungen. Bei der Casa CM tragen sogar die Farbe der Zementpaneele und das Hervorblitzen der Holzflächen zu einer camou-flageähnlichen Wirkung bei, welche die Architektur – trotz des Gestaltungswillens des Architekten – unauffällig macht: Eine „Hütte“ unter vielen anderen auch, könnte man auf den ersten oberflächlichen Blick vermuten. Die Qualitäten des Wohnhauses werden dann im Detail und vor allem im Inneren sichtbar.
Der Eingang ist nordorientiert – wie die üblichen Wohnbauten der Gegend, die Türe öffnet sich in einen Eingangsbereich mit einem seitlich angeordneten Bad und einem Arbeitsraum. Am Ende des Korridors führen Stufen zu einem offenen Wohnbereich mit einem anschließenden Küchenareal hinunter. Im gesamten Haus findet man weiße Wände und Holzwände als Abgrenzungen der Privaträume der einzelnen Familienmitglieder. Einige der tragenden Stahlkonstruktionen sind unverkleidet um den einfachen Charakter des Baus zu betonen. Die drei Ebenen des Wohnhauses sind durch Betonstufen verbunden, jede ist mit einer hölzernen Oberfläche versehen. Von der ersten Ebene führen einige Stufen zu einer Zwischenebene, von der man den unterhalb liegenden Wohnbereich überblicken kann. Auf der nächsten Ebene sind ein weiteres Bad und die Schlafräume der Familie.

 


Um den natürlichen Lichteinfall im Inneren zu maximieren, ist das Gebäude mit seiner Langseite gegen Süden orientiert. Es folgt somit der üblichen Orientierung der Bauernhäuser der Gegend. Es hat auf dieser Seite einen kleinen Dachvorsprung – eine Idee, die von den umliegenden Bauernhäusern kommt – um die sommerliche Hitzeeinstrahlung zu verringern. In der hier situierten Holzveranda ermöglicht eine Serie von Glastüren den ungehinderten Blick in den Garten vom Wohnbereich aus. An der Nordseite befinden sich nur wenige Öffnungen und im Dach gibt es drei Fenster, welche eine natürliche Luftzirkulation und Durchlüftung aller Räume gewährleisten.
Die Einfachheit der Konstruktion war auch bestimmend für die Gestaltung. Lehm vom Aushub für die Fundamente wurde für Wände und Böden verwendet. Die Lehmböden speichern die Hitze der Sonne um das Haus während der Abendstunden warm zu halten. Um die Holzkonstruktionen ohne Leim und Schrauben ausführen zu können, benutze der Architekt eine spezielle Verbindungstechnik. Das Holz im Innenbereich verhindert auch das Entstehen von Schimmel und Kondenswasser. Es trägt zu einer guten, gesunden Raumatmosphäre bei, filtert Luft und ist auch ein gutes thermisches Isoliermaterial.

 

Text: Peter Reischer / Fotos: Simone Bossi

Buchtipp: Zeichenlehre für Architekten — DOM

 

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Kategorie: Projekte

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