Prager Bullaugen

28. Januar 2021 Mehr

Nach den schweren Überschwemmungen im Jahr 2002 geriet die Prager Kaimauer mit ihrer Uferpromenade auf Seite der Neustadt lange Zeit in Vergessenheit. Petr Janda setzte sich 2009 als einer der Initiatoren für die Revitalisierung des Gebiets ein. In den vergangenen zehn Jahren konnte das Vorhaben schließlich Stück für Stück realisiert sowie eine kulturelle und soziale Wiederbelebung und architektonische Sanierung erreicht werden.

 

Revitalisierung der Prager Kaimauer - petrjanda/brainwork

 

Früher Uferpromenade und belebter Umschlagplatz, verkam der Prager Kai auf der Flussseite der Neustadt nach den schweren Überschwemmungen 2002 zur praktischen, aber vernachlässigten Parkzone für Anrainer. 2009 schließlich initiierte eine Gruppe engagierter Bürger, darunter auch der Architekt Petr Janda, die Revitalisierung der Uferzone. Erklärtes Ziel: im ersten Schritt eine kulturelle und soziale Wiederbelebung des Gebiets zu erreichen sowie im zweiten Schritt eine architektonische Sanierung des Bereichs vorzunehmen.

Zehn Jahre später wurden mit der Wiederbelebung durch Märkte und Gastronomieangebote sowie die Umsetzung der ersten Bauphase einige dieser Ziele bereits erreicht, doch zur Gänze abgeschlossen ist die Verwandlung des Gebiets damit noch nicht. Um die Bedeutung dieser Revitalisierung zu verstehen, muss man den Kontext etwas genauer betrachten. Sieht man die Moldau als Rückgrat der tschechischen Hauptstadt, dann bilden deren Uferzonen und Randbebauungen ähnlich einzelner Wirbel eine bewegliche und fließende Verbindung hinein in den öffentlichen Stadtraum. Die gesamte städtische Struktur hängt damit an diesem Skelettsystem, das laut Petr Janda möglichst flexibel und geschmeidig gehalten werden sollte, will man einem Verknöchern von relikten Gefügen entgegenwirken. Bewegung und Veränderung tut also gut.

 

Revitalisierung der Prager Kaimauer - petrjanda/brainwork

 

Das reiche kulturelle und soziale Leben in Prag basiere laut Janda seit jeher auf einer architektonischen wie inhaltlichen Authentizität. Diese Erzählebene nutzte sein ortsansässiges Architekturstudio petrjanda/brainwork auch für sein Konzept der Revitalisierung der Uferzone mit Rašín, Hořejší and Dvořák Damm. Die enorme soziokulturelle Bedeutung der Maßnahmen für die Stadt Prag manifestiert sich zudem in der Tatsache, dass diese die größte Investition in den öffentlichen Raum seit der Revolution von 1989 darstellt. Der Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion von 20 sich in der Flussmauer befindlichen Gewölben, die ursprünglich als Eisspeicher dienten. Anstelle klassische Innenräume zu schaffen, sollten die Gewölbe laut Konzept bei maximalem Kontakt zu Fluss und Promenade explizit mit dem Außenraum verschmelzen.

 

 

Die Kommunikation und Interaktion mit den Anwohnern und Besuchern steht dabei im Vordergrund. So sollen die Gewölbe zukünftig als Cafés, Clubs, Studios, Werkstätten, Galerien sowie eine Bibliotheksfiliale, ein Raum für Nachbarschaftstreffen und öffentliche Toiletten dienen. Das architektonische Konzept basiert auf einem modularen System: Jeder einzelne Raum ist als grundausgestattetes Basismodul konzipiert, das alle betrieblichen und technischen Einrichtungen sowie eine Bar umfasst, die an verschiedene Positionen verschoben werden kann. Darüber hinaus kann jeder Mieter – im Rahmen des architektonischen Gesamtkonzepts – durch die Veränderung von Oberflächen oder das Hinzufügen von Möblierung individuelle Adaptionen vornehmen und auf diese Weise den Ort für sich erobern. Diversität und Authentizität lautet das Manifest des Dreigestirns aus Manager, Architekt und Kurator, das über die Vergabe der Räume entscheidet.

