‚White Cube‘ mit urbaner Dichte

23. Oktober 2014 Mehr

 

 

 

CJ5 -Einfamilienhaus / Wien / Caramel architekten zt gmbh
Das ständige Wachsen der Stadt Wien bringt automatisch eine Verteuerung und Verknappung von bebaubaren Grundstücken mit sich. Die (gesellschaftspolitische) Frage einer nachhaltigen Verdichtung in der städtischen Randlage ist die große Herausforderung an Architekten. Denn, dass das Einfamilienhaus zwar noch immer der Traum 70 % aller Österreicher ist, jedoch ökologisch eine unhaltbare Lösung darstellt, ist mittlerweile fast jedem bekannt.

Das schmale, handtuchähnliche Stück Baugrund in Wien liegt in einer Bauklasse, die eine zulässige Gebäudehöhe zwischen 4,5 und 7,5 Meter ermöglicht. Diese Vorgaben lassen die Errichtung von zweigeschossigen Einzel- oder Reihenhausanlagen zu, die mit Ihren angeschlossenen Gärten und Terrassen auf Wohnebene einerseits eine hohe individuelle Lebensqualität vorweisen, aber andererseits durch Ihre geringe Nutzflächendichte NFD (= Wohnnutzfläche / Grundstücksfläche) von 0,2 bis 0,4 einen sehr hohen Flächenbedarf erzeugen. Im Einfamilienhausbau ist 0,2 bis 0,4 ja üblich; eine NFD von 1,0 hingegen entspricht einer Bebauung, die nur mit mehrgeschossigen dicht bebauten Wohnblocks erreicht wird. Auch aus infrastrukturellen und Raum sparenden Aspekten ist ein derartiger Wert – im Hinblick auf die städtische Nachverdichtung – erstrebenswert. Caramel architekten haben diese Herausforderung angenommen – und gewonnen!

Das Haus CJ5 von Caramel architekten ist ein ‚Kunststück‘, ein gelungenes Beispiel dafür, was in einer 5 x 35 Meter großen Baulücke mit dreiseitigen Feuermauern alles möglich ist. Das einzig Störende an dem Haus ist der stählerne Versorgungsmast der Stadt Wien vor der Haustüre – aber dafür können die Architekten wirklich nichts. Sie erzielten beim CJ5, unter Beibehaltung der Qualitäten des Einfamilienhausbaus mit großzügigem Garten und Terrasse auf der Wohnebene, eine NFD von 1,0, also vergleichbar mit einem dicht bebauten, mehrgeschossigen Wohnblock mit mehreren Einheiten ohne direkten Außenraumbezug. Auf der bebauten Fläche von 170 m2 wurden eine Garage, drei Wohnräume, ein Atelier, ein Atriumgarten und eine Terrasse/Sonnendeck untergebracht.

Möglich wird dies durch eine interne Vernetzung der Wohnebenen, einem zentralen Atriumgarten und – zentriert in den Dachflächen untergebrachten – horizontalen sowie vertikalen Belichtungsflächen.
Von der Straße erblickt man eine geschlossene, weiße Skulptur, einen ‚White Cube‘ mit zwei, kaum wahrnehmbaren Öffnungen – ein Garagentor und daneben der Eingang. Die Fassade knickt in der Höhe des ersten Geschosses 45 Grad nach hinten und durch diese Schräge wird mit einem großen Dachfenster der Innenraum belichtet. Dieser, fast zwei Geschoss hohe, ‚White Cube‘ – der auch als Atelier dient – setzt das äußere Erscheinungsbild im Inneren fort. Je weiter die Architektur sich in die Tiefe des Grundstückes entwickelt, desto mehr wächst sie in die Höhe und es entstehen trotz der Enge des Ortes, sehr großzügige, ineinander verwobene Räume.

Im Mittelpunkt der Raumfolge steht der Wohn-/Essbereich mit einer Höhe von nahezu 6 Meter. Darunter befindet sich noch ein Keller, der als Kinosaal dient. Die Erschließung erfolgt über eine mittig liegende, holzverkleidete Treppe. Sie verbindet nicht nur die Ebenen, sondern ist gleichzeitig Teil der Küche – in ihren Stufen sind die nötigen Geräte versteckt. Einzig ein weißes Pult aus Corian mit Abwasch und Herd ist sichtbares Kochutensil. Es ist auch der Anlass für die minimalistische Bezeichnung des Projektes: CJ5 steht für ‚Cooking-Jay-5m-Breit‘.
Das Prinzip der Einbaumöbel (aus dem Schiffsbau kommend) und der Multifunktionalität wird auch in den anderen Bereichen fortgesetzt. Eine im Boden versenkte Badewanne im Schlafzimmer mit Abdeckung, die Garderobe ist zugleich der Arbeitsbereich des Hausherrn, ein ebenfalls im Boden des Atriums versenkter, auf- und zuklappbarer Whirlpool, eine abgesenkte Sitzlandschaft, eine offene Feuerstelle, Kräuterbeete und Bambusstauden im Innenhof.

Im Wohn- und Bürobereich verbinden durchgehende Sichtbetonoberflächen mit Brettschalungsoptik an den Wänden und der Decke sowie durchgehende Holzbodenbeläge in gleicher Ausrichtung wie die Schalungsbretter der Wände den Innenraum und den Außenraum zu einem Raumkontinuum. Die seitlich angeschlossenen Räume, Bad und WC sind dann jeweils als eigenständige Farbinseln mit kleinstformatigen Fliesen ausgebildet. Von allen Wohn- und Bürobereichen bestehen durch das ‚Raum in Raum System‘ Sichtverbindungen untereinander und zum zentralen Außenraum, dem Gartenatrium.

Das Haus bezieht seine Energie beinahe energieautark aus Fotovoltaikfeldern an den südgerichteten Dachflächen und einer Luftwasserwärmepumpe und ist bezüglich Dämmwert als Niedrigenergiehaus ausgebildet. Es hat einen Heizwärmebedarf von 41 kWh/m²/a.

Haus CJ5
Wien, Österreich

Bauherr: privat
Planung: Caramel architekten zt gmbh
Mitarbeiter: Kolja Janiszevski
Statik: werkraum ingenieure Wien
Grundstücksfläche: 171,15 m2
Bebaute Fläche: 126,04 m2
Bruttogeschossfläche: 203,15 m2
Planungsbeginn: 08/2013
Bauzeit: 04 – 11/2013
Fertigstellung: 2014
Baukosten: netto 340.000 Euro

Zitat des Bauherrn: „Wir haben versucht, jeden Winkel des Hauses einem Design wie auch einem Nutzen zuzuführen. Dabei sind uns viele ‚Gustostückerl‘ gelungen: im Boden versenkte Badewanne, Küche in die Aufgangstreppe integriert, Ausziehladen unterhalb der Stiege, große Wandflächen.“

Text: Peter Reischer
Fotos: Hertha Hurnaus

 

 

 

 

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Kategorie: Projekte

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