Über den Dingen

31. März 2020 Mehr

Auf knapp 3.000 Metern Höhe befindet sich unter dem Gipfel Dormillouse das Biwak Matteo Corradini, ein Rückzugsort für Bergsteiger. Der markante Körper öffnet sich nur in zwei Richtungen mittels großflächigen Fenstern, die atemberaubende Ausblicke bieten. Die ansonsten geschlossene schwarze Hülle sorgt für die perfekte Wärmeregulierung im Inneren über das ganze Jahr.

 

Biwak Matteo Corradini

 

Manchmal muss man einen Gipfel erklimmen, um die Dinge klar sehen zu können. Doch je höher man steigt, desto dünner wird die Luft, umso karger der Boden und umso kälter die Nacht. Kein Wunder, dass sich der Mensch in den Bergen seit jeher Zufluchtsorte geschaffen hat. Behagliche Rückzugsmöglichkeiten, Schutz vor Wind und Wetter, man rückt zusammen.

Das im oberen Valle di Susa gelegene Biwak Matteo Corradini ist ein solcher Ort der Einkehr. Es entstand 2019 auf Betreiben von Paolo Corradini und dessen Familie in Gedenken an deren Sohn, einen leidenschaftlichen Bergsteiger. Unweit des Gipfels Dormillouse (2.908 Meter über dem Meeresspiegel), entworfen von den Architekten Andrea Cassi und Michele Versaci, liegt der Unterschlupf für Bergsteiger markant eingebettet in die beeindruckende Bergwelt an der Grenze zwischen Italien und Frankreich.

 

 

Das streng geometrische Objekt wirkt in seiner Stringenz nahezu skulptural und funktioniert ähnlich einer Kamera. Zwei großflächige, gegenüberliegende Fenster bieten in Anlehnung an Kameraobjektive atemberaubende Ausblicke auf die alpine Bergwelt – der Zoom auf das Hauptaugenmerk: Fels, Himmel und Sterne. Das leichte und reversible Gebäudesystem steckt in einer Außenhülle aus pechschwarzem Metall, durch die regelmäßigen Falzkantungen vertikal strukturiert. Die Idee hinter dem Baukörper basiert auf der reinen Physik, in der ein schwarzer Körper ein ideales Objekt ist, da die Energie vollständig absorbiert und wieder in die Umgebung abgestrahlt wird.

Aufgrund seiner exponierten Lage auf dem kleinen Pass unter den letzten Hängen in der Nähe des Gipfels ist das Biwak extremen Wetterbedingungen ausgesetzt. Dank der durchdachten Konstruktion schützt das dunkle Prisma vor ebendiesen und absorbiert gleichzeitig ein Maximum der intensiven Sonneneinstrahlung. Bei der Wahl der Materialien und der Form bezogen sich die Architekten auf die umgebende Landschaft: steile, dunkle Felskämme, die in grasbewachsene Hänge und Felsen übergehen, welche im Winter vollständig von meterhohem Schnee bedeckt sind. Der Baukörper fügt sich diskret in die Bergwelt, will nicht stören oder laut sein, eher als ein bewohntes Landkunstwerk verstanden werden, das unerwartete Anblicke und Ausblicke bietet.

 

 

So ist es kein Wunder, dass Wiederverwertbarkeit und ökologische Nachhaltigkeit zentrale Aspekte bei der Umsetzung des Projekts waren und sind. Dank vorgefertigter Holzbauteile konnte das Biwak binnen einer sehr kurzen Montagezeit von nur fünf Tagen vor Ort aufgestellt werden. Die in einer Werkstatt gefrästen und vormontierten Module wurden in deren Größe und Gewicht so konzipiert, dass sie anschließend per Hubschrauber so schnell wie möglich auf den Pass geflogen und vor Ort unkompliziert zusammengebaut werden konnten. Der Leichtbau ruht an seiner Unterseite nur zu einem Viertel auf dem Boden – einerseits, um sich der Neigung vor Ort anzupassen, andererseits, um den Landverbrauch so gering wie möglich zu halten. Vorhandenes Schiefergestein dient dabei als Fundament, das auch Regen oder Tauwasser abhält.

