Serielle Stadtlandschaft

28. April 2026 Mehr

Wie viel Stadt steckt im seriellen Wohnbau – und wie viel Gemeinschaft lässt sich in einem System aus rund 1.700 Betonfertigteilen organisieren? Inmitten der Plattenbaulandschaft von Marzahn-Hellersdorf entfaltet die Lion-Feuchtwanger-Straße 61 ein präzise gerastertes Wohnensemble, das aus einem einzigen konstruktiven Prinzip hervorgeht und daraus eine erstaunlich vielschichtige urbane Welt aus Höfen, Laubengängen, Townhouses und gemeinschaftlichen Plateaus entwickelt. Die serielle Struktur wird zur architektonischen DNA eines Ortes, der weit mehr bietet als reine Verdichtung.

 

 

Der Berliner Wohnungsbau ist eine Geschichte der permanenten Aushandlung – zwischen Dichte und Lebensqualität, Industrialisierung und Gemeinwohl, ökonomischer Notwendigkeit und architektonischer Ambition. Von den Mietskasernen der Kaiserzeit über die Siedlungen der Moderne bis zu den Großwohnsiedlungen der DDR zeigt jede Epoche, wie sehr Stadtentwicklung ein Spiegel gesellschaftlicher Prioritäten ist. In Kaulsdorf-Nord lässt sich dieser Wandel besonders deutlich ablesen, denn hier treffen die seriellen Strukturen der 1980er-Jahre auf eine neue Generation von Nachverdichtungsprojekten, die ökologische, soziale und städtebauliche Anforderungen miteinander verschränken.

Die Lion-Feuchtwanger-Straße 61 besetzt dabei eine Stelle von außergewöhnlicher räumlicher Spannung: den Kreuzungspunkt zweier Grünachsen, die die Großsiedlung in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung durchziehen und deren diffuse Offenheit bislang eher Transit- als Aufenthaltsqualität erzeugte. FAR frohn&rojas reagieren nicht mit einer Wiederholung der Platte, sondern mit einer radikal reduzierten Betonskelettstruktur, die den industriellen Logiken des Hallenbaus entlehnt ist und daraus ein urbanes Wohnregal mit präziser räumlicher Grammatik entwickelt. Das Resultat ist eine urbane Nachverdichtung, die aus der Struktur selbst heraus Stadt generiert und damit eine neue Lesbarkeit der peripheren Siedlung ermöglicht.

 

 

Skelett statt Wand

Die architektonische Grundhaltung des Projekts liegt in einer konstruktiven Disziplin, die sich als räumliches Gerüst lesen lässt. Das Wohnensemble basiert auf einem seriellen Skelett aus vorgefertigten Betonstützen, Unterzügen und großformatigen Deckenplatten, wie sie typischerweise im Industrie- und Gewerbebau eingesetzt werden. Dieses fein austarierte Raster erzeugt große Spannweiten und weitgehend stützenfreie Wohnungsgrundrisse, die unabhängig von tragenden Wänden organisiert werden können. Zugleich ermöglicht die Struktur eine spätere Demontage der Elemente und eröffnet damit Perspektiven zirkulären Bauens, die über konventionelle Materialoptimierung hinausreichen. Das Skelett ist nicht nur Struktur, sondern ein System, das zukünftige Veränderungen zulässt – eine der bemerkenswertesten Qualitäten des Projekts.

 

 

