Verbunden im Kreuzelstich

22. September 2026 Mehr

Die Architektur der freien Pädagogik ist nicht nur eine Frage der offenen Raumkonzepte, sondern vor allem eine Frage des Materials, ist man bei Pedevilla Architects überzeugt. Was sie damit meinen, zeigt ihr Bildungsbau im alpinen Dorfsetting von Kössen. Böden und Möbel aus naturbelassenem Vollholz, tief verankert in der regionalen Baukultur, treten gegen die technische Rationalität von Stahlrohr und PVC-Beschichtung an. Ein Match mit klarem Sieger.

 

 

In Tirol hält man an den Traditionen fest. Bei der Eröffnung des neuen Bildungszentrums in der Leukentaler Gemeinde Kössen vergangenen Herbst manifestierte sich diese beständige Brauchtumspflege einmal mehr. Der Bürgermeister begrüßte, der Pfarrer segnete und die Dorfkapelle blies zum Marsch. Die Lehrerschaft, kollektiv in Tracht angetreten, posierte vor dem neuen Schulkomplex für die Lokalpresse, und Architekt Armin Pedevilla sah in dem Moment das entwickelte Konzept voll aufgehen. Der Schriftzug über dem Eingangsbereich, frei nach dem folkloristischen Kreuzelstich in die Holzlattung gefräst, bildete mit den traditionell gekleideten Menschen darunter „eine Stimmigkeit, die extrem authentisch war“, schwärmt er. Während sich der schlicht gehaltene Baukörper mit seiner verspringenden Holzfassade genauso gut in einen skandinavischen Kontext setzen ließe, sorgen Details wie die Ornamentik dafür, dass er unmissverständlich in Ort und Zeit verankert ist. Es zeigt sich, dass die moderne Architektursprache durchaus eine Prise Lokalkolorit verträgt und damit zur Identitätsstiftung beiträgt.

 

 

Dass sich die Einrichtung nicht Schule, sondern Bildungszentrum nennt, lässt den modernen pädagogischen Ansatz erkennen, den man entgegen aller Traditionsverbundenheit verfolgt. Der Neubau vereint Volksschule, Kindergarten, Krippe, Hort und Sporthalle, alles unter einem Dach. Eine Verschränkung, die über eine rein funktionale Bündelung hinausgeht, wie man betont. Im offenen, clusterartigen Raumkonzept löst sich die strenge Trennung zwischen Ankommen, Spielen, Lernen und Arbeiten auf. Der Wechsel von der Krippe in den Kindergarten und dann weiter zur Volksschule verliert seinen Schrecken, da die Kinder das Haus und die Lehrkräfte bereits kennen. Und, wie ähnliche Projekte zeigen, stärkt so ein Bildungscampus auch den Zusammenhalt in einer Gemeinde, indem er zum gemeinschaftlichen Drehkreuz wird.

 

 

Großes Volumen, kleine Wirkung

All diese unterschiedlichen Funktionen brauchen verständlicherweise viel Raum, was man dem pädagogischen Großprojekt von außen gar nicht ansieht. Am nördlichen Rand des Siedlungskerns, wo die Bebauung in eine Sackgasse ausfranst, markiert das Gebäude einen städtebaulichen Abschluss und grüßt mit seiner dunkelgrünen Fassade zum bewaldeten Hang hinauf. Der Baukörper reagiert mit seiner Höhe auf die jeweilige Nachbarschaft und macht zudem die unterschiedlichen Nutzungen ablesbar: Die Schulkinder belegen den dreigeschossigen Trakt, der Kindergarten den Zweigeschosser und der Hort den Flachbau.

Diese geschickte Proportionierung täuscht über das tatsächliche Volumen des Bildungszentrums hinweg und sorgt dafür, dass es die dörfliche Struktur nicht erschlägt. Mit einer Kubatur von 26.500 Kubikmetern entspricht der umbaute Raum in etwa einer Siedlung von 35 Einfamilienhäusern oder, umgerechnet, einem zehnstöckigen Block mit einer Grundfläche von 900 Quadratmetern. In einem überschaubaren Dorf wie Kössen wäre so ein Trumm, um es Tirolerisch auszudrücken, undenkbar. Schon allein seiner touristischen Bedeutung wegen fühlt man sich in Kössen dem Ortsbild verpflichtet.

 

 

Ornament folgt Funktion

Das baukulturelle Erbe der rund 4.500 Einwohner zählenden Gemeinde spannt einen Bogen von mehreren Jahrhunderten und hat einige Denkmäler hervorgebracht – von rund 500 Jahre alten Einhöfen und der barocken Pfarrkirche bis hin zum Arzthaus von Franz Baumann, einem Vertreter der Tiroler Moderne. „Beim Blick auf die ortstypischen Merkmale sind uns vor allem die großen, massiven Bauern- und Dorfgasthäuser aufgefallen, die mit ihrer starken Ornamentik das Ortsbild sehr stark geprägt haben“, schildert der Südtiroler Architekt die Ausgangslage. Auf der Suche nach einem verbindenden Element zu diesem bäuerlichen Charakter kam man auf den textilen Kreuzstich (in Tirol: Kreuzelstich), eine der ältesten Handarbeitstechniken der Welt. So ist die Kreuzstich-Schrift, wie man sie beispielsweise von den „Spruchdeckerln“ in Tiroler Küchen kennt, Teil der Signaletik, während man auf das Motiv des Diagonalkreuzes im ganzen Haus immer wieder stößt: bei den Aussteifungselementen der Garderoben, an den Lüftungsauslässen, bei den Flanschen des Handlaufs.

