Nullemissionshaus in Berlin

26. September 2014 Mehr

Wohnbau / Berlin / Deimel Oelschläger Architekten Partnerschaft
Wenn man die Diskussion um die Energieeffizienz der Passivhäuser, die in letzter Zeit in Österreich mit ‚für und wider‘ stattfindet, verfolgt hat, dann weiß man, dass sich an diesem Punkt die Geister scheiden. Nun gibt es aus Deutschland, aus Berlin genauer gesagt, ein Beispiel, bei dem die Architekten Deimel Oelschläger für ein Mehrfamilien-Wohnhaus in der Boyenstraße die Passivhaustechnik zum Nullemissionshaus weiter entwickelt haben. An diesem Objekt lässt sich sehen, dass Energieeffizienz im Bauen nicht nur eine Sache für Idealisten ist und auch nicht immer mit den kolportierten hohen Anfangsinvestitionen verbunden sein muss.

Aus Stahlbeton und Holz entstand – als Folge eines partizipativen Planungsansatzes – ein siebengeschossiges Gebäude mit 21 Wohnungen zwischen 60 und 140 Quadratmetern Größe. Auftraggeber waren 21 privaten Bauherren – eben ein sogenanntes Baugruppenprojekt. Kennzeichnend daran ist der individuelle Ausbau der Wohnungen, Garten und Dachterrasse sind als Gemeinschaftsflächen angelegt und es gibt einen barrierefreien Zugang zu allen gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen. Auch sind einzelne Wohnungen barrierefrei mit bodengleichen Duschen ausgebaut. Die Grauwasseranlage und die Dachbegrünung gehören eigentlich zum Standardprogramm solcher Bauvorhaben. Ein variabler Ausbau der einzelnen Wohneinheiten ist durch sogenannte ‚Schaltzimmer‘ möglich, große Familienwohnungen sind teilbar und lassen sich damit an die – je nach Lebensphase – veränderten Bedürfnisse ihrer Bewohner anpassen.

Die Architektur wurde in Mischbauweise mit massivem Kern und einer vorgehängten Holzfassade mit Zellulosefaserdämmung errichtet. Unterschiedlich weit hervortretende Erker beleben an der Straßenseite die mit sandfarbenen Faserzementplatten verkleidete Fassade. Neben der in die Holztafeln der Fassade integrierten Zellulose-Dämmung und den dreifach verglasten Fenstern minimiert eine ausgeklügelte Belüftungstechnik mit Wärmerückgewinnung den Energieverbrauch des Gebäudes. Die Wärmeerzeugung erfolgt durch ein wärmeorientiertes Blockheizkraftwerk (BHKW), für die Stromgewinnung dient eine Fotovoltaikanlage. Da somit die notwendige Restenergie nahezu vollständig aus regenerativen Quellen bezogen wird, ist das Haus als eines der ersten Mehrfamilienwohnhäuser im Betrieb klimaneutral und erzeugt laut Berechnung der Architekten kein CO².
Die Bewohner profitieren von dauerhaft niedrigen Energiekosten: Die künftigen Kosten für Warmwasser und Heizung sollen für eine 100 Quadratmeter-Wohnung bei geschätzten 300 Euro liegen – pro Jahr!

Der errechnete Primärenergiebedarf des Gebäudes wird mit geplanten 16 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (kWh/m²/a) um 60 Prozent unterhalb der Vorgabewerte der geltenden EneV 2009 liegen. Zum Vergleich: Ein schlecht isolierter Berliner (oder auch Wiener) Altbau verbraucht pro Jahr bis zu 300 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr.
Was nach einer teuren Hightech-Ausstattung klingt, war aber für die 21 Bauherren durchaus erschwinglich: Inklusive Grundstückskauf lagen die Baukosten bei 2.450 Euro/m2, die reinen Baukosten sogar nur bei 1.640 Euro/m2. Neubauten im Berliner Zentrum mit deutlich niedrigerem Energiestandard liegen mit ihren Kosten z. T. deutlich über 2.600 Euro/m2.

In puncto Baukosten und technischer Ausstattung setzt das Projekt also Maßstäbe und zeigt modellhaft, wie klimaneutrales Bauen für die Masse der Bauvorhaben umgesetzt werden könnte. Die Architekten und Bauherren haben mit der Umsetzung ihrer Planungen bewiesen, dass energieeffizientes Bauen nicht teuer sein muss und letztendlich für die Bewohnerinnen und Bewohner, durch niedrige Energiekosten – und für uns alle durch die Klimaneutralität – Vorteile bringt.

Nullemissionshaus
Berlin, Deutschland
Bauherr: Boyenstraße 34 GbR
Planung: Deimel Oelschläger Architekten Partnerschaft
Mitarbeiter: Jürgen Meyer-Arendt, Davide Tognon
Statik: IB Jockwer GmbH
Grundstücksfläche: 1.024 m2
Bebaute Fläche: 433 m2
Nutzfläche: 2.384 m2
Planungsbeginn: 09/2010
Fertigstellung: 06/2013
Baukosten: 4,4 Mio. Euro

Das Nullemissionshaus Boyenstraße ist CO²-neutral und erstaunlich günstig – nicht nur im Unterhalt, sondern auch in der Errichtung. Die Amortisationszeit der Anlagekosten beträgt circa 10 Jahre.

Text: Peter Reischer
Fotos: Svea Pietschmann, Andrea Kroth

 

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Kategorie: Projekte

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