Grünachsen als urbanes Rückgrat

Städtebaulich antwortet die Anlage unmittelbar auf die Logik der Großsiedlung. Der Schnittpunkt der beiden Grünachsen bildet das räumliche Zentrum, das FAR frohn&rojas durch zwei sechsgeschossige Wohnriegel fassen. Der Abstand der Riegel entspricht der Breite einer Berliner Straßenflucht, sodass eine klare städtische Figur entsteht, die der fragmentierten Umgebung ein neues Rückgrat gibt. Zwischen den beiden Baukörpern spannt sich ein aufgeständertes Gartenplateau, das über einem durchgängig tagesbelichteten Sockel liegt. Unter dieser erhöhten Fläche befinden sich Stellplätze für Fahrräder und PKW, Ladestationen für e-Mobilität sowie eine Packstation für die Bewohner, während das Plateau selbst zur halböffentlichen Mitte des Ensembles wird – ein Ort des Ankommens, Begegnens und Verweilens, der sich bewusst von den amorphen Zwischenräumen der DDR-Siedlung unterscheidet. Die Großform des Bestands wird so nicht negiert, sondern präzise überschrieben. Eine neue urbane Topografie entsteht, die auf zwei Ebenen gleichzeitig funktioniert: als Infra­strukturraum im Sockel und als gemeinschaftliche Freifläche darüber.

 

 

Urbane Wohnregale

Innerhalb des seriellen Betonrasters entfaltet sich eine überraschend große Diversität an Wohnungstypen. FAR frohn&rojas nutzten die konstruktive Freiheit der stützenfreien Grundrisse für einen Mix, der von kompakten Apartments bis zu zweigeschossigen Townhouses reicht, die unmittelbar am Plateau liegen. Alle Wohnungen sind als Durchwohneinheiten konzipiert, die sich sowohl zum gemeinschaftlichen Gartenplateau als auch zur umgebenden Nachbarschaft öffnen. Dadurch werden flexible räumliche Konfigurationen möglich, bei denen private und halböffentliche Zonen individuell orientiert werden können. Die serielle Struktur wirkt wie ein Wohnregal, das unterschiedliche Lebensmodelle strukturell gleichwertig aufnehmen kann, ohne seine formale Klarheit zu verlieren.

 

 

Zirkulation als sozialer Raum

Die Erschließung ist als Teil des sozialen Gefüges gestaltet. Zur Gartenseite öffnen sich Laubengänge, die Zugang und Aufenthaltsqualität miteinander verbinden. Wellenförmig erweiterte Bereiche werden zu kleinen Logen, die den Blick auf das Plateau lenken und gleichzeitig einen privaten Schwellenraum bilden. Ein filigranes Edelstahlgewebe dient als Absturzsicherung und Rankhilfe und macht die Laubengänge perspektivisch zum Teil einer vertikalen Gartenlandschaft. Die vier außenliegenden Treppenhäuser rhythmisieren den Baukörper und unterstützen die Lesbarkeit als poröse, durchlässige Struktur, die Gemeinschaft nicht erzwingt, sondern räumlich ermöglicht.

 

 

Mobilität im Sockel

Der Sockel unter dem Plateau bündelt Nutzungen, die im konventionellen Mietwohnungsbau selten kombiniert sind. Der tagesbelichtete Bereich integriert Stellplätze, Ladepunkte, Paketstation und Haustechnik. Die gemeinschaftlich nutzbaren Räume wurden im 3. OG untergebracht. Die Geschlossenheit der Fassaden zum Außenraum hin verstärkt die Differenz zwischen dem introvertierten Innen und der ruhigen Nachbarschaftsseite der beiden Riegel – eine räumliche Haltung, die dem Ensemble eine klare urbane Hierarchie verleiht.

 

 

Doppelte Lesbarkeit

Die Fassaden geben dem Ensemble eine zweistimmige Identität. Zur Nachbarschaft hin zeigen die Riegel eine zurückhaltende Rasterfassade, die aus raumhohen Schiebeelementen und geschlossenen Aluminiumfeldern komponiert ist. Diese abstrahierte Strenge nimmt die Logik der Plattenbauten auf, führt sie jedoch mit feinerem Maßstab und präziser Detaillierung weiter. Zur Gartenseite dagegen lösen sich die Baukörper durch die Laubengänge, Freisitze und die durchlässigen Edelstahlgitter in eine tief gestaffelte räumliche Struktur auf. Sichtbeton, Metall und Glas erzeugen eine industrielle, zugleich sehr kontrollierte Ästhetik, die sich bewusst vom farbigen Putz der Bestandsbauten absetzt und den experimentellen Charakter der Anlage unterstreicht.

