Von Zucker und Zeitgeschichte

26. Februar 2020 Mehr

ODA Architects verwandelten in New York City eine ehemalige Zuckerfabrik in Büroräume. Unter den strengen Augen des Denkmalschutzamts gelangt es den Architekten, das geschichtsträchtige Gebäude an der 10 Jay Street behutsam zu revitalisieren. Der Bau wurde auf seine Grundmauern reduziert, um eine neue Fassade ergänzt und so der Charme des historischen Bestands inmitten der modernen Großstadt erhalten.

 

 

Am Fuße der berühmten Manhattan Bridge und unmittelbar am East River prägt das Gebäude an der 10 Jay Street seit jeher das Stadtgefüge und erinnert an die industrielle Vergangenheit der amerikanischen Metropole. Die ehemalige Zuckerraffinerie der Arbuckle Brothers unterlief im Laufe der Jahre etliche Veränderungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Verkauf der Fabrik wurde mit dem Abriss eines Nachbarbaus auch die zur Wasserfront orientierte Fassade entfernt. Erhalten blieben nach den Abbrucharbeiten in den 50er Jahren nur die drei originalen Ansichten und die Innenraumgestaltung. Um das Loch zu flicken wurde das Gebäude daraufhin rundum in Beton gehüllt und im Zuge wechselnder kommerzieller und kreativer Nutzungen immer wieder leicht verändert. Während der Großteil der Industriebauten in dem beliebten New Yorker Viertel nach und nach teuren Apartments und Lofts weichen musste, blieb die Zuckerfabrik bis heute bestehen. ODA Architects widmen sich der Sanierung mit Bedacht und in Rücksicht auf die Vorschriften der Landmarks Preservation Commission, die sich um den Schutz historischer Bauten kümmert.

Die tragende Struktur des zehnstöckigen Stahlrahmenbaus wurde in Folge der Sanierung bis auf den Kern ausgehöhlt. Erhalten blieb neben den drei plakativen Fassaden aus rotem Backstein, nur das Innenleben der einstigen Fabrik. Die alten Ansichten wurden restauriert und neue Aluminiumfenster in die Öffnungen gesetzt. Diese sind Nachbildungen der Originalfenster und passen die Außenhülle an heutige Energiestandards an. Vor die tragenden Säulen, der zum Wasser gerichteten Stirnseite des Gebäudes, legt sich das repräsentative Herzstück des Projekts in Manhattan – die auffällige Vorhangfassade. Sie setzt sich aus drei- und viereckigen Low-E-Glas- und Aluminiumflächen zusammen, die in verschiedenen Winkeln aufeinandertreffen. Die einzelnen Elemente werden von einer verzweigten Unterkonstruktion zusammengehalten. Den vorderen Abschluss der Geschossdecken bilden flache Paneele. Diese sind abwechselnd in Spiegelglas und, den Auflagen des Denkmalschutzamtes entsprechend, in rotem Backstein ausgeführt. Die neue Fassade wirkt mit ihrer kleinteiligen Gestaltung fast kristallin und soll damit an die Geschichte der ehemaligen Zuckerraffinerie erinnern. Wie ein riesiges Kaleidoskop spiegeln die geneigten, speziell beschichteten Glasflächen den Himmel, die umliegenden Wolkenkratzer, die Brücke und den East River wider und werden zum Blickfang des Bürobaus.

 

 

Entgegen erster Überlegungen der Bauherren, die ehemalige Fabrik in einen Wohnbau zu verwandeln, fiel die Entscheidung letzten Endes zugunsten einer Büronutzung aus. Im Erdgeschoss des rund 21.000 m2 großen Baus entstand mit dem auffälligen Foyer, das die Nutzer willkommen heißt, der einzige aufwendig ausgebaute Bereich. Zu seinen Highlights zählt ein riesiges, mit Moos bepflanztes Bild der Manhattan Bridge, sowie ein in Stein nachgebildeter Abschnitt der Fassade, der den Liftschacht einfasst.

Die einzelnen Stockwerke blieben gänzlich unbespielt und fungieren als große, kreative Open-Space-Arbeitsbereiche. Sie werden nur von einem versorgenden Kern mit Erschließungszone und Nasszellen im rückseitigen Gebäudeteil, sowie dem regelmäßigen Raster der Säulen strukturiert. Mit der vollverglasten Hauptfassade öffnen sich die Räume zur Metropole und dem Fluss hin. Dies sorgt für reichlich Tageslicht und ein freundliches Ambiente im Inneren. Die Büros können flexibel angemietet und je nach Nutzung angepasst werden.

Die industrielle Vergangenheit zeichnet sich auch im Inneren des Fabrikgebäudes an der 10 Jay Street klar ab. Bauliche Eingriffe und Reparaturen, die über die Jahre vorgenommen wurden, blieben im Zuge der Sanierung ebenso erhalten, wie die ursprüngliche Gestaltung der Räume. Roter Backstein und Ziegel kleiden die Wände. Rohe Böden, Stahl und Betonsäulen sorgen gemeinsam mit dekorativen Bögen für einen modernen Industriecharakter in sämtlichen Bereichen.

 

 

Um auch die Uferpromenade neu zu beleben, entschieden sich die Besitzer Triangle Assets dafür, den Grund zwischen Gebäude und Wasser an den ­Brooklyn Bridge Park anzuschließen. Die Fläche ist nun Teil der kilometerlangen Parkanlage entlang des East Rivers, und lädt begrünt und mit Wegen durchzogen zum Spazieren, Laufen oder Erholen mit Blick auf die Manhattan Bridge ein. Diese Naherholungszone legt sich rund um den geschichtsträchtigen Bau und bettet ihn perfekt in seine Umgebung ein.

ODA Architects meisterten die Gratwanderung zwischen Historie und modernem Neubau mit Bravour. Sie bereichern damit nicht nur die Skyline der Metropole um ein Stück gebauter Zeitgeschichte, sondern machen vor, wie durch Umnutzung bestehende Bauten revitalisiert und so neu ins Stadtgefüge integriert werden können.

 

10 Jay
New York, USA

 Bauherr: Triangle Assets, Glacier Global Partners  
Planung: ODA New York                        
Mitarbeiter: Eran Chen, P. Christian Bailey, Ryoko Okada, Mark Bearak, Carolina Moscoso, Kate Samuels, Yongchun Choi, UnJae Pyon
Statik: Active Design Group Engineering (ADG)         

Bebaute Fläche: ca. 21.000 m2                            
Planungsbeginn: 2016                          
Fertigstellung: 2019

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Pavel Bendov

 

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Kategorie: Projekte

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