 

 

An die Entwicklung des Designs ist das Team um ­Pedevilla so herangegangen, wie hier früher stets gebaut worden ist: Die Form entstand aus einer grund­ehrlichen Funktion heraus und anschließend wurde mithilfe von Ornamenten und Malerei geschmückt. Ähnlich sind auch die ausgeklappten Vordächer über den Fenstern entstanden, die dem Neubau seinen charakteristischen Look verleihen. Als Witterungsschutz und Verkleidung für die Außenrollos erdacht, kamen hier jene Farben ins Spiel, die sich auch an den traditionellen Häusern im Ort immer wieder finden. Bei näherer Betrachtung blitzen hier unter dem seriösen Grün der Holzfassade recht subversiv die Farben Gelb und Rot hervor. Auch das geschossweise, leichte Auskragen der Fassade ist aus der Funktion heraus zum Gestaltungselement geworden. Dienen die Vorsprünge in erster Linie dem konstruktiven Holzschutz, bringt die horizontale Gliederung zugleich Spannung in die ansonsten schlichte Fassade.

 

 

Wo Holz reifen darf

Im Inneren offenbart sich nicht nur die tatsächliche Größe des Gebäudes, sondern auch seine für einen Bildungsbau verblüffende Materialität. Statt praktischem Linoleum- oder Harzboden hat man im gesamten Haus – auf 3.660 Quadratmetern – eine Weißtannen-Massivdiele verlegt, und zwar komplett naturbelassen, ohne Öl und Wachs. Den Architekten gelang es, die anfängliche Skepsis der Bauherrschaft, wie man diesen Belag denn reinige und ob sich das denn auch finanzieren ließe, zu zerstreuen. „Man muss dem Boden mindestens zwei Jahre Zeit geben, bis er eine Grundpatina hat, aber das Holz kann so am besten regenerieren und sich selbst heilen“, erklärt Armin Pedevilla und verweist auf die bäuerlichen Häuser der Region, wo man es nicht anders gemacht hat. Da hier lokales Holz direkt über die Säge eingekauft wurde – ohne weitere Produzenten oder Zwischenhändler – war die Lösung am Ende dann auch kostengünstiger als ein gekaufter Parkett.

 

 

Diese materielle Reinheit und Hochwertigkeit zieht sich durch den gesamten Innenausbau und die Möblierung. Die Ausstattung von Schulen und Kindergärten kommt heute meist sehr technisch daher. Mit Stahlrohren und kunststoffbeschichteten Oberflächen stemmt sie sich mit aller Kraft gegen die Abnutzung und den stets einkalkulierten kindlichen Vandalismus. Den Kindern in Kössen hingegen gibt man Schafwollteppiche, Lodenstoffe, Tische und Regale aus naturbelassenem Vollholz und sogar einen eigens von den Architekten entworfenen Holzstuhl. Im Gegensatz zu den industriellen Materialien, die darauf ausgelegt sind, auf den Gebrauch möglichst nicht zu reagieren, erreichen die Naturmaterialien, allen voran das Holz, erst mit diesen Gebrauchsspuren ihre volle Reife.

 

 

Langlebigkeit durch emotionale Bindung

Den warmen Backdrop an den Wänden liefert ein Kalkputz mit recycelten Zuschlägen aus Ziegelbruch, der den pudrigen Terrakottaton erzeugt. Was eigentlich ein Füllmaterial ist, um Unebenheiten auszugleichen, bildet hier die fertige Oberfläche und muss nie wieder gestrichen werden. So konnte nicht nur Geld gespart werden, die Wände haben auch eine einzigartige haptische Qualität und eine Lichtbrechung, die sehr organisch wirkt. Diese hochwertige und natürlichen Materialität schafft einen sicheren Ort, an dem sich die Kinder auch ein Stück weit zuhause fühlen.

Was hier versucht wird, ist die effektive Umkehr des sozialpsychologischen Broken-Window-Prinzips. Während beschädigte Dinge und verwahrloste Orte bekannterweise zu einer Abwärtsspirale führen, weiß man heute, dass eine gezielte Aufwertung der Umgebung die emotionale Bindung stärkt und Orte so instinktiv geschützt werden. Die Rückmeldungen aus dem neuen Bildungszentrum bestätigen das: Die Kinder gehen am liebsten barfuß über den samtig weichen Holzboden, und insgesamt sind sie in den neuen Räumen deutlich ruhiger geworden.

 

 

Auch wenn es von außen so wirken mag, handelt es sich bei dem Gebäude nicht um einen konstruktiven Holzbau. Bei dem großen Volumen war es einerseits eine Budgetfrage, aber mehr noch eine Frage der Eignung, wie der Architekt betont. „Jedes Material hat seine Qualitäten, und der Stahlbeton war in diesem Fall technisch leichter umsetzbar, und zudem bietet er eine sehr große Speichermasse, was das Raumklima im Inneren konstant hält.“ Ein Effekt, den man schon bei den historischen Bauern- und Dorfgasthäusern genutzt hat. Die sind alle mit massiven Steinmauern errichtet.

 

 

Bildungszentrum Kössen
Kössen, Tirol

Bauherr: Gemeinde Kössen
Architektur: ARGE Pedevilla Architects, gbd Holding
Bauunternehmen: Ing. Hans Bodner
Stühle: Trewit + MarchGut, designt mit Pedevilla Architects
Möbeltischler: Tischlerei Oberressl
Schul- und Stellmöbel: Reiter Design gmbH

Nutzfläche: 4.016 m²
Planungsbeginn: 2023
Fertigstellung: 2025

www.pedevilla.info

 

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Gustav Willeit

Kategorie: Projekte