 

 

Urbaner Raum als Systemfrage

In seiner Konsequenz formuliert das Projekt einen präzisen Beitrag zur Frage, wie urbaner Raum in peripheren Großsiedlungen entstehen kann. Die Lion-Feuchtwanger-Straße 61 zeigt, dass Nachverdichtung nicht zwingend in neue Monolithen mündet, sondern durch robuste Systeme erzeugt werden kann, die Wandelbarkeit, soziale Interaktion und räumliche Klarheit verbinden. Gerade in einem Umfeld, in dem Wohnungsbau allzu oft an Kostendruck und Standardisierung scheitert, liefert das Projekt ein architektonisches Argument für urbane Vielschichtigkeit: Sie entsteht nicht trotz des seriellen Bauens, sondern aus seiner strukturellen Intelligenz heraus.

 

 

Nachgefragt im Gespräch mit Marc Frohn & Mario Rojas Toledo

Das Projekt bewegt sich zwischen Siedlungsstruktur und öffentlichem Raum. Wie gelingt es, in verdichteten Wohnumfeldern Gemeinschaft zu fördern, ohne die Intimität des Wohnens zu verlieren?

Alle Wohnungen sind durchgesteckt und zweiseitig belichtet – zum gemeinschaftlichen Gartenplateau und zur Nachbarschaft hin. Dank des großen Gebäudeabstands konnten die privaten Räume nach außen und Küchen sowie Essbereiche zum Laubengang hin orientiert werden. So entstehen trotz der Dichte abgeschirmte, intime Rückzugsorte.

Stadt als Prozess, nicht als Objekt: welche Rolle spielt Adaptivität, also die Fähigkeit zur Veränderung über die Zeit?

Im Gegensatz zum klassischen Plattenbau sind unsere seriellen Bauten als Skelettstrukturen konzipiert. Tragwerk und Raumbildung bleiben klar getrennt. Dadurch entsteht strukturelle Resilienz, die künftige Anpassungen ohne Eingriff in die Tragstruktur erlaubt.

Die Gebäude wirken robust und offen – fast prototypisch für urbanes Wohnen. Welche Rolle spielt Materialwahl für städtische Lesbarkeit und soziale Resonanz?

Die robuste Materialwahl und klare Lesbarkeit der Grundstruktur spiegeln den Maßstab der Umgebung wider. Großmaßstäbliche Bauten mit rhythmischen Wiederholungen prägten den Kontext – unsere tektonische Offenlegung der seriellen Struktur knüpft daran bewusst an.

 In Berlin prägen Übergangszonen zwischen Straße und Hof die urbane Qualität. Wie interpretieren Sie diese Schwellenräume architektonisch und atmosphärisch?

Das gemeinschaftliche Gartenplateau zwischen den beiden Riegeln bildet die zentrale Übergangszone zwischen privaten Wohnungen und der offenen Landschaft der Großsiedlung. Es bietet Spielflächen und Begegnungsorte. Im Schnitt lehnt es sich an das Straßenprofil einer Berliner Gründerzeitstraße an, um räumliche Dichte, Privatheit und Exponiertheit neu auszuloten.

 

 

 

Wohnbau Lion-Feuchtwanger Strasse
Berlin, Deutschland

Bauherr: Euroboden GmbH
Planung: FAR frohn&rojas Planungsgesellschaft mbH
Team: Marc Frohn, Mario Rojas Toledo, Max Koch, Stefan Glüder, Maxim Lefebvre, Agnes Helming, Nezabravka Bogdanova
Statik: IB Paasche

Grundstücksfläche:  3.280 m²
Bebaute Fläche: 2.618 m²
Nutzfläche: 9.287 m²
Planungsbeginn: 01/2020
Bauzeit: 03/2022 – 03/2025
www.f-a-r.net

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: David Hiepler

Kategorie: Projekte