Holz in luftiger Höhe

13. August 2015 Mehr

 

Die Baumkronenforschung (auf Englisch: „Canopy research“) ist ein noch recht junges Teilgebiet der Biologie, deren Hauptziel es ist, die ökologischen Zusammenhänge in den obersten Etagen der Wälder zu erforschen. Ein Hauptinteresse der Baumkronenforscher gilt u.a. den Wechselwirkungen zwischen „oben“ und „unten“.

 

 

In den obersten Etagen der Wälder kann nämlich die Energie der Sonne von den Bäumen besonders intensiv genutzt werden, um zum Beispiel Blätter zu erzeugen, die nach dem Laubfall am Boden den Tieren und Mikroorganismen als Nahrungsgrundlage dienen können: Der Kronenraum ist in einigen Wäldern das produktivste Stockwerk des Waldes. In den Tropen kann der obere Kronenraum jedoch auch wüstenartige Verhältnisse aufweisen, da bei voller Sonneneinstrahlung die Luftfeuchte, im Gegensatz zum beschatteten Waldinneren, deutlich abnehmen kann. An diese zum Teil sehr stark ausgeprägten Unterschiede müssen sich die Organismen des Waldes anpassen. Dies ist einer der Gründe, weshalb vor allem in hohen und alten Wäldern im Kronenraum zum Teil ganz andere Arten angetroffen werden als am Waldboden.

Aber auch für Nichtbiologen, für ganz normale Besucher und Touristen kann und soll auch der obere Teil der Bäume zugänglich gemacht werden. Dazu werden allerorts (auch im Tiergarten Schönbrunn) Baumwipfelwege eingerichtet. Diese bieten neben der fachspezifischen Erkenntnis auch einen beachtlichen Erlebniswert. Baumkronenwege ermöglichen den Besuchern mit den Baumwipfeln auf Augenhöhe zu sein und sie eröffnen ungeahnte Perspektiven.
So auch der Baumkronenweg in Füssen, Deutschland. Das Walderlebniszentrum Ziegelwies in Füssen ist ein gemeinnütziger Verein mit dem Ziel, über den Wald, die Umwelt und die Natur, insbesondere in der Kulturlandschaft des Ostallgäus / Südbayern und des Außerferns / Tirol zu informieren und zum „Erleben“ dieser Themen anzuregen. Seit 2002 ermöglicht der Verein den Besuchern, den Lebensraum Wald zwischen Wildfluss Lech und den Steilhängen des Allgäuer Bergwaldes zu erkunden. Und zwar auf deutschem und österreichischem Boden und seit Juni 2013 ist dies nun auch mit einem grenzüberschreitenden Baumkronenweg möglich. Er erstreckt sich über eine Länge von 450 Meter mit einer Breite von 1,8 Meter in der luftigen Höhe von maximal 21 Meter über nur vier Stützen.

Die stark vorgespannte Hängebrücke mit sehr geringem Stich, also eine Spannseilbrücke, eignet sich für die Überbrückung von großen Spannweiten. Das Eigengewicht des Primärtragwerkes ist sehr gering und die tragende Konstruktion besteht lediglich aus zwei Stahlseilen. Die Seile der Primärtragwerke wurden an den Endauflagern bzw. den Plattformen verankert. Die Gehbahnschüsse aus Holz bilden das Sekundärtragwerk, durch welches die Verkehrslasten der Benutzer in das Primärtragwerk eingeleitet werden.
Zur Erreichung der vertikalen Höhe wurde ein Stützen – Plattformkonzept entwickelt, welches die hohen horizontalen und vertikalen Kräfte um-, weiterleiten und abführen kann. Die Stützen sind quadratische Hohlkästen aus blockverleimtem Lärchenbrettschichtholz. Die Plattformen haben als tragende Konstruktion ein Stahlgerippe, welches gleichsam eine „blattartige“, bionische Form aufweist. Die zentrale Hauptrippe ist auf die Winkelsymmetrale des Linienzuges ausgerichtet, die Nebenrippen sind in den Seillinien bzw. parallel dazu ausgerichtet. Die Anschlusslaschen dieser Stahlkonstruktionen dienen der Aufnahme der Gabelköpfe der Haupttragseile und der Abspannungen und der Verbindung mit den Stützen. Zur Kopfstabilisierung erhielt jede der vier Stützen zwei bis drei Abspannungen.
Die Gehbahnkonstruktion ist eine frei bewitterte Holzkonstruktion aus Lärchenholz. Dies entsprach dem Wunsch des Bauherrn. Im Gesamtkonzept des Walderlebniszentrums und des Baumkronenweges und der Einbettung in die Natur ist dies in sich stimmig. Um die Langlebigkeit dieser Konstruktion zu gewährleisten, ist heimisches Lärchenholz mit den besonderen Qualitätsanforderungen wie Kernfreiheit und Splintfreiheit (95%) verwendet worden. Weiters erhielten die Längsträger der Gehbahnschüsse eine Blechabdeckung. Die Gehbahn wurde so ausgeführt, dass die einzelnen Konstruktionsteile des Geländers und des Tragbelages leicht austauschbar sind.

Das niederösterreichische Unternehmen (Duschek&Duschek), das den Baumkronenweg errichtete, hat heuer zum vierten Mal die Jury von „Kreativ in die Zukunft“ (WKNÖ) überzeugen können und den ersten Preis in der Kategorie „Technische Innovation“ errungen.

 

Fotos: D2

 

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Kategorie: Projekte

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