Das Biwak wird hauptsächlich im Frühjahr und Winter von Skitourengehern aufgesucht, bevor es auf den Gipfel der Siebenschläfer geht, den höchsten Punkt des Kamms, der das Val Thuras vom Cervières-Tal in der Region Briançonnais trennt. Die Bergkette ist ein äußerst beliebtes Ziel und der kleine Pass, der als Standort für die Installation des Bauwerks gewählt wurde, ein beliebter Panorama- und Aussichtspunkt, der sich ideal für den Bau einer Notunterkunft eignet. Mehrere Skibergsteiger oder Wanderer können im Biwak rasten und nächtigen, bevor es in ein paar Stunden bis zum ersehnten Ziel geht.

 

Biwak Matteo Corradini

 

Das Innere des Biwaks bildet einen starken Kontrast zur Außenhaut. Während sich der Baukörper nach außen hin markant-heroisch präsentiert, empfängt der Innenraum den Besucher wie ein warmes Nest. Die harte Metallhaut verfügt auf einer Seite genau in der Mitte am Knick über eine zweiflügelige Tür, durch die man ins Innere gelangt. Aus der Ferne unsichtbar, offenbart sich der Zugang erst bei näherer Betrachtung. Der besondere Beschlag ist ein liebevolles Detail, das von der Hingabe zum Design der Gestalter zeugt.

Über eine Schwelle betritt man das komplett mit Zirbenholz ausgekleidete Innere der Skulptur, von den Architekten Holzkrippe genannt. Denn die in den Bergen heimische Zirbe wird in der alpinen Tradition seit jeher zur Herstellung von Wiegen und Schlafzimmermöbeln verwendet. Dem Duft der ätherischen Öle wird eine gesundheitsfördernde Wirkung nachgesagt, zudem ist das Holz unkompliziert in der Verarbeitung. So findet sich die Natur mit allen Sinnen erlebbar auch im Innenraum der Unterkunft wieder.

 

 

Das Biwak ist trotz seiner Größe von nur 15 Qua­dratmetern Nutzfläche ein kleines Raumwunder. Die Architekten haben für das Innere ein System von Holzstufen entwickelt, die sich an den beiden kurzen Seiten des Gebäudes um einen zentralen Tisch herum entwickeln. In der Nacht werden die sechs Holzstufen, drei auf jeder Seite, zu bequemen Betten. Am Tag sitzt die Bergsteigergemeinschaft auf dieser über den Hang des Berges hinausragenden Konstruktion gesellig zusammen.

So ist das Biwak Matteo Corradini mehr als nur eine rein funktionale Notunterkunft. Dank des geschickten Einsatzes von Material, Form und Farbe stemmt sich das Objekt nicht gegen die Natur, sondern nutzt vielmehr die Gegebenheiten optimal aus, münzt vermeintliche negative Umweltaspekte in positive Effekte um. Auf knapp 3.000 Metern haben die Architekten auf diese Weise ein gemütliches, einladendes und geselliges Nest geschaffen: einen Treffpunkt für Abenteurer und Entdecker.

 

 

black body mountain shelter | matteo corradini bivouac
Cesana Torinese, Italien

 Bauherr: Paolo Corradini
Planung: Andrea Cassi e Michele Versaci
Statik: Luca Giacosa

Grundstücksfläche: 20 m2
Bebaute Fläche: 20 m2
Nutzfläche: 15 m2
Planungsbeginn: 12/2018
Bauzeit: 3 Monate Vorfertigung, 5 Tage Montage vor Ort
Fertigstellung: 07/2019
Baukosten: 60.000 €

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Delfino Sisto Legnani

 

Kategorie: Projekte

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