 

Revitalisierung der Prager Kaimauer - petrjanda/brainwork

 

Das architektonische Konzept basiert auf Interventionen, die symbiotisch mit der ursprünglichen Architektur der Flussmauer verschmelzen. Der Eindruck eines Gesamtkunstwerks sowie die maximale Öffnung der Gewölbe hin zum Außenraum prägen das Erscheinungsbild der Kaimauer. Die sechs bereits fertiggestellten Gewölbe am Rašín Damm wurden nach dem Vorbild des nahezu kreisförmigen Bogens am oberen Teil der vorhandenen Öffnungen gebaut – ein winziger Eingriff, der mehr wegnimmt, als er hinzufügt. Die alten Einbauten aus Streckmetall-Fassaden und Steinkonstruktionen in die Maueröffnungen wurden durch großformatige, runde Fenster ersetzt, die sich durch diagonale Drehung innerhalb des Rahmens ebenerdig zur Promenade öffnen lassen. Diese Eingangsportale bestehen aus Stahlrahmen, versehen mit elliptischem Glas. Die Schwenkfenster sind mit einem Durchmesser von 5,5 Metern die wohl größten Schwenkfenster der Welt und bringen jedes für sich ungefähr 2,5 Tonnen auf die Waage. Das Öffnen und Schließen erfolgt daher motorisch.

 

 

Die Steinbogenauskleidungen der vorhandenen Portale spielen in ihrer Ausführung auf die vormals vorhandenen Stufen an und verbergen den Installationsschacht, die Lüftungsöffnung der Klimaanlage sowie die Hochwasserschutzelemente. Die vierzehn weiteren Gewölbe am Hořejší-Ufer sind hingegen als skulpturale Stahlfronten konzipiert, deren Pfosten so gebogen sind, dass sie das Gewölbe beim Öffnen mit dem Flussufer und dem gesamten Außenraum optisch verbinden. In den öffentlichen Toiletten bilden die Eingangsflügel einen Bogen hinein in den Innenraum, in dem ein ebenso gebogener, skulpturaler Stahleinbau die Kabinen vom öffentlichen Raum trennt.

 

 

 

Während der Umbauarbeiten wurden alle Oberflächen und Einbauten entfernt. Wände und Decken wurden in Folge als sandgestrahlter Beton, die Böden in gegossenem Beton ausgeführt, ergänzt durch eine ebenso gegossene, monolithische Treppe. Für die Einbauten – wie in den Toilettenräumen – wurde imprägnierter schwarzer Stahl verwendet. Durch die Kombination aus Fußbodenheizung und Klimaanlage mit Wärmerückgewinnung sowie Infrarotstrahlern ist ein ganzjähriger Betrieb auch bei geöffneten Fenstern möglich.

 

 

Die nächsten Phasen der laufenden Revitalisierung umfassen die Gestaltung der Straßenmöbel wie unterirdische Abfallbehälter, Trinkbrunnen und Bänke sowie freistehender Toiletten, eines schwimmenden Terminals für Kreuzfahrtschiffe inklusive schwimmender Toiletten sowie einem Beleuchtungssystem. Außerdem soll ein schwimmender Pool entstehen, der einen Bezug zu der Prager Tradition der Flussbäder herstellt und so ein Element mit einer bedeutsamen Beziehung zur Geschichte der Region darstellt.

 

 

Das Projekt lebt neben den sichtbaren Ebenen wie der interessanten und innovativen Architektursprache vor allem von den unsichtbaren Bedeutungsschichten – dem Bezug zur Geschichte, der Verknüpfung von Fluss- und Stadtraum sowie der Interaktion der Menschen mit Struktur und Raum. Wie überdimensionale Bullaugen öffnen sich die Gewölbe hin zur Moldau, doch im Gegensatz zu den Schiffsaugen ist nicht der Ausblick das spannende, sondern gerade der Einblick in diesen mystischen und geschichtsträchtigen Untergrund der Prager Neustadt. Die Revitalisierung dauert also an und hält das Rückgrat Prags flexibel und geschmeidig.

 

Architekt und Künstler Petr Janda
“Wir suchen nach der Authentizität, die jeder Aufgabe zugrunde liegt. Dabei fangen wir stets bei Null an und versuchen, die üblichen architektonischen Klischees zu vermeiden. Unser Ansatz basiert auf der Verbindung der physischen und metaphysischen Projektebenen. Wir gehen auf Form und Inhalt ein und vereinen skulpturale Methoden mit konzeptuellen Tendenzen.“

 Architekt und Künstler Petr Janda

 

 

Naplavky | Revitalization of Prague Riverfront Area
Prag, Tschechische Republik

Bauherr: Stadt Prag
Planung: petrjanda/brainwork
Mitarbeiter: Anna Podroužková, Maty Donátová, Bára Simajchlová
Statik: Pavel Roubal

Grundstücksfläche: 4 km Länge
Planungsbeginn: 2009
Fertigstellung: 2019
Baukosten: 6.5 Mio €

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Jakub Skokan and Martin Tůma / BoysPlayNice

 

Kategorie: Projekte